Als Maria Kleiner im letzten Sommer Nachrichten schaute, kamen ihr die Tränen. Die Bilder von den Flüchtlingsbooten und ertrunkenen Menschen haben sie sehr berührt. «Da muss man doch helfen», hat sie damals gesagt. Gemeinsam mit ihrem Mann Johannes Kleiner hat sie sich entschlossen, in ihrem Haus im Untergäu Asylsuchende aufzunehmen.

Heute sitzen sie zusammen mit der 21-jährigen Roken Mohammad und dem 33-jährigen Faek Ramadan aus Syrien am Tisch im Wintergarten. Vor einem Jahr sind sie aus Syrien geflüchtet. Ramadan hat in Aleppo Jura studiert, der Krieg kam vor dem Abschluss. Seine Frau Roken Mohammad hat in einem Kindergarten Kurdisch unterrichtet.

Die beiden lernen Deutsch, haben aber noch Mühe, sich auszudrücken. Sie wünschen sich einen Deutsch-Intensivkurs. «Doch der Kanton hat bislang noch kein Angebot für sie bereitgestellt. Das ist schade», sagt Johannes Kleiner. Die Kleiners helfen mit der Sprache, wo sie können.

Roken Mohammad besucht einmal in der Woche einen Einsteigerkurs im «Cultibo» in Olten. Doch sie würde gern noch mehr lernen. «Wir sprechen so viel wie möglich Deutsch mit ihnen», sagt Johannes Kleiner. Oft auch mit Händen und Füssen. Wenn das ebenfalls nicht hilft, wird das Übersetzungsprogramm auf dem Handy zugezogen.

«Manchmal knallt es einfach»

Die Barrieren im Haushalt sind aber nicht nur sprachlicher Art. Die Syrer bringen nahöstliche Mentalität ins Einfamilienhausquartier. «Besuch ist so ein Beispiel», erzählt Maria Kleiner. «Für Faek und Roken ist der Besuch der König. Da wird alles für das Wohl des Besuchs getan», führt sie aus.

«Bei uns ist es jedoch üblicher, dass der Gastgeber bestimmt, wie der Besuch abläuft.» Beim Wort Besuch wechseln Roken Mohammad und ihr Mann Blicke und lächeln. Als die Asylsuchenden im Juni eingezogen sind, war Ramadan. Die gläubigen Muslime assen jeweils erst spätabends. «Dann, wenn wir langsam müde werden», sagt Johannes Kleiner.

Damit aus den späten Abendessen kein Konfliktherd wurde, haben die Gastgeber das Thema angesprochen. So haben sie bis jetzt jede Krise gemeistert. «Manchmal knallt es einfach. Das ist ja normal, wenn man zusammenlebt», sagt Maria Kleiner. Wie sieht der Alltag aus? Maria und Johannes Kleiner wissen gar nicht recht, wie sie das erklären sollen. Für sie ist nichts Spezielles dabei.

«Faek und Roken sind keine Belastung für uns», betont Maria Kleiner. «Sondern eine Bereicherung, wir sind wie eine Familie.» An den Wochenenden kochen sie oft gemeinsam, die Kleiners nehmen ihre Gäste auch mit zu Freunden oder an Familienfeste. Ramadan und Mohammad haben ihr eigenes Budget vom Kanton, manche Einkäufe werden gemeinsam getätigt.

Der Kulturaustausch durch den Magen funktioniert gut. «Roken war ganz aus dem Häuschen, als sie im Garten Weinblätter ernten konnte», sagt Maria Kleiner. Gefüllte Weinblätter sind eine syrische Spezialität. Wenn ihre Gastgeber sprechen, hören Mohammad und Ramadan aufmerksam zu und versuchen angestrengt, etwas zu verstehen. Auch wenn ihnen das nicht immer gelingt, wirken sie nie abwesend.

Erste Arbeitserfahrungen

Das verheiratete Paar hat ein eigenes Schlaf- und Wohnzimmer, Badezimmer werden geteilt. Faek Ramadan muss dieser Tage früh aufstehen. Er absolviert ein Praktikum als Küchenhilfe in einem Altersheim. Auf die Frage, ob es ihm dort gefalle, lächelt er verschmitzt und wechselt einen Blick mit Johannes Kleiner. «Es ist nicht seine Lieblingsbeschäftigung», sagt dieser.

Faek setzt einen entschuldigenden Gesichtsaufdruck auf. «Doch viel wichtiger ist, dass er diszipliniert ist», sagt Kleiner. «Er zeigt, dass er arbeiten möchte, erscheint jeden Morgen pünktlich im Altersheim. Sein Chef ist zufrieden mit ihm», sagt er fast wie ein stolzer Vater.

Doch Faek habe sich erhofft, dass er dort mehr Deutsch sprechen könne, das sei leider nicht der Fall. Auch Roken Mohammad hat schon Erfahrungen in der Schweizer Arbeitswelt gesammelt. In einem Coiffeursalon durfte sie eine Schnupperlehre machen.

Ihr Gesicht hellt auf. «Es hat mir gut gefallen», sagt sie und man merkt, dass sie gern ausführen würde. Auch ihr Chef habe sie gelobt, erzählt Maria Kleiner. Er hätte sie gern noch länger behalten. Doch die mangelnden Deutschkenntnisse machen es momentan unmöglich.

Das Ehepaar Kleiner hat keine Maximaldauer für die Beherbergung vorgesehen. «Wir wünschen uns, dass sie ihren Weg finden und ein selbstständiges Leben führen können.»

Und was wünscht sich das syrische Paar? «Arbeit und eine Wohnung», sagt Roken Mohammad. «Kinder», fügt ihr Mann hinzu. «Aber nur eines», sagt Mohammad. Und lacht zum ersten Mal laut.

Gastgeber und Asylsuchende müssen passen

Denise Kehrer ist Projektleiterin bei der Evangelischen Allianz für die private Unterbringung von Flüchtlingen. Bevor eine Familie Flüchtlinge aufnehmen kann, macht Kehrer einen Hausbesuch. «Ich inspiziere das Zimmer und schaue, dass genügend Privatsphäre vorhanden ist», sagt sie.

Bei ihrer Arbeit sind auch zwischenmenschliche Qualitäten gefragt. «Die Bereitschaft zum Teilen muss vorhanden sein», erklärt sie. In einem Gespräch versucht sie, die potenziellen Gastgeber so gut wie möglich einzustufen. Auch das Thema Islam spricht sie an, um kulturellen Missverständnissen vorzubeugen.

Auch bei den Flüchtlingen gibt es eine Selektion. «Grundsätzlich kommen für die private Unterbringung nur Asylsuchende infrage, bei denen eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit besteht, in der Schweiz aufgenommen zu werden», sagt Kehrer. Der Kontakt zu den Gastfamilien soll den Flüchtlingen helfen, sich schneller in der Schweiz heimisch zu fühlen. Dadurch haben sie später bessere Chancen, ein selbstständiges Leben in der Schweiz zu führen.

Noch werden Familien oder Einzelpersonen gesucht, die Flüchtlinge aufnehmen. Die Asylsuchenden erhalten das gleiche Taggeld wie in einer Asylunterkunft; die Gastfamilie den Beitrag, den der Kanton an die Unterkunft zahlen müsste. (JGL)