In der westlichen Häuserflucht der Baslerstrasse in Olten klafft eine Baulücke. Da, wo lange Jahre der Laden von «Blumen Lehmann» beheimatet war, wird bald ein Neubau hochgezogen. Ihm weichen musste das nur zweigeschossige Haus Baslerstrasse Nummer 15, das noch ein letztes Überbleibsel der einst dörflich-unregelmässigen Häuserzeile nördlich der Stadtkirche war.

Nach dem Abbruch des Altbaus nutzte nun die Kantonsarchäologie die Gelegenheit, auf diesem Areal archäologische Ausgrabungen vorzunehmen. Seit Mitte März ist nun ein siebenköpfiges Team an der Arbeit. Gestern Samstag lud es die Bevölkerung ein, sich ein eigenes Bild von der Ausgrabung vor Ort zu machen.

Als Glücksfall hat sich erwiesen, dass das Haus Baslerstrasse 15 nur zur Hälfte unterkellert war, erklärte Andrea Nold, wissenschaftlich Mitarbeiterin der Solothurner Kantonsarchäologie. Dadurch war auf einem beträchtlichen Teil des Ausgrabungsareals der Boden noch im unversehrten Zustand.

Es handelt sich mit 10 Meter Breite und 25 Meter Länge um ein Rechteck von 250 Quadratmetern, also um eine auch für die Stadt Olten relativ ausgedehnte Grabungsfläche.

Deshalb erhofft man sich, hier doch einiges mehr über die Geschichte des römischen Ortes am Aareufer zu erfahren. Bei der letzten grossen Gelegenheit, beim Neubau des Coop City, existierte noch keine Kantonsarchäologie, die eine professionelle Bodenuntersuchung hätte vornehmen können.

Spuren der Zeit

Der römische Vicus des ersten bis dritten Jahrhunderts war ein unbefestigtes Strassendorf am Kreuzungspunkt der Routen über den Hauenstein sowie entlang des Jurasüdfusses, nach Vindonissa (Windisch) und Richtung Sempachersee.

Es erstreckte sich etwa bis zur heutigen Bahnhofbrücke. Andrea Nold, die die Grabung in den grösseren Zusammenhang stellte, schätzt die Einwohnerzahl auf gut tausend. Erst im 4./5. Jahrhundert bauten die Römer Olten zum ummauerten Castrum aus.

Die ältesten Funde, welche die Archäologen unter dem «Blumen Lehmann» machten, stammen aus der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts nach Christus. Bei den rund zwanzig Münzen, welche ausgegraben wurden, ist die älteste ein im Jahre 220 in Rom geprägter Denar. Am auffälligsten ist ein Sesterz aus der Regierungszeit des Kinderkaisers Gordian III. (238–244), die jüngste Kleinmünze ist ein Aes Constantins I. des Grossen (römischer Kaiser 306–337).

Zahlreiche Funde

Nicht weniger interessant waren die anderen Funde, welche Simone Meyer präsentierte. Die Palette an Keramik reicht von Scherben von profanem Steingut-Kochgeschirr aus örtlichen Töpfereien bis zu kunstvoll verzierten Schüsseln.

Ein Fragment, auf dem man Augenbrauen erkennen kann, stammt von einem Trinkgefäss in Gesichtsform. Über die römische Esskultur berichten ein Bronzelöffel, Fragmente einer mörserartigen Reibschüssel, die zum Verarbeiten von Küchenkräutern diente, oder ein mit Rillen und Löchern zum Ableiten der Flüssigkeit ausgestattetes Gefäss zum Aufbewahren von Frischkäse.

Grabungsleiter Fabio Tortoli erläuterte die im Boden entdeckten Gebäudefundamente. Am auffälligsten sind die Reste eines massiven Steingebäudes, wahrscheinlich das Wohnhaus einer eher wohlhabenden Familie.

Daran schliesst sich eine ausgemauerte Vorratsgrube an. Auf der Ostseite des Hauses sind Reste eines Abwasserkanals zu erkennen. Ein Nebengebäude war sicher einfacher gehalten, wohl ein Fachwerkbau mit Holzboden. Näher zur Baslerstrasse stand einst ein Holzhaus samt Abfallgrube.

Die Bevölkerung von Olten zeigte sich sehr interessiert an der Vergangenheit ihrer Stadt. Trotz der am Vormittag eher feuchten Witterung waren ständig Gruppen von Besuchern auf dem Parcours der Ausgrabungsfläche unterwegs, um die Gelegenheit zu nutzen, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen.

Eine Primarlehrerin war an den Führungen ebenso anzutreffen wie ein Unternehmensberater aus Thalwil, der in Olten extra einen Zwischenhalt eingeschaltet hatte. Sogar eine Dame aus Berlin, die in Olten zu Besuch war, wagte einen Blick in die Baugrube. Ein bei der Römermatte wohnhafter Rentner hatte eine kürzere Anreise.

Sie alle nutzten den Tag der offenen Ausgrabung, um ihr Interesse am Altertum zu stillen. «Hier nimmt die Geschichte plastisch greifbare Formen an», fasste es die Berlinerin zusammen, «hier kann man die Vergangenheit 1:1 erleben».