Es steht an einem der markantesten Standorte von allen Wirtschaften im Niederamt: das Landgasthaus Fähre in Obergösgen. Bis vor 100 Jahren setzte hier eine Fähre Personen und Waren über die Aare. Eine Wirtschaft gab es schon im 19. Jahrhundert, weil hier die Flösser auf dem Wasserweg von Solothurn zum Rhein Station machten (siehe schmale Spalte).

Doch seit Anfang April ist die «Fähre» geschlossen. Nach genau 10 Jahren hat der Wirt Mehmet Sengül (Dulliken) sein Engagement im Obergösger Schachen beendet. Lange müssen die «Fähre»-Gäste aber nicht auf dem Trockenen sitzen. Der neue «Fährmann» steht bereit: Am Samstag, 7. Mai, um 16 Uhr wird Nikola Pejic als neuer Pächter die Tore des Hauses öffnen.

Seit 35 Jahren in der Schweiz

Der 58-jährige Pejic hat Beziehungen zum bisherigen «Fähre»-Team und kennt das Haus von früheren Besuchen. Er ist in Kroatien geboren und in Bosnien aufgewachsen, kam aber schon 1981, als 23-Jähriger, in die Schweiz, wie er erzählt. Noch in der Heimat hatte er eine Gastgewerbeschule absolviert. Zunächst arbeitete er 10 Jahre als Kellner im Tessin, später in Winterthur und dann als Chef de service einer Restaurantkette in Zürich.

Von 1995 bis 2005 führte er erstmals selber ein Lokal, nämlich das Restaurant «Frieden» in Wallisellen, eine Pizzeria. Seit 2005 sei er hauptberuflich als Versicherungsmakler tätig und helfe nur noch bei Kollegen im Gastgewerbe aus.

Jetzt aber will es Nikola Pejic nochmals wissen: Er ist bereits nach Obergösgen umgezogen und wird ab Mai Wirt in der «Fähre». Das ist eine happige Aufgabe: Besitzer Peter Wanner beziffert das Platzangebot im Landgasthaus (mit Flösserstube, Chemineeraum und Restaurant) auf insgesamt 180 Plätze, dazu kommt eine Kegelanlage mit vier Bahnen.

«Jeder soll sich wohlfühlen»

Den Kern seines Teams habe er beisammen, sagt Pejic. Unter anderem wird sein Sohn Dejan (36) als Koch und Pizzaiolo mitarbeiten. Auch ein Teil der bisherigen Servicebrigade der «Fähre» wird dem Lokal treu bleiben.

Für die Küche verspricht Pejic ein ähnliches Angebot wie bisher: Italienisch, aber ergänzt durch traditionelle Schweizer Kost wie Rösti, Wurstsalat oder Raclette. Auf keinen Fall etwas Abgehobenes: «Jeder Kunde ist König», sagt er.

Genau das erwartet auch der Verpächter: «In der ‹Fähre› sollen sich alle Leute wohlfühlen, vom Chauffeur bis zum Banker. Ob im Anzug oder im Überkleid.» Die «Fähre» wolle sich nicht allein auf Mittag- oder Abendessen konzentrieren, sondern sei ebenso fürs Znüni oder Zvieri da. Wanner traut Nikola Pejic und seinem Team zu, die «Fähre» im bisher gewohnten Stil weiterzuführen.

Wie die Jungfrau zum Kind

Peter Wanner (56) führt ein Bauunternehmen in Obergösgen. «Zur ‹Fähre› bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kind», gibt er zu. Nachdem die ursprüngliche Besitzerfamilie Meier das Haus über längere Zeit ausgeschrieben hatte, kam er kurz vor Weihnachten 2005 zum Zug. Zum Gesamtkomplex gehören auch das Mehrfamilienhaus und das Dancing, das von Wanners Frau geführt wird.

«Ich selbst bin Baumeister und sehe mich überhaupt nicht als Wirt», sagt der «Fähre»-Besitzer. Nach dem Kauf habe er sich zunächst durchaus überlegt, ob er die Wirtschaft überhaupt weiterführen wolle, und auch Alternativen geprüft. «Aber», so sagt er, «ich fühlte mich gegenüber der Gemeinde verpflichtet.» Wanner ist in Obergösgen aufgewachsen, hat sich früher in der Feuerwehr und im Turnverein engagiert. «Für Obergösgen ist es wichtig, dass das Restaurant erhalten bleibt.» Wenn er erzählt, wie er als Bub noch den Bau der «Fähre» miterlebte, kann man vermuten, dass bei seinem Entscheid auch ein emotionaler Faktor mit im Spiel war.

Erinnerung ans Hochwasser

Am 1. Mai 2006 eröffnete Wanner die «Fähre» mit dem Pächter Mehmet Sengül. Dieser habe das Landgasthaus 10 Jahre lang erfolgreich und in seinem Sinn geführt, attestiert ihm Wanner. Unvergesslich ist ihm aus dieser Zeit das Aarehochwasser vom August 2007. Nachts um 2 Uhr habe er zusammen mit Sengül noch alles kontrolliert. Kurz darauf drückte die Flut die Kellertüre ein. 1,80 Meter hoch stand das Wasser im Keller – als Erinnerung ist der damalige Wasserstand im Untergeschoss unübersehbar markiert.

Das möchte Nikola Pejic in Obergösgen wohl nicht unbedingt erleben. Aber wer auf der «Fähre» das Ruder übernimmt, muss die Aare im Auge behalten.