Mit sicht- und hörbarem Spass basteln die Erstklässler/-innen in Kappel an einer Taschentuchbox – «für Mami und Papi zu Weihnachten», erklärt ein Kind. Das besondere dabei: Wie immer an einem Halbtag pro Woche werden die Schüler/-innen verschiedener Klassen im Unterricht seit Anfang Schuljahr 2014/15 nicht «nur» von den Lehrkräften betreut, sondern auch von den im Untergäu und Gäu wohnhaften Seniorinnen Elisabeth Fraser, Hedy Schenker und Trudi Ackermann sowie dem Senior Bruno Ziegler. Den Kindern gefällt die Zusammenarbeit mit ihnen «gut»; «ich finde es schön», sagt ein Junge.

Das Projekt «Seniorenhilfe Schule» der Pro Senectute hat die Kappeler Schulleiterin Therese Chrétien «schon länger» interessiert. «Ich hörte im Aargau davon.» Es folgte eine Kontaktaufnahme mit Julia Linder, der zuständigen Leiterin der kantonalen Koordinationsstelle Alter, die Vorstellung im Lehrerteam und die – laut Chrétien «kampflose» – Bewilligung durch den Gemeinderat. Danach wurde per Inserat nach interessierten Seniorinnen und Senioren gesucht. «Im Lehrerteam waren die Reaktionen auf die Seniorenhilfe durchwegs positiv», sagt Therese Chrétien. «Vor allem in der Unterstufe meldeten sich Lehrpersonen, die gerne eine Unterrichtshilfe hätten.»

Widmer: «Chemie stimmt sehr gut»

Erst fand eine Schnupperstunde mit Senioren und Lehrkräften statt. Die Vorlaufzeit von der Idee bis zur Einführung des Projekts dauerte laut Chrétien rund ein halbes Jahr. Die vier Kappeler Seniorenvertreter/-innen sind einmal wöchentlich an verschiedenen Tagen zwischen zwei und vier Lektionen im Werkunterricht der ersten, zweiten und vierten Klasse sowie in der Halbklasse Werken im Einsatz. Zurzeit kommen rund 60 Kappeler Kinder in den Genuss der Seniorenhilfe. «Eine gute Quote bei total 251 Kindern», so Chrétien.

Werklehrerin Jolanda Widmer fand das Projekt «Seniorenhilfe Schule» aus mehreren Gründen interessant. «Wir haben grosse Schülergruppen. Die erste Klasse besteht aus 26 Kindern. Da hat man immer zu wenig Hände und Augen, um auf die Kinder zu schauen.» Auch den Austausch mit älteren Menschen findet sie «sehr gut». Für das Programm ist die Lehrperson zuständig. Sie und die Senioren «spannen danach den Bogen miteinander und schauen, woran wir sind und wie wir weitermachen». Jolanda Widmer findet die Seniorenhilfe «einfach gut. Die Chemie muss stimmen. Das ist bei mir so.»

Der Projektstart in Kappel im August sei für die Senioren ein Sprung ins kalte Wasser gewesen, erinnert sich Erstklasslehrerin Doris Friedli. «Sie bringen eine andere Rolle in die Schulklassen hinein.» Für die Kinder sei es «schön, eine andere Anlaufstation zu haben als die Lehrperson», ergänzt Viertklasslehrerin Corinne Bucher. Ein wichtiger Faktor sei «die Zeit, die die Senioren den Kindern schenken und ihnen damit zeigen können, dass sie für jemanden wichtig sind», sagt Therese Chrétien. Es sei nicht selbstverständlich, dass «jemand seine Zeit opfert, in die Schule kommt und an seinem Engagement auch dranbleibt». Das Interesse, dass sich Senioren bei schulischen Projekten einbringen, sei besonders für Kinder gross.

Einmal etwas durchgehen lassen

«Es tut gut, wenn man gefragt ist», sagt Elisabeth Fraser, die per Inserat vom Schulhilfeprojekt erfuhr. Die frühere Primarlehrerin hat sich nach der Pension nicht gleich festlegen wollen und Verschiedenes unternommen. Unter anderem war sie an der Universität für Senioren. «Der wöchentliche Einsatz gibt mir eine Struktur. Ich fühle mich an der Schule Kappel wie zu Hause – und wieder als Lehrerin.» Die frühere medizinische Praxisassistentin und Altersheim-Mitarbeiterin Trudi Ackermann ist «schon länger» für Pro Senectute tätig und hat vom Schulhilfeprojekt «an einem Austauschtreffen gehört. Mit Kindern zu arbeiten hat mich speziell gereizt». Hedy Schenker war bis 2011 Sachbearbeiterin im Finanzwesen und seit ein paar Jahren glückliche Grossmutter. Sie wurde von der Schulleiterin angeworben. «Ich wusste, dass sie Kinder mag und sah sie in diesem Projekt», so Therese Chrétien.

«Ich habe keinen Leistungsdruck und keine Verantwortung, das ist ein gewaltiger Vorteil», sagt Bruno Ziegler. Der pensionierte Leiter einer technischen Abteilung bei Nestlé war «neugierig darauf, etwas Neues zu machen, und kannte aufgrund einer Schullagerteilnahme die Kappeler Schulleitung». Ziegler empfand die Einführung in der Schule als «sehr gut. Man kommt mit anderen Lehrpersonen ins Gespräch; das ist sehr wertvoll.» Von den Kindern hat Ziegler «nur positive Reaktionen» bekommen. «Ich kann ihnen viel geben. Man muss ihnen aber erst vormachen und es ihnen beweisen, dass man ihnen helfen kann.» Als Privileg der Senioren bezeichnet er den Umstand, dass «wir den Kindern auch einmal etwas durchgehen lassen können, was die Lehrer nicht können». Für ihn steht die Freude an der Arbeit mit Kindern im Vordergrund. «Die Wertschätzung, die man von Schule und Kindern bekommt, ist gross.»

Chrétien: «Kein Ende abzusehen»

Aufgrund des laufenden Generationenwechsels würden die Lehrpersonen «immer jünger», hält Therese Chrétien fest. «Die Senioren sind eine wertvolle Ergänzung, auch mit dem Hintergedanken, dass Ressourcen nicht verloren gehen.» Und: «Die Grosseltern leben seit zwei, drei Generationen nicht mehr im selben Haus wie die Kinder. Nicht alle haben das Glück, Grosseltern zu haben.» Der Schulleiterin und ihrem Team sind Seniorinnen und Senioren – auch «neue» – willkommen. «Solange sie Spass an der Arbeit haben und es mit den Lehrpersonen gut funktioniert, setzen wir sie sehr gerne ein.»