Lostorf

«Wir bauen wieder Kernkraftwerke»: Erster Direktor des Kraftwerks Mühleberg glaubt an die Kernenergie

Hans-Rudolf Lutz (86) aus Lostorf war der erste Direktor des Kernkraftwerks Mühleberg, welches am Freitag um 12.30 Uhr vom Netz geht.

Am Freitag wird das Kernkraftwerk Mühleberg abgestellt – 47 Jahre nach seiner Inbetriebnahme. Hans-Rudolf Lutz war erster Direktor der Anlage, seit dreissig Jahren ist er in Lostorf zu Hause. Wenige Tage vor dem Ende des zweitältesten Schweizer Kernkraftwerkes ist der rüstige Rentner ein gefragter Mann. Augenzeuge eines halben Jahrhunderts der heimischen Elektro-Geschichte gewissermassen.

Lutz versteht die Gründe, Mühleberg stillzulegen, billigt sie aber nicht. «Es handelt sich um einen betriebswirtschaftlichen, nicht um einen technischen Entscheid der BKW», sagt der promovierte Physiker. Der Strom würde auf dem Markt zu teuer. «Ob das langfristig auch so bleibt, wenn die CO2-Besteuerung kommt, bezweifle ich.» Lutz hat den Tag erwartet, aber nicht jetzt: «Jede Anlage wird irgendeinmal stillgelegt, aber hier stimmt der Zeitpunkt nicht.» Das Abschalten kommt für ihn viel zu früh. «In den USA wurden Laufzeiten von 60 Jahren bewilligt.» Mühleberg hätte seiner Meinung nach also noch mindestens die nächsten 13 Jahre am Netz bleiben können.

Auch wenn derzeit nichts darauf hindeutet, so glaubt Lutz an eine Renaissance der Kernenergie. «In etwa zehn Jahren ist dieser grüne Spuk vorbei. Dann bauen wir wieder Kernkraftwerke», ist er sich sicher. Allerdings andere als die heutigen. Lutz hebt ein Buch hoch: «The First Nuclear Era» (die erste nukleare Ära) von Alvin Weinberg. Weinberg sieht die gegenwärtige Zeit als Abschluss der ersten Epoche in der Geschichte der Kernenergie. Nachher folgt eine neue, zweite Ära, mit anderen Reaktoren. «Sie werden viel kleiner sein als die heutigen», weiss Lutz, «und so sicher sein, dass eine Verstreuung von Radioaktivität vollständig ausgeschlossen ist.»

«Blackout» wegen Strommangel als reales Szenario

Die Energiewende nennt Lutz einen «Jahrhundertunsinn». Die Versorgungssicherheit der Schweiz mit elektrischem Strom bereitet ihm Sorgen. Durch den Wegfall der Kernkraft müsse die Schweiz immer mehr Strom aus dem Ausland importieren. Lutz greift zum Tablet und öffnet die Website www.electricitymap.org, wo der laufende Energieverbrauch nach Ländern dargestellt wird. «Die Schweiz bezieht im Sommer Strom aus Frankreich, im Winter aus Deutschland», erklärt er. «In Frankreich wird der Strom vor allem aus Kernkraftwerken, in Deutschland von Kohlekraftwerken gewonnen.» Problematisch sei die Lage, wenn der Winter kalt ausfalle und Deutschland wegen der laufenden Abschaltung von Kernkraftwerken keinen Strom mehr liefern kann. Einen «Blackout», ein Strom-Ausfall, hält Lutz für denkbar. Die sozialen Folgen eines solchen Szenarios wären verheerend: Unruhen, Plünderungen, Chaos. Auch die Aufgabe der deutschen Kernkraftwerke ist für Lutz ein grundfalscher Weg: «Stattdessen werden neue Kohlekraftwerke gebaut und der CO2-Ausstoss wird dadurch massiv erhöht.» China hingegen setze stark auf die Kernenergie. «Von den neuen, sicheren Generation sind sieben Reaktoren im Bau, zwölf stehen bereits in Betrieb.»

Sein ganzes Berufsleben lang hat sich Lutz mit den Gegnern der Kernenergie auseinandergesetzt. Die Panikmache wegen dem Atommüll findet er «lächerlich, einfach nur lächerlich». Für ihn liegt der Hauptgrund im fehlenden Wissen. «Die Gegner kennen die Unterschiede der verschiedenen Halbwertszeiten nicht.» Lutz kommt in Fahrt, doziert frei über Strontium und Cäsium, über den Abbau radioaktiver Strahlung, bringt Beispiele von Finnland, wo ein Lager tausend Meter in den Untergrund gebaut wurde oder vom Zwischenlager (Zwilag) für radioaktive Abfälle in Würenlingen. Auch diese Materie ist Lutz aus eigener Erfahrung vertraut: Vor seiner Pensionierung war Lutz während acht Jahren Projektdirektor beim Bau des Zwilag.

Fukushima sei der «Inkompetenz der Japaner» zuzuschreiben. Man habe die Betreiber gewarnt, dass die Anlage nicht für Notfälle gerüstet sei. «Aber die wollten nicht hören.» Die Notstromgruppe von Fukushima-Daiichii (Nummer 1) sei nicht Tsunami-sicher gebaut worden. «Grundsätzlich müsste man die Japaner einklagen für zig Billionen Dollar Schadenersatz, den die Energiewende weltweit kostet», meint Lutz scherzhaft. Er ist sich sicher: «Ohne Fukushima hätten wir heute schon ein zweites Mühleberg im Bau.»

Vor 35 Jahren ein Pionier der Elektromobilität

Schon zu Studienzeiten an der Universität Bern, wo er auch das Fach Reaktorphysik belegte, hat er sich für die Kernenergie interessiert, sein erster Arbeitgeber war die Schweizerische Reaktor AG. Lutz baute selber einen Forschungsreaktor. «Der blieb noch recht lange in Betrieb.» Kernenergie ist für ihn eine «Herzensangelegenheit». Man glaubt ihm das sofort. Nach seiner Zeit bei der BKW wechselte Lutz zur BBC, wo er 1983 das erste Elektro-Auto der Schweiz von BBC Mannheim ausleihen konnte. Ein VW-Golf wurde umgerüstet. Bei der Motorfahrzeugkontrolle musste er die Anzahl der Zylinder angeben. «Ich habe das Feld durchgestrichen.» Die junge Frau am Schalter verstand gar nicht, was er eigentlich anmelden wollte. Erst als Lutz dem Chef das neuartige Fahrzeug erklären konnte, bekam er das Nummernschild ausgehändigt. Vier Wochen fuhr er damit in Bern herum.

Am Freitag wird Lutz der Abschaltungszeremonie um 12.30 Uhr im Kommandoraum von Mühleberg beiwohnen, allerdings in der Zuschauerrolle. «Ich werde nicht auf den Abschaltknopf drücken. Das macht die heutige Crew.» Den heutigen jungen Menschen rät er, «weiter an die Technik zu glauben». Die Technologie entwickle sich weiter. Wenn die Schweiz nicht daran teilhabe, so gewiss andere Länder. Rund um den Erdball sind Reaktoren im Bau, von USA über Frankreich, Russland, Südkorea und China. Verzweifeln mag Lutz nicht. «Einmal bricht die Vernunft durch, auch bei uns.» Gelassen blickt er durchs Stubenfenster gegen Gösgen. «Ich bin der Zeit immer rund dreissig Jahre voraus.»

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