Literatur

«Buch der geträumten Inseln» — Oltner Autor Lukas Maisel im Gespräch über sein erstes Buch

Lukas Maisel mit seinem Erstling «Buch der geträumten Inseln».

Lukas Maisel mit seinem Erstling «Buch der geträumten Inseln».

Lukas Maisel, Säuliämter in Olten, präsentiert mit 32 Jahren seinen Erstling «Buch der geträumten Inseln». Wenn er nicht schreibt, kocht er.

Was tut einer mit 32 Jahren, wenn er gerade nicht schreibt? Die Frage an einen zu stellen, der in diesem Alter Mitte August im Rowohlt Verlag seinen Erstling präsentierte, muss erlaubt sein. Titel: «Buch der geträumten Inseln». Lukas Maisel lächelt etwas hilflos und sagt dann in unaufgeregtem Tonfall: «Also, Hobbys habe ich keine.» Das verwundert nicht. Aber schreiben kann der Mann ja auch nicht ständig.

Seit zweieinhalb Jahren wohnt er in Olten und zieht Ende September wieder fort, um sich auf Reisen zu machen. So nebenbei: Die allfällige Sorge, die bevorstehende Reise könnte bereits das frühzeitige Ende seiner schriftstellerischen Arbeit bedeuten, verscheucht er. «Nein, nein, sicher nicht.» Aber eben: Was tut der Mann, wenn er nicht schreibt? «Ich koche gern für andere», räumt er auf Nachhaken ein. Und: «Spazieren gehen, wandern.» Dabei denke er über Geschichten, deren Dramaturgie, deren Figuren oder die Orte des Geschehens nach. Und wie er das sagt, sieht man ihn fast schon wieder nachdenken, obwohl man gemeinhin eigentlich gar nicht weiss, wie denken überhaupt geht.

Kein lautmalerischer Wasserfall an Wörtern

Auf jeden Fall ist die Begegnung mit dem Autor, der sich erfrischend zurückhaltend gibt und keineswegs als lautmalerisch sprudelnde Wortquelle daherkommt, eine ruhige Angelegenheit. Seine Antworten sind immer knapp. «Es gibt keinen spezifischen Grund, Olten als Wohnort ausgewählt zu haben», sagt er nur. Er wohne unweit des Bahnhofs. Fahre gerne Zug. Sei schnell anderswo. Er lächelt. Das macht ihn zum angenehmen Gesprächspartner. Seine Wörter kommen präzise daher, nicht im Stakkato, eher in Zeitlupe, so als wolle er ihnen die Chance des klanglich reinen Nachhalls nicht nehmen.

Seinerzeit hatte er sich zu entscheiden: Literatur oder Fotografie? Ein Glücksfall, dass er Erstes wählte, der Mann mit Wurzeln im Zürcherischen Säuliamt, der besonders Kafka («Die Verwandlung»), Márquez («Hundert Jahre Einsamkeit»), Kracht («Imperium») oder Sebald («Austerlitz») mag. Warum die Wahl aufs Schreiben fiel: «Mit Fotografien lassen sich keine Geschichten erzählen. Meiner Ansicht nach eignet sich Literatur oder eben Sprache am besten dazu, ein Phänomen, eine Entwicklung über eine gewisse Zeit hinweg zusammenhängend darzustellen.» Und genau dies will er.

265 Seiten offeriert Maisels Erstling, handelt von Akeret, einem Kryptozoologen, einer schrägen Figur, der festen Überzeugung, dass «Europa im Untergang begriffen sei und bald nur noch unbedeutendes Westkap Asiens wäre», wie’s im Buch heisst. Dessen Psychogramm, ohne langatmig oder pomadig zu wirken, schwingt permanent zwischen den Buchdeckeln, befeuert die Geschichte, die offen endet. Akeret bleibt schliesslich verschollen, für die Seinigen in der Heimat unerreichbar. Im fernen Papua-Neuguinea nämlich hatte der sich auf die Suche nach einem Kryptiden gemacht: dem Orang Pendek, einem angeblich existierenden Affenmenschen. Den zu entdecken – für Akeret eine grosse und einfache Tat. Und dies erst noch «in einem Jahrhundert der Zerstreuung, in dem die Wissenschaften zersplittert sind in unzählige Teilgebiete», wie Akeret meint.

«Ich wollte die Geschichte erst auf Sumatra spielen lassen», sagt Maisel. Aber: Sumatra sei heute, wie er bei seinen Besuchen festgestellt habe, kein Geheimnis mehr. Zu zivilisiert, zu entdeckt, zu bekannt. Kein Platz mehr für allfällige Mythen und Verklärungen wie den Orang Pendek. «So bin ich auf Papua-Neuguinea gekommen. Von diesem Land weiss man zumindest hierzulande eigentlich fast gar nichts.» Aber ist Akeret mit dem fürchterlich schweizerischen Namen wirklich geeignet, den Kreis der Kryptiden zu quadrieren beziehungsweise des Rätsels Lösung zu liefern? «Ich hab’ den Namen nur aufgrund des Klangs gewählt», sagt Maisel. Gleiches gilt für den Namen von Akerets Assistenten: Blum. Blum ist ein anderer Charakter und Student der Ethno­logie, der im Buch schon früh bereut, sich Akerets Expedition überhaupt angeschlossen zu haben.

Nicht weil die Erlebnisse auf der Expedition Züge von Stevensons «Schatzinsel» trägt, an Defoes «Robinson Crusoe» erinnert oder Kannibalen der Geschichte Leben einhauchen. Nein. Auch deshalb, weil der verschrobene Akeret unter anderem, gestützt auf die Bristol-Stuhlformen-Skala, jeweils allmorgendlich seinen Kot analysiert, aus der Sichtung irgendwelche Werte ableitet und daraus auf die Befindlichkeit seiner Verdauung schliesst, ja womöglich gar auf seine Verfassung im ganzheitlichen Sinne.

Das Inselbuch liest sich fast von selbst

Süffig zu lesen, das «Buch der geträumten Inseln». Gespickt mit Detailwissen, vom Autor erlesen. Ob er mit seinem Erstling zufrieden sei? Maisel überlegt. «Ja, eigentlich schon.» Aber die Beurteilung falle noch etwas schwer. «Alles ist noch ziemlich frisch.» Auch mit den Illustra­tionen ist der Autor sichtlich zufrieden. «Ich fand sie passend», sagt er auf die Bemerkung hin, Erwachsenenbücher würden in aller Regel ohne Bildanteile auskommen. Maisel gibt sich da zwanglos. Illustrationen könnten hilfreich sein, findet er.

Dass er seinen zweiten Roman eigentlich schon fertig hat, tröstet – den Lesenden natürlich. Über dessen Inhalt will er nicht reden. Aber: Ein Lehrer soll darin die Hauptrolle spielen. So viel verrät der Mann. Und dann noch: «Schreiben ist eine Art, sich an der Wirklichkeit zu rächen.» Auch wahr.

Hinweis:

Lukas Maisel, Buch der geträumten Inseln, 265 Seiten, Rowohlt Verlag.

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