Stefan Frey, Sie haben im Rahmen Ihres Projekts Mad’ Eole im letzten Jahrzehnt vier Dörfer in Madagaskar mit Wind- und Solarstrom versorgt. Das fünfte steht kurz vor der Inbetriebnahme des Systems. Sind Sie im Fahrplan?

Stefan Frey: Nein, eigentlich nicht. Wir hatten ursprünglich geplant, dass wir bis 2013/14 mit allen 15 Dörfern, die wir als Teil unseres Projekts mit Strom versorgen wollen, fertig sind. Davon sind wir aber noch weit entfernt und es wird auch noch viele Jahre dauern, bis wir so weit sind. In den Dörfern, die wir elektrifiziert haben, läuft das Projekt aber sehr gut und auch die Auswirkungen für die Bevölkerung sind spürbar.

Was sind denn die Gründe für die grossen Verzögerungen?

Das Problem ist nicht das Projekt selbst, sondern die politische Lage in Madagaskar. Seit wir dort sind, hat die Regierung vier Mal gewechselt. Gerade vor zwei Wochen wurde der aktuelle Staatspräsident, in den wir grosse Hoffnungen gesteckt hatten, vom Parlament abgesetzt. Die Korruption erdrückt das Land und unter diesen Umständen kann es gar nicht schneller vorangehen.

Haben Sie selbst auch Erfahrungen mit der Korruption gemacht?

Natürlich, wir haben immer wieder von Politikern und Ministern Anfragen erhalten, ob wir nicht Hilfe benötigten oder eine Bewilligung bräuchten. Darauf haben wir uns aber bewusst nicht eingelassen, auch wenn wir auf diesem Weg sicher schneller ans Ziel gekommen wären. So haben wir aber die Sicherheit, dass wir auch nach einem Regierungswechsel in Ruhe weiter arbeiten können.

Wie frustrierend ist es, zu wissen, dass man ein funktionierendes Projekt hat, das auch in grösserem Rahmen aufgezogen werden könnte, aber vonseiten der Regierung kein Interesse vorhanden ist, dieses umzusetzen?

Es ist ein sehr grosser Frust, wenn man sieht, was wir alles erreichen könnten mit unserem Projekt. Aber dafür sind die politischen Rahmenbedingungen nicht gegeben. Das System versagt völlig. Und genau deswegen erwarte ich eine fundamental andere Entwicklungsdiskussion, als wir sie in den letzten 50 Jahren geführt haben. Man muss nicht nur auf der Projektebene etwas bewirken, sondern die Länder auch systemisch aufrüsten können.

Dieser Ansatz ginge dann aber wieder in Richtung Kolonialismus. Denn das würde bedeuten, dass man von aussen in das politische System eines Landes eingreifen und es nach den hiesigen Standards verändern würde.

Schauen Sie, heute heisst es, wir dürfen uns nicht einmischen. Die Leute sollen es selber lernen und umsetzen. In Madagaskar wird jedoch 70 Prozent des Staatshaushaltes von Entwicklungsgeldern bezahlt. Ist das keine Einmischung? Wir schulden es unseren Steuerzahlern und auch der Bevölkerung vor Ort, dass wir mit diesem Geld systemische Veränderungen herbeiführen können, damit das ganze Land davon profitiert. Das gilt nicht nur für Madagaskar sondern für ganz Schwarzafrika. In der Schweiz wird immer davon gesprochen, dass die Entwicklungshilfe eine Erfolgsstory sei. Das kann ich nicht mehr hören. In 40 von 45 schwarzafrikanischen Ländern geht es der Bevölkerung auf dem Land schlechter als vor der Unabhängigkeit. Wenn da nicht schnell etwas passiert und wir das aktuelle Entwicklungssystem grundsätzlich ändern, kommt es zu einer gigantischen Katastrophe. Allein aus Madagaskar kämen bereits heute zwei bis drei Millionen Flüchtlinge nach Europa, wenn das Land keine Insel wäre, von der man per Schiff kaum wegkommt.

Woher nehmen Sie denn die Motivation, sich diesem scheinbar aussichtslosen Kampf gegen die vorherrschende Situation zu stellen und das Projekt Mad’ Eole weiterzutreiben?

Mein Frust gilt der Politik und der Schönrederei der Entwicklungshilfe. Das hat aber nichts mit dem Projekt Mad’ Eole zu tun. Wenn ich sehe, wie sich das Leben in einem Dorf verändert, wenn wir die Elektrizität installiert haben, ist das Lohn genug. Zu sehen, wie die Leute plötzlich aufrecht gehen und etwas aus ihrem Leben machen wollen, ist sehr berührend.

Ein wichtiger Bestandteil ihres Projekts sieht vor, dass die lokale Bevölkerung selber aktiv mithelfen muss, die Elektrizität in ihrem Dorf zu installieren, und danach auch für den Strom bezahlen muss. Weshalb?

Das hat mit einem weiteren Effekt der falschen Entwicklungshilfe zu tun. Die Leute sind faul geworden. Sie hängen quasi am Tropf der Entwicklungshilfe. Sie warten nur darauf, dass jemand Mitleid mit ihnen hat und ihnen deswegen etwas gibt oder ihnen etwas bezahlt. Die Dörfer sind lebendig tot. Wir wollen mit unserem Ansatz dafür sorgen, dass mit der bestehenden Kultur, dass die Leute alles gratis bekommen und nichts dafür tun müssen, gebrochen wird. Die Leute sollen Mithelfen, die Veränderung herbeizuführen. Nur so kann es zu einer nachhaltigen Verbesserung kommen.