Wie war das doch damals, Olten im Oktober 2011? Man entsinnt sich kaum des genauen Abstimmungsresultats. Bestenfalls dessen Deutlichkeit ist haften geblieben. Diese Zeitung schrieb zum Abstimmungsausgang: «Bei der Stichfrage, ob mit oder ohne Steg, schwang gar die teurere Variante «mit» obenaus, welche maximal 25,2 Mio. Franken kostet.» 2853 Stimmen votierten dafür, nur 2091 Stimmen dagegen. Es ging dabei um Andaare, das Projekt mit Promenade und Zugang zum Wasser zwischen Bahnhofterrasse und Holzbrücke, einem luftigen Fussgängersteg von der Bahnhofterrasse zum Amtshausquai, einem hochwassersicheren Bistro auf dem Wildsauplatz. Voilà.

Für manche kam das positive Resultat überraschend. Olten und Andaare? «Zu ambitioniert, zu lebensfreudig, zu ungewohnt, zu teuer» sagten die einen. «Wir erachteten das Vorhaben als Luxus», erinnert sich Parlamentarier Matthias Borner (SVP). Den Befürwortern sei versichert worden, das Projekt sei bereits finanziert, gibt er zu verstehen. Andere sahen im Abstimmungsresultat Zeichen des Aufbruchs – nach Jahren des vermeintlichen Stillstands: Andaare, das war ein Zeichen aufziehender Glückseligkeit in der Stadt.

Andaare – erstmals in der breiten Öffentlichkeit Thema

Zu Aktualität kam das Projekt erstmals richtig im Kampf ums Stadtpräsidium zwischen Ernst Zingg und Peter Schafer. Das war 2009. Allerdings herrschte dazu fast grandiose Einigkeit: Beide Kandidaten positionierten sich als klare Befürworter des Vorhabens. Kleinere Städte wie Olten hätten in Sachen Infrastruktur mit Wohlfühlpotenzial enormen Nachholbedarf, argumentierten die Kandidaten. Im seinerzeitigen Podium fragte man sich lediglich, ob angesichts weiterer Millionenprojekte wie Nautilus (das Parkhaus unter dem Munzingerplatz) oder Olten SüdWest die personellen Ressourcen im Stadthaus angepasst würden. Sie würden, war die Antwort. Ob das alles bezahlbar sei, war keine Frage. Skepsis bezüglich Finanzierbarkeit war man sich nicht mehr gewohnt.

Doch dann: der finanzielle Einbruch. Alpiq-Steuermillionen blieben aus. Der Stadtrat zog als Konsequenz die Reissleine, kappte das Projekt im März 2013 und kam zum Schluss, das Projekt Andaare müsse mit Rücksicht auf die aktuelle wie mittelfristige Finanzlage verworfen werden. Die Welt sah wieder ganz anders aus. Proteste im Parlament, die Frage nach der Rechtmässigkeit eines solchen Rückzuges tauchte auf. Ein positives Abstimmungsresultat verpflichte nicht zur Realisierung des Projekts, so Stadtpräsident Martin Wey.

Statements von Oltner Politikern zum Projekt Andaare:

Die Notbremse gezogen, und zwar zu Recht

Und heute? Was sagen Vertretende der tradierten Parteien, die damals im Parlament die Blöcke bildeten? «Der Stadtrat musste die Notbremse ziehen und das damalige 25-Millionen-Projekt Andaare stoppen. Seinen richtigen Entscheid hat er allerdings unklar kommuniziert», sagt Urs Knapp (FDP) heute. Und: «Der Stadtrat hätte öffentlich sagen müssen, er habe die langfristige Finanzierung dieses Projekts falsch eingeschätzt und sei unter zu optimistischen Annahmen in die Volksabstimmung gegangen.»

Florian Eberhard, Mitglied der Jungen SP, hat zwar Verständnis dafür, dass die damalig angespannte finanzielle Situation die Verzögerung des Projekts bedingt hat. Aber just so? «Es stört mich, dass weder versucht worden ist, zumindest Teile des Projekts umzusetzen noch ein Weg aufgezeigt wurde, wie zumindest Teile des Projekts durch kleinere Investitionen über einen längeren Zeitraum verteilt umzusetzen gewesen wären.» Auch Ruedi Moor (SP) ist mit dem Vorgehen des Stadtrates in dieser Frage nicht einverstanden. «Es ist nicht nachvollziehbar, dass der Stadtrat nicht einmal mit der Planung begonnen hat und nicht mit einem etappenweisen Vorgehen und einer Verteilung der Investitionen über einen längeren Zeitraum alles versucht hat, das vom Volk deutlich angenommene Projekt umzusetzen.» Und Myriam Frey Schär (Grüne) meint doch leicht ernüchtert: «Die Verschiebung von Andaare ist nur ein Symptom einer grösseren politischen Malaise, die in unserer Stadt jeglichen Fortschritt im Keim erstickt.»

