Kolumne

Denk-Mal an unsere Fremdenfreundlichkeit

Hier sieht man Olten von oben. (Archivbild)

Hier sieht man Olten von oben. (Archivbild)

Es fällt mir die Ehre zu, die neue OT-Kolumne «Mein Olten» zu lancieren. Das Wörtchen «mein» erlaubt mir also, von meiner Stadt gedankenreich Besitz zu ergreifen. Für mich ist Olten Heimat. Hier bin ich geboren, aufgewachsen und lebe ich meistens. Diese Verbundenheit löst heimatliche Gefühle aus. Der deutsche Dramatiker Carl Zuckmayer definierte den Begriff Heimat etwas anders: «Heimat ist nicht, wo man geboren ist, sondern wo man zu sterben wünscht.»

Ob ich mir das in Olten wünsche, weiss ich heute nicht. Das hat aber nichts damit zu tun, dass die Seele nach dem Ableben in Olten nicht direkt in den Himmel steigt, sondern zuerst noch auf eine Autofahrt geschickt wird. Verstorbene sollen nämlich künftig in Aarau, Langenthal oder anderswo eingeäschert werden. Nun regt sich aber bei den Lebenden Widerstand. Es werden eifrig Unterschriften gesammelt, damit das stadteigene Krematorium weiterlebt. Man darf die Initianten für ihre hehren Absichten und ihr Engagement durchaus loben. Denn etliche Menschen setzen ihre Energie erst im Krematorium frei.

Kehren wir zurück ins städtische Leben. Da gibt es in unruhigen Zeiten viel Positives zu berichten. Wo andernorts Xenophobie weit verbreitet ist, zeichnet sich Olten durch Fremdenfreundlichkeit aus. Damals in der Primarschule, in den späten Sechzigerjahren, hiessen meine Mitschüler Luis, Nicoletta oder Ebrar. Wir sind mit den Fremden aus Spanien, Italien oder der Türkei freundschaftlich aufgewachsen. Wie gern lebe ich in einer Stadt mit friedliebenden Menschen aus über hundertzehn Nationen. Vielleicht verdanken wir unsere Fremdenfreundlichkeit Oltens guter Lage. Die Stadt im Herzen von Europa ist auf Strasse und Schiene aus allen Himmelsrichtungen bequem zu erreichen. Begegnungen mit Menschen aus fremden Kulturen prägen eine Stadt. Sie prägen auch die Menschen, die hier leben, hierhin kommen, bleiben wollen oder wieder fortgehen.

Die Welt räumt mit der Vergangenheit und mit Denkmälern auf. Wer aus heutiger Sicht früher irgendwo und irgendwie nicht menschenrechtskonform handelte, droht vom Sockel zu fallen. Ich habe nicht nachgeforscht, ob die Oltner Persönlichkeiten – die auf Strassenschildern oder mit Denkmälern gewürdigt werden – sich in dieser Hinsicht etwas zuschulden haben kommen lassen. Denkmäler sollten aber immer zum Nachdenken anregen. Das besagt schon das Wort Denk-Mal!

Es wäre an der Zeit, Clara Büttiker (1886–1967) in ihrer Heimatstadt mit einem Denkmal zu würdigen. Sie war eine wichtige Vorkämpferin des Frauenstimmrechts in der Schweiz. Es war ihr aber nicht vergönnt, den Abstimmungserfolg am 7. Februar 1971 noch mitzuerleben. Die Tochter des Oltner Stadt- und Bürgerschreibers Eduard Büttiker war Schriftstellerin und Frauenrechtlerin. Sie setzte sich zeitlebens für die Gleichstellung von Mann und Frau ein. Während eines halben Jahrhunderts gab sie als Gründerin, Verlegerin, Akquisiteurin und Redaktorin in Personalunion den Schweizerischen Frauenkalender heraus. Sie gab den Frauen eine wichtige Stimme. Leider ist sie selbst bei Feministinnen in Vergessenheit geraten.

Lieber Stadtrat, ich hätte da einen Vorschlag: Die umzäunte Wiese neben der Badi, gleich hinter der Schützi, wird zum 50-Jahr-Jubiläum des Frauenstimmrechts zum Clara-Büttiker-Platz umgestaltet. Und der unnütze Gitterzaun gehört aus dem Fundament gehoben – oder zumindest geöffnet. In Zeiten, wo in vielen Köpfen wieder Mauern aufgebaut werden, wäre das ein starkes Zeichen. Es ist zwar nur ein Zaun, aber Denk-Mal!

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