Olten

Ein Fineliner ist nicht immer ein Filzstift: Textildesignerin präsentiert ihre Kollektion

Selina Peyer im Atelier am Mühletalweg neben ihrem Modell Forget me dot; rechts das Modell Pleats please.

Pullover – kreiert in Olten: Textildesignerin Selina Peyer bringt in diesen Tagen ihre erste Kollektion auf den Markt.

Sie heissen Fineliner, Forget me dot, Headliner, on the dot, out of the box und Pleats please. Allesamt Pullover aus der Hand der 28-jährigen Textildesignerin Selina Peyer. Zugegeben: Die Namen der sechs Modelle sind etwas gewöhnungsbedürftig. Was man dabei jedoch mit Sicherheit lernt: Ein Fineliner ist nicht immer ein Filzstift. Und: Aussergewöhnliche Designer geben ihren Modellen ebensolche Namen. Dafür ist deren Chic schon fast zeitlos. Denn Zeitloses trägt sich bei entsprechender Qualität gerne und lange, sehr lange. Eine der Absichten Peyers. «Aus ökologischen Gründen», wie sie sagt. «Slow Fashion» nennt sie das. Oder sinnhaft ins Deutsche übersetzt: nachhaltig – von der Faser bis zum fertigen Produkt. Ein sinnliches Verhältnis zum Kleidungsstück strebt die Textildesignerin an. Denn: «Den Träger emotional an das Kleidungsstück zu binden verlängert die Verbrauchsphase», sagt die Aargauerin, die just Mitte September mit ihrer ersten Kollektion überhaupt die Modebühne für Herbst Winter 19/20 betritt.

Im März wurde die Firma eingetragen

«Vielleicht ist Textildesignerin ein einsamer Beruf», sagt sie. «Jedenfalls am Anfang, wenn man alleine seinen Ideen nachgeht und alles rundherum selber organisieren muss.» Im März dieses Jahres hat sie ihr Geschäft im Handelsregister eintragen lassen; Feel a Fil mit Name. Die englisch-französische Wortschöpfung besagt: Fühl den Faden! Was dabei herauskommt: designed by Peyer. Wieso sie ihr Label nicht einfach Peyer genannt hat? «Weil der Name des Textildesigners nicht am Ende der Produktionskette steht, sondern am Anfang.» Aha. Insofern versteht sich die Aargauerin, die seit zweieinhalb Jahren in Olten wohnt und arbeitet, also nicht als Modeschöpferin, bleibt ihrem angestammten Beruf treu. Ob Design eigentlich Kopfsache ist? Selina Peyer denkt nach. «Nicht nur», sagt sie dann. «Design entsteht durch viele äussere und innere Einflüsse.» Aber natürlich spiele der Kopf, das Rationale, auch seinen Part.

Ab Mitte September folgt die Auslieferung

Demnächst wird ihre Kollektion im betriebsinternen Internetladen und in ausgewählten Boutiquen in Bern, Basel, Liestal, Aarau und Zürich zu finden sein. «Man bietet seine Produkte auch gezielt bei einem Besuch in einer Boutique an», sagt Selina Peyer. Dort entscheidet der Betreiber, ob und wie viel Stück ins Sortiment aufgenommen werden. 360 Pullover umfasst die Kollektion, die sie im Moment noch in der guten Stube zu Hause verwahrt und die ab Mitte September erhältlich sein werden. Das Ergebnis einer trinationalen Kooperation übrigens: nach einer Idee aus der Schweiz mit Garn aus Italien in Deutschland hergestellt. «Ich bin bestrebt, die Produktionswege kurz zu halten», sagt Selina Peyer, die auch schon beim belgischen Modedesigner Christian Wijnants ein Strick- und Textildesign-Praktikum absolviert hat und später, zurück in der Schweiz, als Junior Designerin bei Fabric Frontline in Zürich arbeitete. Und so mit der Zeit reifte der Entschluss, in der Branche mit eigenem Label aufzutreten. Während viele aus Peyers Ausbildungslehrgang wieder in ihre alten Berufe zurückgekehrt sind, hats die Aargauerin packen wollen. Mit Haut und Haaren.

Etwas wagen zum jetzigen Zeitpunkt

Natürlich: Der Betrieb sei ein Risiko; dasjenige einer Unternehmerin halt. «Ich bilde mir nicht ein, gleich mit meiner ersten Kollektion einen absoluten Volltreffer landen zu können, das wäre zu gewagt», sagt sie. Aber natürlich habe sie ein imaginäres Publikum im Kopf, ein Publikum, dem die Kollektion gefallen könnte, dem die Produktionsweise sympathisch sei, der Schnitt passe. Man brauche in der Branche halt auch ein wenig Biss, Durchstehvermögen und natürlich eine Portion Optimismus. «Ich habe mir die Gründung der Firma gut überlegt und wusste, dass ich diesen Schritt später nicht mehr wagen würde.»

Ans Scheitern denkt die Designerin nicht. Aber grundsätzlich ausschliessen? Das ist, wie der Volksmund so sagt, nicht das Strickmuster der Selina Peyer, die sich als «eigentlich ziemlich bodenständig» bezeichnet. Vielleicht auch deshalb die Hinwendung zum Pullover, dem traditionellen Oberbekleidungsstück schlechthin. Während er in der Bekleidungsgeschichte lange Zeit als unvereinbar mit modischer und seriöser Kleidung galt, etablierte er sich im Laufe des 20. Jahrhunderts nach und nach. Dieser Prozess ist gekoppelt mit der gesellschaftlichen Akzeptanz von Sport und mit Reformbewegungen. So konnte sich schon in den späten 1930er-Jahren das Twinset, das Strickensemble in der Damenbekleidung, etablieren.

Eigentlich absolut positive Vorzeichen. Aber stricken? Ist stricken nicht ein bisschen Mief, aus der Mode gekommen? Selina Peyer besinnt sich ob solcher Fragen. «Ich glaube, das klassische ‹lisme› ist vielleicht nicht mehr ganz so aktuell, aber Produkte ab der Strickmaschine dürften einen andern Ruf geniessen.» Zudem sei die junge Generation kaum mehr mit dem klassischen Handstricken konfrontiert worden. «Deshalb ist der Mief dort womöglich gar nicht so verbreitet», erklärt sie.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1