Starrkirch-Wil
«Wir weisen auch Leute weg»: In diese Badi mitten im Dorf haben nur Einwohner Zutritt

Im Schwimmbad Starrkirch-Wil treffen sich Jung und Alt, aber nicht alle haben Zutritt.

Judith Frei
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Die meisten Starrkirch-Wiler Kinder haben in diesem Schwimmbad schwimmen gelernt. Badeaufsicht Ursula Hälg (rechter Bildrand) passt trotzdem gut auf. Bild: Remo Frölicher

Die meisten Starrkirch-Wiler Kinder haben in diesem Schwimmbad schwimmen gelernt. Badeaufsicht Ursula Hälg (rechter Bildrand) passt trotzdem gut auf. Bild: Remo Frölicher

Das Becken ist knapp 25 Meter lang. In der Chromstahlwanne hat es drei Bahnen mit je einem Startblock. Hinter den gelben Türen am Schwimmbadkopf sind die Garderoben und Toiletten. Eine Hecke trennt die kleine Liegewiese vom Becken. Das kleinste Schwimmbad im Niederamt sieht auf den ersten Blick wie eine normale Badi aus.

Auf den zweiten Blick merkt man, dass gewisse Dinge anders sind. So sucht man in den Garderoben vergeblich nach Duschen. Die einzige Dusche steht am Beckenrand. Einen Kiosk sucht man ebenfalls vergeblich. Denn das Schwimmbad in Starrkirch-Wil ist nicht für Badefreunde gedacht, die von weiter her kommen: Nur Einwohner des Dorfs dürfen hier baden – und das gratis.

Aufsicht der Badenden durch Starrkirch-Wiler

Natürlich sind das Instandhalten und das Betreiben der Badi nicht gratis. Letztes Jahr hat die Gemeinde etwas mehr 37'000 Franken dafür ausgegeben. Dieser Betrag wird durch Steuereinnahmen gedeckt.

Das Bad wurde Ende der 1960er-Jahre gebaut. Ursprünglich war es als Löschwasserbecken und als Lehrschwimmbecken gedacht. «Noch heute hat der Lehrbetrieb Vorrang», erklärt Erwin Hälg. Dabei deutet er auf das Schulhaus, das, durch einen Baum verdeckt, gerade neben dem Schwimmbad steht.

Hälg hat an diesem heissen Tag die Nachmittagsschicht für die Badeaufsicht. Er macht die Aufsicht schon seit 18 Jahren und gehört zu den 22 Starrkirch-Wilern, die für 15 Franken in der Stunde das Becken mit den Schwimmenden im Auge behalten.

Erwin Hälg macht schon seit 18 Jahren regelmässig die Badeaufsicht.

Erwin Hälg macht schon seit 18 Jahren regelmässig die Badeaufsicht.

Remo Fröhlicher

Damit man die Badeaufsicht machen darf, muss man im Dorf wohnen und mindestens 18 Jahre alt sein. Die Gemeinde bezahlt den zukünftigen Lebensrettern die Ausbildung. Viele Studenten würden diesen Job machen, erklärt Damian Buss von der Liegenschaftskommission. Er ist verantwortlich für dieses Schwimmbad. Aber einige Pensionierte würden aushelfen, wenn es Engpässe gibt. So auch der frischpensionierte Hälg. Vorletzten Sonntag hätten er und seine Frau Ursula einen ganzen Tag die Aufsicht übernommen. Das heisst, er oder seine Frauen waren von 11 bis 20 Uhr im Schwimmbad. Sein gebräunter Körper wirkt wie ein Zeugnis.

Grosse Akzeptanz in der Bevölkerung

Vor 15 Jahren wurde das Schwimmbecken renoviert und die Chromstahlwanne eingesetzt. Seither mussten keine Reparaturen an der Wanne vorgenommen werden. «Hier in Starrkirch-Wil ist man stolz auf das Schwimmbad», meint Hälg. Wenn man hier aufwachsen würde, lerne man hier zu schwimmen. In dieses Bad gingen Jung und Alt: Früh am Morgen würden die älteren Menschen kommen – manche auch aus Dulliken. «Einige Gäste haben ihr ganzes Leben in Starrkirch-Wil gelebt und wohnen jetzt in Dulliken im Altersheim», erklärt Hälg. Für diese Leute bleibt das Bad ein wichtiger Treffpunkt. «Hier passieren die Dorfgespräche. Ein grosser Teil des sozialen Lebens spielt sich hier ab», erklärt Hälg.

Da sei es für ältere Menschen besonders wichtig, dass sie einen Ort haben, wo man sich trifft. Am Nachmittag kommen die Kinder und dann würde es laut werden. Während dieser Zeit müsse man schon schauen, dass niemand vom Beckenrand reinspringt, meint Hälg schmunzelnd. Auch an einem Mittwochnachmittag sei das Bad ein beliebter Treffpunkt für die Schüler. Am Abend wird eine Bahn für die Schwimmer abgetrennt. «Die Badi deckt alle Bedürfnisse ab», meint Hälg.

Der Hitzesommer wird dank dieser Badi erträglicher

«Ja, wir sind konsequent und weisen auch Leute weg», sagt der Hobbybadmeister. So habe seine Frau eben vorletzten Sonntag ein Paar abgewiesen, das nicht wusste, dass das Bad nur für die Einwohner gedacht ist. «Wenn man es den Leuten anständig sagt, dann wird das auch akzeptiert», sagt er. Starrkirch-Wiler können aber schon Gäste mitbringen, müssen das aber der Badeaufsicht melden. «Wenn ich jemanden nicht kenne, frage ich die Person, wo sie wohne», meint Hälg pragmatisch. Man habe mal ein System gehabt, wo man eine Karte dabei haben musste, um sich auszuweisen. Diese Schwimmkarte wurde aber oft zu Hause vergessen und hat sich als nicht praktikabel herausgestellt. Jetzt setzt man auf soziale Kontrolle.

Zwei ältere Damen sitzen am Beckenrand. Auch sie sind braun-gebrannt. Sie seien momentan täglich in der Badi, sagen die beiden. Die eine erklärt, dass ihre Terrasse ab Mittag zu heiss sei, um draussen sitzen zu können. Da komme sie gerne in die Badi für die nötige Abkühlung.

Doch nicht immer kann die Badi die erwünschte Abkühlung bieten. So weiss Buss, da er durch die Liegenschaftskommission die Aufsicht über das Bad hat, dass das Bad sich stark aufheizen kann, weil es sehr klein ist: «Sobald es sehr heiss ist und viele Leute im Bad schwimmen, kann es sein, dass das Wasser bis zu 28 Grad warm wird.»