Offenes Netz

Erhält Olten bald ein flächendeckendes Glasfasernetz zum Nulltarif?

Baudirektor Thomas Marbet (rechts) informiert sich im November 2017, wie die Firma Cablex das Glasfasernetz für die Swisscom in Olten aufbaut.

Baudirektor Thomas Marbet (rechts) informiert sich im November 2017, wie die Firma Cablex das Glasfasernetz für die Swisscom in Olten aufbaut.

Die Swiss4net Holding AG baut auf eigene Kosten offene Glasfasernetze, die alle Telekomanbieter gegen eine Gebühr nutzen können. Nun zeigt sie Interesse, dies auch in Olten zu tun. Die Stadt und die Städtischen Betriebe geben sich zurückhaltend.

Ein flächendeckendes Glasfasernetz mit dem Ausbaustandard «Fiber to the Home», also bis zum Hausanschluss, ist im Festnetzbereich die Technologie der Zukunft: Wer privat Musik oder Videos runterlädt, geschäftlich eine Konferenzschaltung machen will, ist auf eine gute Datenübertragung angewiesen. Mit Glasfasern sind praktisch unlimitierte Up- und Downloadgeschwindigkeiten möglich.

Derzeit ist der Standard bei 1 Gigabit pro Sekunde bei der Up- und Downloadgeschwindigkeit. Bei den aktuellen Angeboten von Swisscom und UPC in Olten liegt die maximale Downloadgeschwindigkeit bei rund 600 Megabit, wobei die Uploadrate normalerweise nur 10 bis 20 Prozent der Downloadrate beträgt.

Auch die Swisscom baut derzeit ein Glasfasernetz, allerdings nur mit dem Ausbaustandard «Fiber to the Street» respektive «Fiber to the Building», das heisst bis zur Strasse respektive zu den grösseren Gebäuden wie Mehrfamilienhäusern. Für die letzte Meile bis zum Hausanschluss wird weiterhin das bestehende Kupferkabel verwendet. Wie diese Zeitung weiss, zeigt nun die Swiss4net Holding AG mit Sitz in Zug Interesse, in Olten ein offenes Glasfasernetz aufzubauen und zu betreiben, wie dies bereits in Baden AG und Chiasso TI in Betrieb ist. Dies wurde Anfang Woche an einem internen Anlass bekannt, zu dem Tobias Oetiker, Gemeindeparlamentarier von Olten jetzt!, eingeladen hat. Er hat zum gleichen Thema bereits einen Vorstoss eingereicht, der in der Mai-Sitzung behandelt werden soll.

Die Firma Swiss4net investiert in den Ausbau und Betrieb von modernen Breitband-Glasfasernetzen mit dem Ausbaustandard «Fiber to the Home» und stellen die Infrastruktur den Telekommunikationsanbietern «zu attraktiven Bedingungen» zur Verfügung, wie auf ihrer Website steht. Sie verfolgen diese Strategie in Gemeinden und Kleinstädten. Selbst treten sie nicht als Anbieter auf und tragen so «zu enormem Vertrauen und viel Goodwill» bei, wie es weiter heisst.

Der Endkunde könne unabhängig vom Telekomanbieter frei sein Wunschprodukt auswählen. Die Swiss4net sieht sich daher als «einziger unabhängiger Treiber des freien Endkunden-Wettbewerbs im Telekommarkt». Mit dem dadurch entstehenden Wettbewerb sorgt die Firma für «bezahlbare Preis-Leistungsangebote». Sie hält sich zudem an die Richtlinien des Bundesamtes für Kommunikation bei «Fiber to the Home»-Installationen.

So wird der Ausbau finanziert

In Baden/Ennetbaden und in vier Gemeinden rund um Chiasso hat Swiss4net in den vergangenen Jahren bereits ein offenes Glasfasernetz aufgebaut und dort separate Tochtergesellschaften gegründet. Die Kosten für den Aufbau des Netzes trug die Holding selbst. Der Anschluss an eine Liegenschaft in Baden wie in Chiasso bis zur optischen Telekommunikationsdose, wo das Modem angeschlossen werden kann, ist für die Eigentümer kostenlos. Der Ausbau mit Glasfaser innerhalb der Wohnungen und Büros muss dann der Eigentümer selbst übernehmen.

Wie finanziert Swiss4net die Aufbaukosten? Die Holding gehört dem englischen Telekominvestor Arcus Infrastructure Partners LLP mit Sitz in London und dem Schweizer Lebensversicherungskonzern Swiss Life sowie der Migros-Pensionskasse, wie einer Broschüre zu entnehmen ist. «Die Swiss4net-Gesellschafter verwalten ein Gesamtvermögen von rund 220 Milliarden Franken und besitzen erhebliche finanzielle Ressourcen – Bankdarlehen oder Fördergelder werden nicht benötigt», heisst es dort weiter. Sie seien zudem «langfristig orientierte Investoren mit einem Anlagehorizont von über zehn Jahren». Insgesamt wurden dank den Investorengeldern bereits 850'000 Anschlüsse mit dem Ausbaustandard «Fiber to the Home» in Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz realisiert.

