Mein Olten
Der Mars, sein Sohn und der Stadtpräsident

Thomas Knapp, Olten
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Bis zuletzt hat er es sich überlegt. Sein Umfeld ermunterte ihn, für den Stadtrat zu kandidieren. Vor vier Jahren zauderte er noch. Nun will er sich für dieses anspruchsvolle Amt zur Verfügung stellen. Er prüft nochmals seine Stimmrechtsbescheinigung sowie den Wahlvorschlag mit den Namen von dreissig Oltner Stimmberechtigten. Er hätte locker noch einige Dutzend mehr gehabt. Gefordert waren zehn Namen. Aber er weiss, Demut gehört zur Würde eines Magistraten. Das fein säuberlich adressierte Kuvert würde er am 11. Januar 2021, Punkt 16.45 Uhr, eine Viertelstunde vor Ablauf der Anmeldefrist, persönlich auf der Stadtkanzlei im 8. Stock des Stadthauses abgeben. Er kennt die Leute dort gut. Auch er ist beileibe kein Unbekannter.

Sein Wahlpropagandaflyer ins A5-Format gefaltet, wiegt exakt die vorgeschriebenen 50 Gramm. Er hingegen ist ein Schwergewicht. Sollte er im ersten oder zweiten Wahlgang in den Oltner Stadtrat gewählt werden, würde er sich am 13. Juni der Stadtpräsidentenwahl stellen. Er lächelt und ist fest davon überzeugt, bald schon im 8. Stock über der Stadt zu thronen. Schöne Aussichten!

Noch zögert er. Er wäre für dieses Amt legitimiert. Auf Martin, «den Krieger» (der Name ist dem römischen Kriegsgott Mars geschuldet), würde ER folgen, der «Sohn des Mars» (so die Deutung seines Namens in der Mythologie).

Sohn: Ich möchte gern an deine Stelle treten. Vater: Ich ermutige dich dazu.Sohn: Habe ich Chancen? Vater: Der Mars ist mit dir.Sohn: Meinst du, die Oltnerinnen und Oltner mögen mich? Vater: Glaub an sie, mein Sohn.

Dieses Gespräch ist natürlich frei erfunden. Aber es könnte in diesen Tagen so oder ähnlich noch stattfinden. ER sollte wirklich mit Martin reden. Von Sohn zu Vater. Die Sterne stehen nämlich gut! Der Mars ist derzeit am Abendhimmel gut sichtbar. Und es bleibt genügend Zeit, alle Unterlagen für die Stadtratskandidatur vorzubereiten, um sie am 11. Januar 2021, Punkt 16.45 Uhr, in der Stadtkanzlei feierlich abzugeben.

13. Juni 2021: Olten hat einen neuen Stadtpräsidenten gewählt. Aber schön der Reihe nach. Beim ersten Stadtratswahlgang am 7. März 2021 schaffte nur ER das absolute Mehr. Normalerweise teilt ja der Stadtschreiber allen Kandierenden persönlich das Wahlergebnis mit und gratuliert den Gewählten. Diesmal war er verhindert gewesen. Der Jubel war nicht bloss bei den Freisinnigen gross. ER hatte querbeet durch alle Parteien Stimmen erhalten.

Die Wahl ins Stadtpräsidium war für IHN dann die Kür. Sein Gegenkandidat war chancenlos. Auch der Mars ist zufrieden. Er kann wie geplant seine lange Sichtbarkeitsperiode im Juli beenden.

Nun sitzt der frisch gewählte Stadtpräsident am Pult, wo sich die Glückwunschkarten stapeln. Gratulanten begrüsst er persönlich am Empfang der Stadtkanzlei. Es kommt ihm vor, als habe er schon Jahre hier drinnen verbracht. Er schaut hinüber zum aufgeräumten Schreibtisch des Stadtschreibers am anderen Ende des Raumes. Einen Stadtschreiber wie der alte einer gewesen war, würde er sich auch wünschen, denkt er sich. Keiner kannte die Abläufe im Stadthaus besser. Keiner war so korrekt, keiner so fleissig. Keiner stand so vielen Projektgruppen vor. Es gibt Leute, die glauben zu wissen, dass er der mächtigste Mann im Stadthaus gewesen war. Ein stadtbekannter Unternehmer, dessen Name mir gerade entfallen ist, sagt es so: «Wolltest du eine Sache beim Stadtrat durchbringen, musstest du einfach den Stadtschreiber überzeugen.»

Der Stadtpräsident nimmt das Dossier «Stadtentwicklung» zur Hand. Ja, wie gern hätte er einen solchen Stadtschreiber an seiner Seite. Er seufzt. Es klopft an die Tür. Die Leiterin der Stadtkanzlei lugt durch den Spalt. «Markus, da will dich jemand dringend sprechen …»

Verleger und Kulturvermittler