Am 2. Juli 1977 marschieren rund 6000 AKW-Gegner von der Oltner Friedenskirche in Richtung Gösgen, mit dem Ziel, die Zufahrtswege zum fast fertig gebauten Kraftwerk zu besetzen. Den Demonstranten stehen 950 Polizisten gegenüber, ausgerüstet mit Tränengas, Gummischrot und Schlagstöcken.

Schützenpanzer und Helikopter leisten Unterstützung. Die Schweiz hat bis dahin weder ein Polizeiaufgebot dieser Grösse noch ein Vorgehen dieser Härte gegen Demonstranten gesehen. Die Kundgebungen vom Sommer 77 sind ein einschneidendes Erlebnis, sowohl für die Schweizer Sicherheitspolitik wie auch für die Teilnehmer.

Eine davon ist Käthi Vögeli, damals 21 Jahre jung, WG-Bewohnerin und voller Idealismus. Gegen das Atomkraftwerk vor ihrer Nase will sie ein Zeichen setzen. Beim Anblick des enormen Polizeiaufgebots wird der Tochter aus wohlbehütetem Hause dann doch etwas mulmig. «All die Polizisten in Kampfmontur, die Panzer, der kreisende Helikopter – das ist mir alles total eingefahren», erinnert sie sich und beschreibt es als eine Art Aha-Erlebnis: «Da wurde mir schlagartig bewusst, dass alles wahr ist – dass in dieser Welt Menschen einander bekämpfen und sogar töten.»

1977 besetzten AKW-Gegner die Zufahrt zum Kraftwerk Gösgen

1977 besetzten AKW-Gegner die Zufahrt zum Kraftwerk Gösgen

Das Schweizer Fernsehen widmete sich 1977 in der Sendung «Blickpunkt» den Protesten gegen das Kernkraft Gösgen.

Halstuch und Zitronensaft

Die Demonstranten besetzen die Zufahrtswege. Die Polizei setzt ein Ultimatum. Die Demonstranten bleiben. Einzelne bewerfen die Polizisten mit Gegenständen. Diese antworten mit Tränengas. Im Gegensatz zu den Ordnungshütern besteht Vögelis Ausrüstung nur aus einem Halstuch und in Zitronensaft getränkter Watte. Andere haben Gasmasken mitgebracht. Auch Käthi Vögeli gerät in die ätzende Wolke. «Es war ein ganz ekliges Gefühl.» Den Demonstranten bleibt nur der Rückzug. Eine Gruppe rettet sich über die Bahngeleise, nur kurz bevor der nächste Schnellzug vorbeirast.

Am Sonntagmorgen lässt die Polizei ein weiteres Ultimatum verstreichen, ohne Massnahmen zu ergreifen. Nach einem kurzen Protestzug vor Ort löst sich die Demonstration am Nachmittag auf.

Der Schock sitzt tief. Das harsche Vorgehen der Polizei wirft hohe Wellen. Umweltverbände aus dem In- und Ausland fordern die Schweiz und den Kanton Solothurn zur Mässigung auf. Käthi Vögeli muss das Erlebte verarbeiten. «Daran hatte ich ziemlich lange zu kauen», sagt sie. Die Erinnerung an den Juli 1977 wühlt sie noch heute auf: «Wir marschierten für eine friedliche Sache und wurden dermassen niedergewalzt.»

Die folgenden Monate zieht sie sich zurück, in ihrer Überzeugung bleibt sie aber standfest. Später arbeitet sie im Pressebüro des Initiativ-Komitees für die Anti-AKW-Abstimmung von 1979. Nach dem Lehrerseminar absolviert sie eine Zweitausbildung im Ausland und widmet sich fortan dem Theaterschaffen. 1989 erhält sie den Förderpreis des Kantons Solothurn und in diesem Jahr den Anerkennungspreis der Stadt Olten. Einer Partei hat sie sich nie angeschlossen. Lieber unterstützt sie Nichtregierungsorganisationen.

«Ihr hattet recht»

Der Graben zwischen Atomkraftgegnern und -befürwortern besteht bis heute und verlief mitten durch Käthi Vögelis Familie. Ihr Vater führte ein Möbelgeschäft und belieferte das AKW mit Büromöbeln. Ihre Mutter war überzeugte AKW-Befürworterin. In einer Sendung des Schweizer Fernsehens im Nachgang zu den Ereignissen rund um Gösgen sassen sich Mutter und Tochter in den beiden entzweiten Lagern gegenüber. Es dauerte lange, die Risse zusammenzukitten. «Jahre später kam mein Vater auf mich zu und sagte: ‹Weisst du, ihr hattet recht›.»

Die Fertigstellung des Kraftwerks konnten Käthi Vögeli und ihre Mitstreiter nicht verhindern. Heute ist sie sogar mit AKW-Angestellten befreundet. Ihre Bedenken wurden dadurch aber nicht zerstreut. Vor allem die Entsorgung der radioaktiven Abfälle beschäftigt sie: «Unsere Generation hinterlässt ein grosses Risiko», sagt die Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Keine Regierung der Welt könne diesbezüglich Sicherheit garantieren.