Wie in Baden und Chiasso würde auch in Olten ein Glasfasernetz mit dem gleichen Standard gebaut. Das heisst, von der eigenen Datenzentrale werden je vier Glasfasern in jede einzelne Wohnung gezogen, dazu kommen zwei weitere Glasfasern für jedes Gebäude, wie die Grafik auf der Website von Swiss4net zeigt. «Von der Datenzentrale (...) führt zu jedem einzelnen Anschluss eine separate, wenige Mikro-Millimeter dünne Glasfaser. In Analogie zum Autoverkehr hat jeder seine eigene Autobahnspur, Stau gibt es nie», lässt sich der Swiss4net-Geschäftsführer Roger Heggli auf der Website zitieren. Auf Anfrage dieser Zeitung will Heggli zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellung nehmen. Damit müssen etwa folgende Fragen offenbleiben: Wie hoch wären die Investitionen in ein offenes Glasfasernetz in Olten? Wie hoch ist die Rendite bei den bereits bestehenden Netzen in Baden und Chiasso? Welche Kosten haben die Kunden zu erwarten für den Ausbau mit Glasfaser innerhalb der Wohnungen und Büros?

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Vorteile für Stadt und Stadtwerk

Würde in Olten ein offenes Glasfasernetz erstellt, käme die Stadt kostenlos zu einer neuen zukunftsträchtigen Infrastruktur. Das würde die Standortattraktivität erhöhen, schreibt Swiss4net auf ihrer Website. Die Städtischen Betriebe Olten erhielten ausserdem eine Gebühr für die Nutzung der Rohre im Boden durch Swiss4net respektive durch die für Olten gegründete Tochtergesellschaft. Zum anderen könnten die Städtischen Betriebe die zusätzlichen zwei Glasfasern in jedem Gebäude für die elektronischen Stromzähler zu Vorzugskonditionen nutzen. Nicht zuletzt hätte das Stadtwerk die Möglichkeit – zu gleichen Konditionen wie alle anderen Telekommunikationsanbieter auch –, den Kunden eigene Produkte übers Glasfasernetz anzubieten.

Im inzwischen zu einem Postulat umgewandelten Vorstoss von Gemeindeparlamentarier Tobias Oetiker soll der Stadtrat prüfen, ob die Städtischen Betriebe Olten nicht selbst ein offenes Netz mit dem Ausbaustandard «Fiber to the Home» realisieren und den Telekommunikationsfirmen zur Verfügung stellen sollten. Der Stadtrat empfiehlt dem Gemeindeparlament, den Vorstoss abzulehnen, weil ein solches Netz und die Investition in zweistelliger Millionenhöhe mit dem neuen Mobilfunkstandard 5G nicht mehr sinnvoll seien.

Baudirektor Thomas Marbet, der selbst im Verwaltungsrat der Städtischen Betriebe sitzt, schreibt auf Anfrage zum Interesse der Swiss4net: «Die Erstellung eines weiteren Breitbandnetzes in Olten beinhaltet grosse unternehmerische Risiken. Daher ist es sinnvoll, wenn dies von Akteuren mit einer klaren Strategie, einem entsprechenden Kapital und einschlägigem Know-how umgesetzt wird.» Beim Geschäftsmodell der Swiss4net gibt es gemäss Marbet aber noch offene Fragen, wie etwa: Gäbe es eine Nutzungspflicht für die Hausbesitzer oder wie hoch sind die Preise für die Glasfasern und die Services? Der Einwohnergemeinde respektive den Städtischen Betriebe liegen laut Marbet allerdings noch kein Angebot der Swiss4net Holding vor.

Auch die Städtischen Betriebe Olten gegen sich zurückhaltend. Sie seien zwar für «einen Gesprächsaustausch» offen, wie Kommunikationsleiter Beat Erne auf Anfrage schreibt. Ob genügend freie Rohre für ein neues flächendeckendes Glasfasernetz verfügbar wären, «davon kann nicht ausgegangen werden», schreibt Erne weiter. Zudem gehen die Städtischen Betriebe nicht davon aus, dass Swiss4net für sie die Herausforderung des Smart Metering, der intelligenten Zähler, lösen werde. Das Stadtwerk ist daher eine Kooperation mit e-sy AG eingegangen. Die Firma wurde Anfang März 2019 von verschiedenen Energieversorgern zu diesem Zweck gegründet.

Erfahrungen mit der Swiss4net

Die Regionalwerke Baden vermieten der Betreiberfirma Baden4net, eine Tochtergesellschaft der Swiss4net, die Rohre für das Glasfasernetz. Weitere Auskünfte will Geschäftsführer Michael Sarbach auf Anfrage allerdings nicht erteilen. «Im Vertrag haben wir Stillschweigen vereinbart.» Die Regionalwerke, die wie die Städtischen Betriebe Olten den Einwohnern als Energieversorger Strom, Wasser, Gas und Wärme als Monopolist zur Verfügung stellen, bieten auf dem offenen Glasfasernetz selbst keine Produkte an. Das sei ein Grundsatz-Entscheid gewesen, der vor einigen Jahren gefällt wurde, sagt Sarbach. Seit 2018 sind über 90 Prozent der Haushalte in Baden mit den Glasfasern erschlossen, wie das «Badener Tagblatt» berichtete. Insgesamt sieben Anbieter nutzen das offene Netz, darunter die Sunrise, wie auf der Website von Swiss4net ersichtlich ist. Die Telekommunikationsfirma schreibt auf Anfrage: «Die Erfahrungen von Sunrise mit dem Partner Swiss4net sind sehr gut.» Die Firma biete einen offenen Zugang zu ihren Glasfasernetzen «ohne Wenn und Aber». «Das bringt echten Wettbewerb auch zu unserem Vorteil.»

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