Das China-Restaurant Drachengarten steht in Obergerlafingen direkt an der Hauptstrasse. Vor den Fenstern blühen die Geranien und im Vorgarten stehen rote Plastikstühle. Einzig zwei chinesische Steinstatuen am Eingang lassen den Besucher erahnen, dass sich im Haus ein chinesisches Restaurant befindet.

In diesem Haus wohnt Erwin Lam, der vermutlich erste Obergerlafinger Olympiasieger. Er ist 17-jährig, besucht die Kanti Solothurn und hat an der Schweizer Chemie-Olympiade für Mittelschüler eine von insgesamt vier Goldmedaillen geholt. Ein freundlicher, selbstbewusster Mann. Seine Eltern führen den «Drachengarten». Die Mutter ist vor über zwanzig Jahren aus Vietnam in die Schweiz gekommen. Der Vater arbeitete als Koch in Hongkong, bevor er in die Schweiz auswanderte. Das naturwissenschaftliche Talent scheint Erwin Lam in die Wiege gelegt worden zu sein. Seine beiden älteren Brüder studieren Mathematik und Automobiltechnik.

Logik und Präzision

Erwin Lam war sich immer sicher, dass er einen naturwissenschaftlichen Bildungsweg einschlagen würde. An der Kantonsschule Solothurn entschied er sich zuerst für das Schwerpunktfach Mathematik und Physik. Nach einem Jahr wechselte er und belegte Chemie und Biologie. Er mag die Logik und die Präzision beim naturwissenschaftlichen Arbeiten. Zudem fällt es ihm viel leichter, Mathematik zu büffeln, als Sprachen zu lernen: «Etwas anderes als ein naturwissenschaftliches Schwerpunktfach ist irgendwie gar nie infrage gekommen», sagt der 17-Jährige. Seine Leidenschaft für Chemie allerdings, die hat er erst entdeckt, als er an der Kantonsschule zum ersten Mal damit konfrontiert wurde.

Letzten Frühling erfuhr Erwin Lam durch seine Chemielehrerin von der Chemie-Olympiade und interessierte sich sofort dafür. Mit ihrer Hilfe meldete er sich an. Zuerst hatte er zwei Selektionsrunden zu überstehen, bis er schliesslich zur Finalwoche nach Zürich eingeladen wurde. 221 Mittelschüler aus allen Schweizer Landesteilen bewarben sich für den «Olympia-Final» an der ETH, 17 qualifizierten sich. Während der Finalwoche wurden die Finalisten mit vielen theoretischen und praktischen Übungsstunden auf die Endprüfungen vorbereitet.

Trotzdem war die Woche nicht nur zum Lernen da. Alle Finalisten, fünf Frauen und zwölf Männer, wohnten zusammen in einer Jugendherberge in Zürich. Eine gute Gelegenheit, um sich kennen zu lernen. Auch wenn Erwin Lam sagt, dass die Zeit zu knapp gewesen sei, um wirkliche Freundschaften zu entwickeln.

«In die Luft geflogen ist nichts»

Fünf Stunden dauerten die Finalprüfungen: drei Stunden Theorie, zwei Stunden Praxis. In die Luft geflogen sei dabei nichts, scherzt das Chemie-Talent. Überhaupt sehe die Arbeit in einem Chemielabor nicht so aus, wie sich das die meisten Menschen vorstellten: keine explodierenden Reagenzgläser, keine Behälter mit giftgrünen blubbernden Flüssigkeiten, keine verrückten Chemiker in weissen Mänteln am Werk. Alles gehe viel gesitteter vor. «Wir mussten vor allem Stoffe analysieren oder wissen, wie man sie chemisch herstellt», beschreibt Erwin Lam die Situation an der praktischen Prüfung.

Die besten vier dürfen nun im Sommer an die internationale Chemie-Olympiade in die Türkei, nach Ankara. Darunter auch der junge Obergerlafinger. Er freue sich sehr über diese Möglichkeit, sich mit den Besten der Welt zu messen. Wenn möglich, möchte er eine Bronzemedaille gewinnen, sagt er ehrgeizig. Dafür ist Erwin Lam auch bereit, sich gut auf die Prüfungen im Juli vorzubereiten. Zwar hat er dafür von seiner Chemielehrerin die verbleibenden Chemiestunden an der Kantonsschule freibekommen, doch dies alleine wird nicht reichen. Auch einen Teil seiner Freizeit wird er für das Lernen opfern müssen, denn Erwin Lam weiss ganz genau: «In Ankara werde ich gegen die Weltbesten antreten müssen.»

Studium an der ETH

Die Studienwahl von Erwin Lam ist bei so viel Interesse an der Chemie wenig erstaunlich. Er will sich nächsten Herbst an der ETH für Chemie einschreiben und dann herausfinden, welchen Teil der Chemie ihn am meisten interessiert. Ob er der Chemie über das Studium hinaus treu bleibt, weiss Erwin Lam noch nicht: «Zuerst will ich mal abwarten, wie mir das Studium gefällt», sagt er.