Schönenwerd

Wo tausende Arbeiter verpflegt wurden – das Kosthaus öffnet seine Tore

Das Gebäude ist heute Wohnhaus und Eventlokal. Früher haben Arbeiter und Angestellte dort gewohnt und gegessen.

Am Samstag stehen die Tore des Bally Kosthauses in Schönenwerd offen. Jahrzehntelang wurden dort tausende Arbeiter verpflegt. Heute ist es Heim eines Architekten, und gleichzeitig bietet es Platz für verschiedene Veranstaltungen.

Das Kosthaus der Firma Bally – heute Ballyhouse genannt – wurde erstmals im Oktober 1919 eröffnet. Elegant und herrschaftlich steht es zwischen dem Ballypark und dem ehemaligen Fabrikareal. In diesem Haus wurden die Arbeiter und Angestellten der Schuhfabrik verpflegt. Schon in seinem Eröffnungsjahr haben täglich 1250 Personen ihr Mittagessen in diesem Gebäude eingenommen. Das stattliche «Parkhotel», wie es auch im Volksmund genannt wurde, löste das 1879 in Betrieb genommene kleinere Kosthaus ab.

Doch wurde es nicht nur als Kantine gebaut: Im Dachgeschoss hatte es Zimmer für Arbeiter. 50 Menschen haben dort gewohnt. Im zweiten Stock durften sich die Angestellten verpflegen. Sie konnten für 50 Rappen speisen. Im Erdgeschoss war der Esssaal der Arbeiterschaft. Diese mussten 25 Rappen für ihr Essen bezahlen.

Das Kosthaus als Bollwerk gegen den Sozialismus?

Die Preise für das Essen waren nicht kostendeckend. Das Kosthaus zählte zu den sozialen Einrichtungen der Firma. Diese sozialen Einrichtungen gelten heute als wichtige Gründe dafür, dass die Arbeiter nicht gestreikt haben, obwohl nur wenige Kilometer von Schönenwerd entfernt, in Olten, ein Jahr zuvor Arbeiter in einem landesweiten Generalstreik die Arbeit niedergelegt hatten. Als das Kosthaus seine Tore öffnete, waren die Erinnerungen an dieses Ereignisses vermutlich noch frisch. Von diesen Arbeiterunruhen wurde der Schuhhersteller Bally verschont. Dieses Kosthaus, das für die Arbeiter gebaut wurde, sollte auch seinen Beitrag zum Arbeitsfrieden geleistet haben.

Wenn man die Quellen anschaut, ist augenfällig, wie Eduard Bally (1847-1926) diesem Bau keine herausragende Bedeutung zugemessen hatte. Der Sohn des Gründers Carl Franz Bally (1821-1899) hatte ein detailliertes Tagebuch geführt. Dabei hatte er alles – von der lokalen Wetterlage bis zur internationalen Wirtschaft – notiert. Diese Aufzeichnungen sind heute in 10 Bänden im Ballyana Museum aufbewahrt und für jeden zugänglich. Erstaunlich ist, dass seine Notizen aus dem Jahre 1919 nur in einem kleinen Abschnitt die Eröffnung des Kosthauses erwähnten. Er betont jedoch, dass das neue Kaffeehaus, welches im alten Kosthaus eingerichtet wurde, nicht durchgehend geöffnet ist, «damit die Arbeiter sich nicht nur mit Kuchen nähren».

Kosthäuser weniger beliebt als angenommen?

Diese bevormundenden Worte sind nicht erstaunlich für eine Zeit, in der man glaubte, die Arbeiterschaft erziehen zu müssen. Besonders die Ernährung der Arbeiter wollte man überwachen. Die Fabrikherren waren darum besorgt, dass die Arbeiter eine gute Mahlzeit bekommen. Nur ein gestärkter Arbeiter ist ein produktiver Arbeiter, so das Motto.

Der Historiker Jakob Tanner erklärt in seinem Buch «Fabrikmahlzeiten: Ernährungswissenschaft, Industriearbeit und Volksernährung in der Schweiz 1890–1950», dass während der Industrialisierung eine neue Art des Speisens entstand. Man hat nicht mehr zu Hause im Familienverband gegessen, da man jetzt in den Fabriken arbeitete. Die Arbeiter bevorzugten jedoch offenbar das Essen, das zu Hause zubereitet wurde. So wurden die Speisen mit einem Fuhrdienst den Arbeitern von zu Hause aus geliefert. Manche Arbeiter hatten schon am Morgen ihr Essen von zu Hause mitgebracht.

Das Essen von zu Hause wurde bevorzugt

In den Quellen im Ballyana-Archiv kann man lesen, dass die Arbeiter um Schönenwerd sich organisiert haben. Mit einem Wagen wurde das Essen in die Fabriken geliefert. Diesen Arbeitern wurde ein Lokal zur Verfügung gestellt, wo sie ihre Speisen aufwärmen und essen konnten. Deshalb mussten sie regelrecht überzeugt werden, die Kosthäuser zu benutzen. Fraglich bleibt, ob dieses Haus dazu beigetragen hat, dass die Arbeiter nicht gestreikt haben.

Unbestritten ist, dass das Ballyhouse das Ortsbild von Schönenwerd seit 100 Jahren prägt. Seit 2012 gehört es dem Architekten Martin Eitelbuss. Er hat es in den letzten Jahren so umgebaut, dass die alte Bausubstanz wieder zur Geltung kommt. In den oberen Geschossen hat er Wohnungen für sich und seine Familie gebaut. Das Erdgeschoss soll aber halböffentlich bleiben. Für Events kann man die historischen Gemäuer mieten. Am Samstag öffnet er die Tore für alle Interessierten.

Autorin

Judith Frei

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