Christian Amoser

Dieser Oltner kennt sich in Sachen Oldtimer-Fahrräder aus — und auch mit deren Geschichte

Christian Amoser aus Olten ist ein Experte, wenn es um alte Fahrräder geht. Auch deren Geschichte der Etablierung ist für ihn Thema. Er verrät: Velo-Höhepunkte wie zum jetzigen Zeitpunkt gab es nicht immer.

Er erscheint, zumindest für den Laien, quasi stilecht: Schiebermütze, gestreiftes T-Shirt, Dreiviertelhose, Lederschuhe. «Wo denken Sie hin», sagt er beschwichtigend. «Höchstens annäherungsweise.» Das Rad lässt Christian Amoser dabei nicht los: Modell Teutonia IV des Herstellers Seidel & Naumann aus Dresden. Jahrgang 1889. Über 130-jährig ist das Ding, Vollgummibereifung obendrein. «Das Älteste in meiner Sammlung», sagt der 59-jährige Energieingenieur, der ein rundes Dutzend anderer Modelle in seinem Stall weiss. Dabei scheint die Teutonia IV einem zeitgenössischen Velo noch nicht mal so unähnlich in seiner Erscheinung; eine Mischung aus Kreuz- und Diamantrahmen, Letzter ist heute der Standardrahmen schlechthin. «Ich bin jetzt von zu Hause hierhergefahren und glaube nicht, dass ich irgendjemandem aufgefallen bin», erklärt der Veloliebhaber lächelnd.

Seit mehreren Jahrzehnten schon veloaffin

Amoser ist veloaffin, seit Jahrzehnten schon. Er war Präsident der örtlichen IG Velo, wirkte mit bei der Umsetzung der Solothurner Radwanderwege im Rahmen von CH 91, der gescheiterten Landesausstellung. Die Geschichte des Velos und Amosers Interesse daran kamen später. Um seine Maxime jenseits der technischen Aspekte auf den einfachsten Nenner zu bringen: «Fahren wie früher: Das macht für mich den Reiz aus.» Und dann erzählt er vom Feeling auf der Teutonia IV: «Hier auf dem Ildefonsplatz geht’s ganz gut. Aber sobald die Unterlage rauer wird, etwa auf Feldwegen, wird das Fahren enorm kraftaufwendig.» Wohl aus diesem Grund lässt sich das Hinterrad der Teutonia IV auch andersrum einbauen. «Das war so etwas wie eine Gangschaltung, die etwa noch von Rennfahrern genutzt wurde, als noch keine eigentliche Schaltung erlaubt war», fügt er hinzu.

Die Geschichte des Velos: auch eine von Irrwegen gepflasterte Strecke. «Das Hochrad ist zwar in breitesten Kreisen bekannt, aber es war extrem gefährlich. Die Fahrer stürzten häufig kopfüber aufs Pflaster und zogen sich schwere Verletzungen zu.» Und die Frauen? «Velofahren war mal reine Männersache», sagt der Familienvater. «Wagten sich Frauen aufs Velo, so wurden sie noch bis ins erste Viertel des 20. Jahrhunderts beim Vorbeifahren mitunter noch bespuckt.» Überhaupt gab’s ein gesellschaftliches Misstrauen gegenüber dem «Velociped», dem französischen Begriff, aus dem später das Kürzel «Velo» wurde. «Zu ungesund, vor allem für Frauen», meint er. Amoser bezieht sein historisches Wissen aus Berichten, Zeitschriften oder anderen Publikationen, denen er auf der Spur ist und die er sich auch via Internet beschafft. Selbst Australien ist nicht zu fern, um von dort Infos zu bekommen.

Nicht immer erlebte das Velo Höhepunkte wie eben jetzt. «Ich glaube, die Jahrzehnte zwischen 1960 und 1980 können als Baisse der Velokultur angesehen werden», meint er. Schlechtes Material, flüchtige Produktion. Als Beispiel zieht er den Dynamo heran, der damals schnell ausleierte, schwergängig wurde oder schmierte. «Gehen Sie in die Dreissigerjahre zurück: Dort finden sich zwar schwere Modelle, die aber leichtgängig sind und problemlos wieder auf Vordermann gebracht werden können.»

Zurück zur Teutonia IV, dem musealen Exemplar: «Das Rad ist fast überrestauriert», findet er als Verfechter einer Pflege, die nicht der Idee des «wie neu aussehen» nachhängt. Er denkt auch nicht über einen Verkauf nach, aber im Handelswert eines flotten Mountainbikes sieht er seine Teutonia schon. Was er sich noch in die Sammlung wünsche? «Vielleicht ein Rennrad aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts», sagt er dann. Aber es müsse nicht sein. «Denn wissen Sie, ich will ja kein Privatmuseum führen.»

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urs huber

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