Aus der Stereoanlage tönen nordische Klänge. Auf dem Holztisch stehen Tonkrüge und Holzbecher. Um den Tisch herum sitzen modern gekleidete Leute, die mit ungewöhnlichen Nadeln hantieren, ein Gewand nähen oder ein Schild basteln. Eines wird an diesem Bild deutlich: Hier trifft die Moderne auf die Historik.

Wir befinden uns im Wohnzimmer von Michael Lauber, dem Präsidenten der «Viking Horde». Das ist ein Verein mit Sitz in Obergösgen, der sich der «Living History» angenommen hat: «Wir stellen Szenen aus dem Leben der Wikinger so authentisch wie möglich dar», erklärt er. «Wir», das sind elf Frauen und Männer im Alter von Mitte 20 bis Mitte 50 sowie drei Kinder, die gemeinsam dem Wikingerleben frönen.

Jeder der Mitglieder hat einen eigenen Wikingernamen, den es sich nach dem Ende des Schnupperjahres selbst geben kann. «Die Namen haben denn auch immer eine besondere Bedeutung», weiss Lauber, der sich Hima nennt. Melasól, die mit bürgerlichem Namen Victoria Browne heisst, nickt anerkennend. Sie ist gerade dabei, mit einer Technik, die sich Nadelbinden nennt, eine Kappe zu fabrizieren. Christoph Gasser und Magdalena Petermann ergänzen das Quartett an diesem Bastelabend. Die beiden haben noch keine Wikingernamen, absolvieren sie doch derzeit das Probejahr.

Authentizität steht im Mittelpunkt

Die Horde befindet sich momentan in der Winterpause. Das heisst, es sind vor allem Bastelarbeiten angesagt. Anwärter Christoph Gasser schraubt an seinem Schild, Hima passt sich Schuhe an. «Bei uns geht es um Handwerk, Kochen, Geselligkeit und den Lebensstil der Wikinger», erklärt er. Im Vordergrund steht dabei vor allem die Authentizität. «Es gibt Sippen, die auf jedes kleinste Detail achten und nur als authentisch ansehen, was in Ausgrabungen tatsächlich zusammen gefunden wurde», berichtet Lauber und meint damit zum Beispiel historische Gewänder. Bei der «Viking Horde» seien sie da nicht so pingelig: «Uns ist wichtig, dass die Umsetzung schon damals in der Zeit der Wikinger möglich gewesen wäre und dass wir so aussehen wie Wikinger», meint Hima.

Am Freitag steht für die Horde ein wichtiges Fest an: das Julfest. «Am kürzesten Tag des Jahres feierten die Wikinger, dass die härteste Zeit des Winters nun vorbei war und die Tage wieder länger werden», erläutert Melasól alias Victoria.

Während sich die «Viking Horde» im Winter eher drinnen aufhält, ist sie im Sommer oft draussen anzutreffen: zum Beispiel am Mittelaltermarkt in Luzern. Dort zeigen sie jeweils ihr Handwerk und ihre Kochkünste. Einmal im Jahr veranstalten sie ein Lager für die Vereinsmitglieder. Dann wird auf einem Feld im aargauischen Brittnau, das einem Mitglied gehört, campiert. «Wir haben alle Zelte und das Gestänge selbst gebaut», erklären die vier nicht ohne Stolz. Auch nimmt der Verein an Aktivitäten des Schweizerischen Dachverbands, den «Wikinger der Schweiz», teil. So zum Beispiel am jährlich stattfindenden «Bergthing». Dort treffe man sich mit den anderen Schweizer Sippen, um sich auszutauschen und der gemeinsamen Leidenschaft nachzugehen.

Aufwändiges Hobby

Worin denn diese Faszination liegt, darüber geben die Wikinger aus Obergösgen gerne Auskunft: «Mich interessiert es, wie die Menschen damals mit so wenig Mitteln so viel hergestellt haben», sagt Anwärterin Magdalena. Victoria ergänzt: «Bei mir geht es um die Achtsamkeit. Man nimmt die Dinge bewusster wahr und gibt mehr Acht auf sich und die Umwelt.» Das Handy spiele bei Anlässen der «Viking Horde» oft nur eine untergeordnete Rolle.

«Wir leisten auch Aufklärungsarbeit», stellt Anwärter Christoph klar. Denn: «Filme und TV-Serien darf man nicht für bare Münze nehmen. Da wird vieles romantisiert.» So sei es etwa nicht wahr, dass die Wikinger immer mit Hornhelmen unterwegs waren. Das sei eine Erfindung aus der Oper.

Wie viel Zeit die einzelnen Mitglieder in ihr Hobby investieren, sei unterschiedlich. Dass es aber tendenziell viel Aufwand bedeutet, ist ihnen bewusst. «Anstatt den Fernseher anzuschalten, nähe ich nach dem Feierabend halt etwas», meint Victoria lachend. «Wir sind normale Leute mit einem speziellen Hobby», stellt Lauber fest. Und dieses Hobby betreiben die Vereinsmitglieder schon erstaunlich lange: Im März des kommenden Jahres feiert der Verein sein zehnjähriges Bestehen. Besondere Feierlichkeiten soll es nicht geben. Nur das vereinsinterne Lager soll etwas grösser werden.