Wer Geschichten so gut erzählen kann wie Tinu Heiniger, der braucht zur Unterstützung weder eine Band noch Requisiten. In seinem Solo-Programm, mit dem der Mundartmusiker am Freitagabend im ausverkauften Schwager Theater gastierte, genügen eine Gitarre und eine Lesebrille, um Erinnerungen aus seiner Emmentaler Kindheit zum Leben zu erwecken.

Dass die Stimme zu Beginn noch brüchig ist und die Gitarrensaiten manchmal knarzen, mag man Heiniger, Jahrgang 1946, verzeihen: Nicht Perfektion, sondern Authentizität macht den Charme seines Vortrages aus. Als das Publikum sich traut mitzusingen, freut er sich («Das Schwager Theater hat neu einen Chor!»). Und greift er zur Klarinette, weiss er mit seinem virtuosen und gefühlvollen Spiel die Zuhörer zu berühren. Angereichert wird der rund zweistündige Auftritt durch kurze Lesungen aus seinem Buch «Mueterland – Heimat in Geschichten».

Viele seiner Lieder sind eine Hommage an musikalische Vorbilder oder auch «Vaterfiguren», wie Heiniger sie nennt. Dazu zählen zum Beispiel Bob Dylan oder der Jazzmusiker Chris Barber. Von diesen und anderen Künstlern entlehnt Heiniger die Melodie und dichtet dazu einen eigenen, berndeutschen Text. So wird aus der bezaubernden «Bocca di Rosa», besungen vom genuesischen Cantautore Fabrizio de André, schlicht «d’Röse». Und der Song «It allways will be» (aus der Feder von Country-Sänger Willie Nelson) erhält den Mundarttitel «Es wird gäng eso si».

Auch Schweizer Liedgut findet Eingang in Heinigers Programm; zum Beispiel mit der solothurnischen Komposition «Heimetvogel». Als Zugabe und zur grossen Freude des Publikums stimmt Heiniger einen seiner Klassiker an. Mit dem «Lied vo de Bärge» – eine Ode an seinen Grossvater gewissermassen – schliesst sich der Kreis: Heute ist er es, Tinu Heiniger, der das Alter und das Wissen hat, anderen die Berge zu erklären.

Blick in die Vergangenheit

Die wiederholte Auseinandersetzung mit den Vorbildern, die sein Leben und seine Musik geprägt haben, und die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit deutet der Musiker als «Symptom des Älterwerdens». Wohltuend ist, dass der Rückblick auf die eigenen Wurzeln bei Heiniger nicht zur nostalgischen Verklärung verkommt. Die manchmal schwierige Vater-Sohn-Beziehung beispielsweise wird auch im Nachhinein nicht schöngeredet. Umgekehrt ist keine Verbitterung zu spüren – es geht hier nicht um eine Abrechnung. Vielmehr werden versöhnliche Töne angestimmt: Da scheint doch einer Frieden geschlossen zu haben mit dem, was war.

Auch wenn seine Erzählungen im beschaulichen Emmental spielen, handelt Heiniger universelle Themen ab: die Anziehung zwischen Frau und Mann etwa, den Familienalltag, den Rückzug in die Natur oder das letzte Abschiednehmen vor dem Tod. Allen Betrachtungen gemein ist das Gefühl, dass das, was das Leben ausmacht, aus den flüchtigen Momenten des Zusammenseins besteht. Beziehungen, vergangene und gegenwärtige, werden so zum Stoff unserer Lebensgeschichten.