Serie: Kampf um Gösgen

«Wir haben nichts Illegales getan»: Als Filippo Leutenegger gegen Gösgen demonstrierte

Filippo Leutenegger (l.) im Sommer 1977: Über Lautsprecher gibt er Parolen an die Demonstranten durch, die eine Fertigstellung des Kraftwerks Gösgen verhindern wollen.

Filippo Leutenegger (l.) im Sommer 1977: Über Lautsprecher gibt er Parolen an die Demonstranten durch, die eine Fertigstellung des Kraftwerks Gösgen verhindern wollen.

Im Sommer 1977 demonstrierten Tausende gegen die Fertigstellung des AKW Gösgen. Unter ihnen auch ein gewisser Filippo Leutenegger – dritter und letzter Teil unserer Sommer-Serie.

Unter den 6000 Aktivisten, die im Sommer 1977 gegen das Kernkraftwerk Gösgen demonstrierten, war auch ein junger Mann, der später zu einem der bekanntesten Gesichter in der Schweizer Polit- und Medienlandschaft werden sollte: Filippo Leutenegger. Der Zürcher kämpfte an vorderster Front gegen die Fertigstellung des Kraftwerks. Alte Aufnahmen zeigen den damals 24-Jährigen, wie er lässig mit halb-offenem Hemd und Dreitagebart über Lautsprecher Parolen an seine Mitstreiter durchgibt.

«Ich war ein Auslandschweizer», sagt Leutenegger. Seine Kindheit und Jugend hatte er in Rom verbracht. Die Art, wie in Italien mit der Umwelt umgegangen wurde, habe ihn für ökologische Probleme sensibilisiert. Die AKW-Proteste seien zudem die Pionier-Zeit für grüne Themen gewesen. «Ich gehörte zu den Mitbegründern der grünen Bewegung», sagt der FDPler rückblickend. Bereits gegen Kaiseraugst hatte er demonstriert. Mit einer wochenlangen Besetzung des Geländes konnten die Umweltschützer dort den Bau eines weiteren Kraftwerks verhindern. Gösgen aber war beinahe fertiggebaut, als die Demonstranten aufkreuzten. Sie versuchten, die Zufahrtswege zum Kraftwerk zu besetzen und so die Lieferung von Brennelementen zu verhindern. Ein fast 1000 Mann starkes Polizeiaufgebot hielt sie davon ab. Der junge Filippo Leutenegger liess sich von diesem Grossaufgebot nicht einschüchtern. «Warum auch? Wir haben ja nichts Illegales getan.»

Vom Aktivist zum Parlamentarier

Die Solothurner Regierung sah das nicht so und gab der Polizei grünes Licht, die Demonstranten zu verscheuchen. Mit Tränengas und Gummischrot wurden sie zurückgedrängt. «So weit ich weiss, war es das erste Mal, dass in der Schweiz Gummischrot eingesetzt wurde.» Dabei hatten die AKW-Gegner explizit zu einer gewaltfreien Aktion aufgerufen. «Es war mir immer sehr wichtig, einen friedlichen Weg zu finden», betont Leutenegger. Abgesehen vom harten Durchgreifen der Polizei hält er die Gösgen-Demo als «insgesamt friedliche Aktion» in Erinnerung, weit weniger dramatisch als später kolportiert. «Es gab eigentlich nur eine brenzlige Situation», erinnert er sich, «als einige Leute über die Bahngeleise rannten, kurz bevor ein Zug durchfuhr.»

Die Rolle als Sprecher der Umweltschützer war Leutenegger auf den Leib geschrieben. Sein Sendungsbewusstsein stellte er später beim Schweizer Fernsehen unter Beweis. Nach anfänglichen Jahren beim «Kassensturz» kreierte und moderierte er in den 90er- Jahren die «Arena» und schaffte es schliesslich bis zum Chefredaktor des Senders. 2002 schaffte er für die FDP den Sprung in den Nationalrat gewählt. Vor drei Jahren wurde er in die Zürcher Stadtregierung gewählt, wo er heute das Ressort Tiefbau und Entsorgung leitet. Um die Entsorgung – jene von radioaktiven Abfällen – machte er sich heute denn auch viel mehr Sorgen als um den Betrieb der AKW. «Das wird uns noch lange beschäftigen», ist er überzeugt. Die verlässliche Lagerung über Jahrhunderte sei eine enorme Verantwortung. Leutenegger zieht einen historischen Vergleich: «Heute weiss man ja nicht einmal mehr genau, wo die Schlachtfelder des Zürichkrieges vor 200 Jahren liegen.»

1977 besetzten AKW-Gegner die Zufahrt zum Kraftwerk Gösgen

1977 besetzten AKW-Gegner die Zufahrt zum Kraftwerk Gösgen

Das Schweizer Fernsehen widmete sich 1977 in der Sendung «Blickpunkt» den Protesten gegen das Kernkraft Gösgen.

Ironie der Geschichte

Vor 40 Jahren demonstrierte Filippo Leutenegger gegen das Kraftwerk in Gösgen. Heute kandidiert er für das Stadtpräsidium von Zürich, also jener Stadt, die mit 15 Prozent am Kernkraftwerk Gösgen beteiligt ist. Für Leutenegger kein Widerspruch: «Ich bin kein Utopist», sagt er von sich selber. Ja, die Schweiz hätte auch einen anderen Weg gehen können. Aber die Kraftwerke seien nun mal da. Jeder konsumiere auf die eine oder andere Weise Atomstrom. Den Handel mit Ökostrom bezeichnet er als Ablasshandel. Die AKW-Frage ist technischer Natur, findet Leutenegger und zieht einen weiteren Vergleich: «Im Verkehr bringt es auch nichts, Auto gegen Velo auszuspielen – es gehören beide dazu.» Mit falschem Idealismus würden die wahren Probleme, wie die Lagerung von radioaktiven Abfällen, nicht gelöst.

Filippo Leutenegger will sich nicht als AKW-Befürworter verstanden wissen. Der Ausstieg aus der Atomenergie müsse jedoch geordnet erfolgen. Der im Rahmen der Energiestrategie 2050 beschlossene Ausstieg ist in seinen Augen ein politischer Schnellschuss. Wertvolles Know-how drohe so verloren zu gehen. Dieses Wissen sei gerade im Umgang mit den Strahlungsabfällen sehr wichtig. Die Schweiz laufe sonst Gefahr, später auf ausländische Hilfe angewiesen zu sein. «Dann haben wir gar keine Kontrolle mehr», befürchtet er.

Wofür würde er heute auf die Strasse gehen? «Natürlich gibt es Dinge, die mich nerven», sagt der 64-Jährige. Als Mitglied der Stadtregierung könne er aber heute auf andere Weise mehr bewirken. Die Anti-AKW-Bewegung in den 70er-Jahren habe ihn zwar geprägt. Ob Demonstration, so wie jene in Gösgen vor 40 Jahren, heute noch ein probates Mittel sind, um sich zu engagieren, vermag er nicht zu beurteilen. Leutenegger findet: «Junge Leute müssen selber wissen, wie sie sich am besten einbringen.»

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