Hägendorf

Das «pädagogische Kraftwerk» Jörg Utz fährt zurück

Jörg Utz ist diesen Sommer nach mehr als 42 Jahren als Primarlehrer in Pension gegangen.

Jörg Utz ist diesen Sommer nach mehr als 42 Jahren als Primarlehrer in Pension gegangen.

Nach gut 42 Jahren ist Jörg Utz, der vielseitige Primarlehrer, diesen Sommer in den Ruhestand getreten. «Ich bin gerade dabei, mein Berufsleben aufzuräumen», so der Primarlehrer im Ruhestand.

«Du hast, wie ich dir bereits in einer E-Mail geschrieben habe, deine Kreativität, dein Wissen und deine Disziplin mit deinem Gegenüber geteilt.» So etwas wie ein Satz aus einer Abschiedsrede? Genau. Er stammt aus dem beruflichen Umfeld und gilt Jörg Utz: Primarlehrer, nebenamtlicher Inspektor, Praxislehrperson an der Fachhochschule Nordwestschweiz, Praxislehrkraft am Seminar Solothurn, Gründungsmitglied der Oltner Tanztage, Hauptmann der Armee, Spieler beim Volleyball Club Solothurn, Mitglied beim Kammerchor Buchsgau. Musikliebhaber und Vater viel beachteter Musicals in der Primarschule Hägendorf.

Und das ist beileibe nicht alles, was dieser Mann nach mehr als 42 Dienstjahren in Hägendorf im Palmarès aufzuführen wüsste. Für den, der das liest tröstlich zu wissen, dass er nicht alles zum selben Zeitpunkt gemacht hat. «Der schönste Moment im Rahmen meiner Verabschiedung war der, als völlig überraschend ein Grossteil jener Klasse auftauchte, mit der ich Ende der 1980er-Jahre das Musical Yellow Submarine zur Aufführung brachte», sagt Utz. Lacht. Und steht da, in seinem einstigen Schulzimmer im Späri, «dem Schönsten im ganzen Schulhaus überhaupt», wie er mit Überzeugung meint. Und er ergänzt: «Ich bin gerade dabei, mein Berufsleben aufzuräumen.»

Es muss viel gewesen sein

Er ist darin weit fortgeschritten. Die meisten Kisten, in die Utz sein Lehrerleben weggepackt hat, sind verschwunden. Es muss viel gewesen sein, denn der Mann gehört zu jenem Lehrerschlag, der auch dem Haptischen vertraute, dem Erfühl-, Berühr-, Erfahrbaren. Der das Schulzimmer als jenen Ort verstand, wo Erfahrungsschätze und -potenzial gelagert wird, zur Wiederanwendung bereit, im Dienste des Anschauungsunterrichts, wie der früher mal hiess.

Einfach «Blätter ausfüllen» nämlich, das war nicht Utz’ Verständnis vom Lernen und Lehren. «Selber machen» sei seine Devise gewesen, wie Kollegen und Kolleginnen sagen.
Er hat dafür bewundernde Anerkennung geerntet; nie sei er sich zu schade gewesen, in ein Projekt «reinzuknien» und sich damit zusätzliche Arbeit aufzubürden, geht die Kunde.

Und was sagt Utz dazu? «Es schmeichelt mir», erklärt er. Er, der im Laufe seines Lehrerlebens den Schülerinnen und Schülern Schritte zur Selbstständigkeit, einer gesunden Arbeitshaltung oder schlicht – Schritte zur Lebenstauglichkeit vermitteln wollte. «Das sind doch zentrale Werte», meint der vierfache Vater.

Schulklasse im Zentrum

Der Schulklasse als soziale Einheit billigt Utz im Übrigen zunehmend grössere Bedeutung zu. Der Praxis aber, dass mehrere Lehrkräfte innerhalb derselben Klasse aktiv sind, begegnet er mit Skepsis. Mikropensen für Lehrkräfte lehnt er ab, der integrativen Schule redet er nicht das Wort: Die Aufhebung der Kleinklassen hält er für fragwürdig. «Ich finde, Kinder haben das Recht, begabt oder weniger begabt zu sein», sagt er. «Und sie haben ein Anrecht auf einen für ihre Fähigkeiten ausgerichteten Unterricht.»

Da sind sie, die erziehungspolitischen Sätze des Ruheständlers, der fortan zwar mehr «z’Bärg» und grundsätzlich auf Reisen sein, seinem handwerklichen Geschick freieren Lauf lassen und Beach Volleyball betreiben will. Aber das alles scheint noch irgendwie fernzuliegen, jetzt, da er im schönsten aller Schulzimmer authentisch, beharrlich aber durchaus humorvoll über erzieherische Werte und Prinzipien redet.

Für ihn hat die Schule einen ganzheitlichen Bildungsauftrag, der nicht an der Schulzimmerwand und auch nicht an der Grenze des Schulareals endet. Sich verantwortlich fühlen, Verantwortung wahrnehmen, teilhaben. Er nennt das «ganzheitliches Denken und Erfüllen von Aufgaben». Diesen Anspruch stellt er nicht nur an die Schüler, sondern auch an Lehrkräfte, an alle an der Schule Beteiligten. Utz ist noch immer ein pädagogisches Kraftwerk, das – wenn überhaupt – nur langsam zurückfährt.

Dennoch: 42 Jahre Lehrertätigkeit am selben Ort sind eine lange Zeit. Für Utz kein Problem. «Ich habe Unterricht und Unterrichten immer als etwas geografisch Unabhängiges verstanden», sagt er. Die Vielzahl seiner Aktivitäten beweist dies. Utz als pädagogischer Kosmopolit also? «Ich habe in viele Bereiche des schulischen und ausserschulischen Wirkens blicken können», erklärt er. «Das hält die Sinne und die Freude am Beruf wach.»

Finale etwas düster

Allerdings: Die Freude wurde ihm in den letzten Jahren mehr und mehr genommen. Über diesen Zeitabschnitt an Hägendorfs Primarschule redet Jörg Utz nämlich nur ungern. Sehr ungern sogar. Er nennt diese Epoche sibyllinisch «eine schwierige Zeit», spricht davon, nicht mehr anerkannt und in den Freiräumen beschnitten worden zu sein; systematisch. «Der Kreativität beraubt, die doch Basis und Inspiration für lebendigen Unterricht ist», verdeutlicht er noch.

Wer ihm dabei zuhört, der muss zum Schluss kommen: Die Schule ist durch die Schulleitung in ein mechanisch-administratives Fahrwasser geraten: rigide, unsensibel, getaktet, vielleicht sogar von etwas Willkür unterminiert. Die Schulleitung habe von Unterricht, von Schule zu wenig verstanden; und der Lehrkörper sei aus eigener Kraft nicht in der Lage gewesen, aus dieser unglücklichen Situation herauszukommen, schildert Utz die Situation. Es brauchte, wie man weiss, die Kraft der Eltern und anderer externer Mitstreiter, um mit dem aufgebauten Druck der unglücklichen Situation ein Ende bereiten zu können.

Ob jetzt Ruhe einkehrt? Utz ist sich nicht sicher, neigt den Kopf zur Seite. Wer ihn auch nur ein bisschen kennt, spürt: Er hätte sich ein freundlicheres Finale gewünscht; friedfertiger, vereinter, ungetrübter. Aber die verabschiedenden Worte einer Berufskollegin, die ihn als mitlachenden, mitdenkenden und gelegentlich auch mitfluchenden Menschen beschreiben, versöhnen. Denn eigentlich sagt sie damit: Dieser Mann ist einfach authentisch.

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Autor

urs huber

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