Energie
Ökostrom: Produktion ja, Kauf nein

Der Fukushima-Effekt wirkt sich unterschiedlich auf die Nachfrage nach «grüner Energie» aus: Zwar sind in der Region zahlreiche neue Photovoltaik-Anlagen geplant, Ökostrom kaufen will aber kaum jemand.

Franz Schaible
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Windenergieanlagen: Kaum einer will Ökostrom kaufen (Archiv)

Windenergieanlagen: Kaum einer will Ökostrom kaufen (Archiv)

Keystone

Die Atomkatastrophe in Japan hat den Ökostrom in den Fokus der Energieverbraucher gerückt. Insbesondere der Bau von Solarstromanlagen hat stark angezogen, wie die in den Anzeigern hohe Zahl an publizierten Baugesuchen zeigt. «Fukushima und der Atom-Ausstiegsentscheid von Bundesrat und Nationalrat haben Spuren hinterlassen», berichtet Urs Stuber, Leiter der kantonalen Energiefachstelle. «Der Gesuchseingang sowohl für Photovoltaik wie für Solarthermie ist im März sprunghaft angestiegen und verweilt seither auf recht hohem Niveau», präzisiert er.

Sprunghafter Anstieg

So sind im laufenden Jahr (Stand 12. August) bereits mehr Gesuche für die Installation von Photovoltaikanlagen eingegangen als im ganzen Vorjahr. 2010 waren es 209 Gesuche mit einer installierten Leistung von 12385 Kilowattstunden, im laufenden Jahr bereits 245 Gesuche für 11570 Kilowatt. Weniger gefragt war die Montage von Warmwasseranlagen (Solarthermie); 2010 waren es 379 Gesuche für 4725 Quadratmeter Sonnenkollektoren, 2011 bislang 257 Gesuche für 2233 Quadratmeter.

Fukushima-Effekt als Strohfeuer

Im Gegensatz dazu entwickelt sich der Konsum an Ökostrom weiterhin auf Tiefstniveau. Hier entpuppte sich der Fukushima-Effekt vorerst nur als Strohfeuer, wie eine Umfrage unter den grösseren Energieversorgern in der Region zeigt. Insgesamt 81 Kunden haben im März bei der AEK Energie AG Solothurn und Regio Energie Solothurn sowie bei den Städtischen Werken Grenchen und Industriellen Betrieben Langenthal Strom aus neuen erneuerbaren Energiequellen (Kleinwasserkraftwerken, Wind- und Sonnenenergieanlagen) bestellt.

In den Folgemonaten nahm das Interesse stetig ab und im Juli verzeichneten die vier Energieversorger noch 26 neue Ökoenergiekunden. Der Anteil des Naturstroms liegt, gemessen an der insgesamt gelieferten Energiemenge, deutlich unter einem Prozent.

Aufpreis für Solarstrom sinkt

Ein Hauptgrund für die geringe Nachfrage dürfte der Preis sein. Der aktuelle Aufpreis für zertifizierten Strom aus regionalen Kleinwasserkraftwerken beträgt 3,5 Rappen pro Kilowattstunde, 18 Rappen für Strom aus Windkraftanlagen und 80 Rappen aus Solarstromanlagen. «Der ökologische Mehrwert pro Segment Wind- und Sonnenenergie ist dem Kunden zu teuer», bestätigt Hans Beer, Direktor der Industriellen Betriebe Langenthal. Der Kunde würde wohl eher auf einen vorgegebenen Mix – bestehend aus einem hohen Anteil an Wasserkraft und einer Zugabe von Wind- und Sonnenenergie – mit einem durchschnittlichen Aufpreis von unter 10 Rappen ansprechen. Unabhängig davon wird der Aufpreis für Solarstrom dank tieferer Produktionskosten sinken. AEK Solothurn kündigte in ihrem jüngsten Newsletter eine Senkung ab Anfang 2012 von 80 auf 63 Rappen an.

Energiemix ist entscheidend

Per Just, Chef der SWG Grenchen, weist daraufhin, dass jeder Konsument bereits via das Förderprogramm der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) einen Anteil von 0,45 Rappen pro Kilowattstunde an der Förderung von Naturstrom bezahlt. «Sie fragen sich, warum man nun noch direkt Ökostrom fördern soll», beobachtet Just. Vielleicht liege das geringe Interesse auch daran, dass der grüne Strom aus derselben Steckdose wie der «normale Strom» komme, ergänzt Sandra Hungerbühler, Sprecherin der Regio Energie Solothurn. «Das ist für die Kundschaft nicht immer verständlich.» Es gibt zwar keine separaten Stromleitungen für Wind- oder Solarenergie. Der Ökostrombezüger kann aber den Energiemix beeinflussen. Wer grünen Strom bestellt, sorgt dafür, dass dieser auch produziert wird. «Denn wir verkaufen nicht mehr Ökostrom, als tatsächlich produziert wird», versichern alle Versorger.