Etwas unbefangener argumentiert Muriel Jeisy (CVP), ab 2013 selbst im Parlament vertreten: «2011 hatte ich noch keine Ahnung vom riesigen Finanzloch, auf welches wir bereits zusteuerten.» Sie kommt zum Schluss: «Die 25 Millionen Franken hätte die Stadt niemals stemmen können.» Zur Verbindung von Elementen des verworfenen Projekts mit anderen Vorhaben meint sie: «Die bestmögliche Berücksichtigung von Andaare und das Nutzen von Synergien halte ich für richtig, auch wenn die zeitliche Verzögerung bei diesen Projekten ärgerlich ist.»

Andaare-Elemente beim neuen Bahnhofplatz vorgesehen

Synergien? Genau. Heute stellt sich der Stadtrat auf den Standpunkt, Aspekte aus Andaare würden im Zusammenhang mit andern Vorhaben, etwa der Neugestaltung des Bahnhofplatzes und allenfalls mit der Sanierung des Bahnhofquais umgesetzt. Letztere würde die Möglichkeit einer Umgestaltung des mittlerweile viel gescholtenen Ländiweges bieten, während im Zusammenhang mit der Neugestaltung Bahnhofplatz unter anderem ein Steg vorgesehen ist, der dem Langsamverkehr dient; vor allen auch den Velofahrenden, die so bequem das unterirdisch gelegene Bahnhof-Veloparking erreichen können. «Es ist schon so: Andaare in seiner ursprünglichen Form ist vom Tisch», sagt Stadtschreiber Markus Dietler. Vom hochwassersicheren Bistro ist keine Rede mehr, der erleichterte Zugang zum Wasser wird vorderhand beim Pontonierhaus umgesetzt, am eher wenig frequentierten Westufer der Aare.

Ruedi Moor traut der Sache nur halbwegs: «Höchste Priorität hat die Promenade mit einer hohen Aufenthaltsqualität. Dazu haben wir zusammen mit anderen Parteien vor bald zwei Jahren eine Motion eingereicht, die trotz ablehnender Haltung des Stadtrates erheblich erklärt wurde», sagt er. Mit schwer nachvollziehbaren Argumenten werde aber erneut nicht einmal die Planung vorangetrieben und man riskiere, die einmalige Chance der Verknüpfung mit der vom Kanton geplanten, aber noch durch Einsprachen blockierten Sanierung des Bahnhofquais zu verpassen.

Aha: Das Fernweh nach Aarezugang lebt noch. Die Promenade beziehungsweise Veränderungen am Ländiweg hin zu dessen Attraktivierung nämlich wird von allen Angefragten konsequent befürwortet. Denn: «Der Ländiweg sorgt immer wieder für einen schlechten Ruf unserer Stadt», meint etwa Muriel Jeisy, während Florian Eberhard die Promenade für das wichtigste Teilstück des einstigen Andaare-Projekts hält und einem Provisorium nicht abgeneigt ist. Und Matthias Borner erklärt: Mit einer Verbreiterung des Weges ist sehr viel Konfliktpotenzial behoben.» Für Myriam Frey Schär wäre die Neugestaltung mit einem direkteren Aarezugang verbunden. «Ein Gewinn für unsere Stadt», erklärt sie. Auch für Urs Knapp ist der bessere Einbezug des Aareraumes ins Stadtbild und damit ein sicheres Stadtleben für Einheimische und Besucher das vordringliche Ziel.

Von der Promenade versprechen sich die Parlamentarier auch eine dynamisierende Wirkung für Stadtbild und Stadtleben. Nur Urs Knapp relativiert: «Dynamik entsteht nicht durch Einzelmassnahmen, sondern durch ein koordiniertes Vorgehen.» Insofern sieht er dies durch die aktuell vom Stadtrat verfolgte Strategie umgesetzt. Denn: «In der alten Form ist Andaare tatsächlich gestorben.»