In der Beiz tippt ihm eine Dame auf die Schultern und sagt: «Beat, ich gratuliere dir.» Sie verbindet damit wohl die besten Wünsche für die Zukunft und den Dank für die letzten Jahre, in denen Beat Wildi als Gemeindeschreiber und Verwaltungsleiter in Wangen tätig war. Ende November ist er in den Ruhestand getreten, wie man so schön sagt. Man merkts nicht auf den ersten Blick: Aber Wildi ist ein echtes Wangner Kind. Der Jüngste unter vieren. Im Dorf aufgewachsen und bei Kleider Frey die KV-Lehre absolviert. «Das war ein sehr fortschrittlicher Arbeitgeber», erzählt er. «Vielleicht war die Qualität der Lehre noch zu vergleichen mit der einer Banklehre.»

Dann ging er aus beruflichen Gründen ins Welschland, weg von Wangen nach Lausanne. Branche: Bekleidungsindustrie. Aha: Rührt daher etwa seine Affinität zum guten Tuch, zum eleganten, aber stets klassisch inspirierten Outfit? Wildi stutzt. «Das hatte ich wohl schon immer», meint er. Und als bräuchte es dafür einen Beweis, führt er an: «Schon auf der Kindergartenfotografie trage ich eine Fliege.» Wir lachen. Und was trug der heute knapp 65-Jährige damals, als er noch Teenie war? «Schlaghosen», sagt er ohne Zögern, «hautenge, Hemden mit Kragen fast bis zur Hüfte.» Er lacht. Dann fallen ihm noch die langen Haare von damals ein. Klar, dass auch der spätere Verwaltungsleiter bei dieser Mode mitmachte. Unterdessen erzählt die Dame von ihren Wehwehchen, einem Stechen im Knie. Wildi hört zu, sagt, das werde von selbst wieder besser. Er ist einer der ihren.

Zurück in die Heimat

Dabei ist er gar nicht so einfach einzuschätzen, dieser Mann. Er kam eher darum wieder ins Dorf zurück, weil die berufliche Karriere im Welschland am Militärdienst scheiterte. Wildi ist Fourier, der humanistischste Grad, den ein Unteroffizier in der Armee bekleiden kann. Er lacht über diese Bemerkung. Eine Tante machte ihn auf eine Stelle in Olten aufmerksam. Das Original bekam der Wangner zwar nicht, aber eine auf dem Amtsgericht, Abteilung Strafkammer.

Die Arbeit auf der Zivilkammer sei auf die Dauer zermürbend, sagt Wildi im Rückblick. Berufsbegleitend folgte die Ausbildung zum Gerichtsschreiber. Dem Beruf und der Etikette des best angezogenen Mannes am Gericht hielt er bis ins Jahr 2003 die Treue, als er zum Gemeindeschreiber gewählt wurde. «Ich wollte noch einmal etwas Neues machen», erklärt er den Schritt heute, der irgendwie auch einer gewissen Logik folgt: Mit 23 Jahren war er für die Freisinnigen im Gemeinderat in Wangen, mit 31 Jahren dortiger Statthalter, mit 35 Jahren als Gemeindepräsident auch letzter Ammann im Dorf.

Und schliesslich mit 48 Jahren Gemeindeschreiber und als solcher Verwaltungsleiter. Eine Aufgabe mit Führungsverantwortung. Sein Stil? «Ich führte an der langen Leine. Damit bin ich gut gefahren. Wir sind auch ein sehr gutes Team, in welchem jede und jeder weiss, was zu tun ist.» Bei Verwerfungen suche er das klärende Gespräch. «Das ist klar», sagt er noch.

Rochade ohne Hindernisse

Dass er im Jahr 2003 vom Gemeindepräsidenten zum Gemeindeschreiber mutierte, wurde in breiten Kreisen als eher aussergewöhnlich wahrgenommen. Plötzlich in der zweiten Reihe sitzen? «Das wurde ich oft gefragt», sagt er. «Aber ich hatte nie Probleme damit.» Als Schreiber sei man eng mit dem Tagesgeschäft verbunden, kläre im Auftrag des Präsidiums etwa rechtliche Fragen ab, bereite Sitzungen vor. Und als ehemaliger Gemeindepräsident könne er auch sonst beratend mitwirken und einen gewissen Erfahrungsschatz zur Verfügung stellen. «Es ist von Vorteil, wenn Präsidium und Schreiber gut kooperieren», sagt Wildi.

Die Frage, ob die Ursachen für Probleme, wenn überhaupt, grundsätzlich eher auf der persönliche Ebene zu suchen sind, bejaht er spontan. «In der Sache kann man sich einig oder uneinig sein. Wichtig ist, dass man als Schreiber wie als Gemeinderat etwa am Schluss hinter dem gefällten Entscheid stehe. «Das ist in Wangen eigentlich fast immer der Fall.» Heute sei die Politik viel sachbezogener als früher. «Zu meinen Anfangszeiten war Parteipolitik viel verbreiteter.» Wildi kann das glaubhaft rüberbringen: mehr als vier Jahrzehnte umfasst sein kommunalpolitisches Wirken. Dass er seit 2007 auch ein Kantonsratsmandat innehat und aktuell die Justizkommission präsidiert, sei nur am Rande erwähnt.

Ein Wassermann mit PS

Aber der im Zeichen des Wassermanns Geborene weist mehr als eine administrativ-politische Karriere vor. In seinem Büro im Gemeindehaus hat er eine Zeile feuerroter Ferraris stehen. Im Massstab 1 zu 25 natürlich. «In echt wären sie mir zu auffällig», sagt er trocken. Dann lächelt er. «Mein erstes Auto war ein Triumph TR4R.» Das Rassige hats ihm angetan. Und wie er gefragt wird, ob er die Bilder in seinem Büro selber ausgesucht habe, meint er: «Dasjenige von Paul Wyss hing draussen im Foyer. Da sagten meine Mitarbeitenden: Du, das passt ausgezeichnet zu dir. Ich hab mir das kurz überlegt und dachte: Stimmt.»

Seither hängts in Wildis Büro. Und dann erzählt er noch von seiner bevorzugten Musikrichtung. «Soul mag ich am liebsten. Aretha Franklin, man versteht. Und Tina Turner hats ihm auch ein bisschen angetan. Zu Welschlandzeiten hatte er mal ein Privattreffen mit der Musikikone. «Ike, ihr damaliger Ehemann erschien nicht, der war wahrscheinlich schon abgestürzt.» Wildi schmunzelt. «Das war ein echtes Highlight.» Aber der Wangner war nicht nur Musikkonsument. Er spielte auch während 40 Jahren in der örtlichen Musik. Das Instrument passt zur seiner Stilvorliebe: Saxofon.

Jetzt aber, da die letzte Stunde seines sogenannten Arbeitslebens geschlagen hat, meint er beim Aufschliessen des Hintereingangs zur Kanzlei: «Ein bisschen Wehmut befällt mich durchaus beim Gedanken, dass Schluss ist.» Er werde schon noch das eine oder ander Mal vorbeischauen. «Aber nicht ständig», reicht er belustigt nach.

Lange möchte er gesund bleiben, wünscht Wangen, dass der eingeschlagene Weg beschritten werden kann. «Wangen wächst», sagt er. Und derweil das Dorf wächst, möchte der einstige Verwaltungsleiter vermehrt wieder das Tennisspiel aufnehmen. «Und Velo fahren.» Golf spielen dagegen nicht. «Das ist einfach nicht mein Ding», sagt er. Und das will was heissen, bei seiner Vielseitigkeit.