Wer den Namen «Paris» hört, denkt an hübsche Cafés, beeindruckende Sehenswürdigkeiten, den Geruch von Croissants und verliebte Pärchen. Doch die Stadt der Liebe hat noch eine andere, dunklere Seite. Es ist eine Seite, wie sie Jael Schärli bestens kennt. Denn die Oltnerin war über die Festtage im Norden von Paris unterwegs, um dort Flüchtlingen zu helfen.

Wobei der Ausdruck «Flüchtlinge» nicht ganz korrekt sei, korrigiert Schärli: «Für viele ist Paris die Endstation, sie sind nicht mehr auf der Flucht. Deshalb nennen wir sie obdachlose Geflüchtete.» Nachdem vielen von ihnen das Recht auf Asyl in Ländern wie Deutschland oder Italien verwehrt wurde, zogen sie weiter nach Paris. Dort warten sie jetzt, hoffen und bangen auf ein Wunder und eine bessere Zukunft.

Zweieinhalb Wochen lang arbeitete die 29-jährige Sozialarbeiterin der Organisation Rastplatz (siehe Box) Tag und Nacht, verteilte freiwillig Schlafsäcke, Zelte, Decken, kochte warme Mahlzeiten und brachte ein wenig Licht in das sonst so triste Leben der Geflüchteten.

Lange Tage, kurze Nächte

«Es ist sehr anstrengend, sowohl körperlich als auch emotional», erzählt Schärli. «Wir wissen nie, was uns erwartet und was die Behörden erlauben.» Mittlerweile ist «Rastplatz» als Hilfsorganisation zertifiziert und kann sich so ausweisen, was die Arbeit erleichtere. «Aber wenn die Polizei Gasflaschen sieht, schrillen bei ihnen die Alarmglocken», erklärt Schärli.

«Auch wenn wir diese nur zum Kochen benötigen.» Die Helfer müssen daher bei jedem der Einsätze flexibel sein. Schärli selbst hat langjährige Erfahrung mit der humanitären Arbeit in anderen Ländern. Die Oltnerin arbeitete unter anderem bereits in Israel, Palästina und Ghana.

Seit der Gründung von «Rastplatz» war sie auch schon im kroatischen Bapska, im französischen Dunkerque und in Rom unterwegs. Nun war sie über Silvester in der französischen Hauptstadt tätig. Und dies auch bereits zum dritten Mal.

Während die Tage jeweils sehr lang waren, fielen die Nächte umso kürzer aus. Geschlafen habe die Oltnerin meistens nur von etwa 6 bis 11 Uhr morgens. Danach hat das Team von «Rastplatz» das Mittagessen vorbereitet. «Pro Essen verteilen wir bis zu 500 Mahlzeiten an die Geflüchteten», so Schärli. «Meistens bereiten wir eine Art Eintopf zu, mit viel Gemüse, Bohnen oder Kartoffeln.» Oftmals fügt das Team auch Couscous oder Linsen hinzu. Hauptsache ist, der Eintopf ist nahrhaft, vitamin- und proteinreich und füllt die leeren Mägen.

Das Abendessen übernahmen lokale Organisationen. Mit fünf anderen Institutionen arbeitete Schärli eng zusammen. Gemeinsam mit «Paris Refugee Ground Support» verwaltete «Rastplatz» beispielsweise das Material, welches die freiwilligen Helfer dann am Abend und in der Nacht an die Menschen in Not verteilten.

Leben für die Geflüchteten ist hart

«Was wir teilweise vorfinden, kann man mit Worten kaum beschreiben», schildert die 29-Jährige. Knapp 3000 Menschen leben nach ihren Angaben schätzungsweise auf den Strassen von Paris, vor allem im Gebiet Paris Nord, abseits der üblichen Touristenattraktionen. «Jetzt im Winter ist es noch schlimmer als beim letzten Mal», erzählt Schärli weiter. «Viele sind krank, fragen nach Medikamenten und alles ist nass. Hygiene-Einrichtungen gibt es kaum, geschweige denn genügend warmes Essen.» Die Oltnerin seufzt. «Das ist kein richtiges Leben.»

Die Geflüchteten, meistens zwischen 20 und 40 Jahren alt, schlafen unter Brücken, entlang Kanälen und Autobahnen. Viele haben nur einen Kartonfetzen als Unterlage. Ihnen verteilen die Helfer Decken, Zelte und Schlafsäcke. Am nächsten Morgen werden die Obdachlosen jedoch oft von der Polizei geweckt, mit Pfefferspray vertrieben, das Material weggeschmissen.

Viele stehen deshalb früh auf, verstecken ihre Sachen und wandern den ganzen Tag lang durch Paris. «Wenn sie Glück haben, sind ihre Sachen abends noch dort, wo sie sie versteckt haben», erzählt Schärli. «Wenn nicht, stehen sie wieder ohne etwas da.»

«Uns ist klar, dass das, was wir machen, nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist», sagt die Oltnerin. «Aber ohne unsere Unterstützung hätten die Menschen weder warmes Essen noch Schlafutensilien in dieser derzeitigen Kälte und Nässe.» Und selbst wenn die Organisation nichts an der tragischen Situation der Geflüchteten ändern kann, ernten sie doch grosse Dankbarkeit von ihnen. «Schon nur ein Lächeln ist die ganze Arbeit wert.»

Soziale Ader im Blut

Warum sie diese Arbeit denn immer wieder auf sich nehme? Schärli lacht und antwortet: «Die soziale Ader liegt mir einfach im Blut.» Sie sei auch sehr weltoffen erzogen worden. «Seit ich einmal das Leid von Menschen gesehen habe, kann ich nicht einfach nur zusehen, sondern will dazu beitragen, ihre Situation zu verbessern.» Wenn sie mit «Rastplatz» unterwegs sein will, brauche sie aber jeweils schon viel Durchhaltevermögen, Kraft und Ausdauer, um diese Eindrücke verarbeiten zu können.

Ebenfalls schwierig sei es dann auch, wieder zurück in die Schweiz zu kehren: «Hier habe ich so viel, während andere knapp ein Zeltdach über dem Kopf haben.» Schon nur geregelte Mahlzeiten und fliessendes Wasser seien ein Luxus, welcher den Menschen, die Schärli während ihrer Aufenthalte sieht, verwehrt seien. «Trotzdem muss ich mir nach den Einsätzen mit «Rastplatz» teilweise wieder sagen, dass ich meine Privilegien auch geniessen darf.»