Däniken
Wie der Strom ins Atomdorf kam

Am Sonntag, 2. Februar 1913, nach dem obligaten Kirchgang, hat die Däniker Gemeindeversammlung den Entscheid zur Elektrifizierung des damals stark landwirtschaftlich geprägten Dorfes gegeben. Sie setzte damit einen Meilenstein auf dem Weg, Däniken als Wirtschaftsstandort zu entwickeln.

Stefan Bühler
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Traktandenliste der Ordentlichen Neujahrsgemeinde vom 2. Februar 1913

Traktandenliste der Ordentlichen Neujahrsgemeinde vom 2. Februar 1913

Seit rund 40 Jahren ist Däniken als Standort des Kernkraftwerks Gösgen bekannt, das etwa 15 Prozent des schweizerischen Stromverbrauchs liefert. «Unter Strom» steht Däniken aber schon seit über 100 Jahren. Den Schalter für die elektrische Zukunft drückten die Däniker mit der Zustimmung zu einem Kredit über 50 Franken.

Seit 1879 in St. Moritz

Die Schweiz gehörte zu den Ländern, in denen die Elektrifizierung früh einsetzte. Die erste bekannte elektrische Beleuchtungsanlage wurde 1879 im Hotel Engadiner Kulm in St. Moritz in Betrieb genommen und war eine Weltsensation. Vor dem 1. Weltkrieg wuchs der Stromverbrauch rasch an. In Däniken wurde die Relevanz für die industrielle Entwicklung früh erkannt. Die Gemeindeversammlung entschied, in ein Netz zur Verteilung der Elektrizität zu investieren, und legte so den Grundstein für die 2007 gegründete Elektra Däniken.

In den USA, die als Land der Pioniere und des Fortschrittsglaubens gelten, wurde die Elektrifizierung ländlicher Räume erst in den 1930er-Jahren im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmassnahmen durchgeführt. 1934 hatten erst 11 Prozent aller US-Farmen einen Stromanschluss. In den Ländern Zentraleuropas waren zur gleichen Zeit bereits an die 90 Prozent aller Bauernhöfe elektrifiziert. In der Sowjetunion wurde mit dem 1920 verabschiedeten GOELRO-Plan (Staatsplan zur Elektrifizierung Russlands) der Ausbau der Stromnetze offizielle Staatsdoktrin, gemäss Lenins Parole «Kommunismus – das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes».

Däniken, Anno 1913

Der Grundsatzbeschluss zur Einführung des elektrischen Lichts in Däniken fiel ausgerechnet am Sonntag Mariä Lichtmess. Auszug aus dem Protokoll der Gemeindeversammlung vom 2. 2. 1913: «Die seinerzeit vom Gemeinderat ernannte Dreier-Kommission zur Sondierung für Einführung des elektrischen Lichtes in unserer Gemeinde stellt im Einverständnis mit dem Gemeinderat folgenden Antrag: ‹Die heutige Einwohnergemeinde ernennt eine auf 9 Mitglieder erweiterte Elektrizitätskommission. Dieselbe wird beauftragt, die Einführung der elektrischen Energie zu Licht- und Kraftzwecken unserer Gemeinde zu studieren. Sie lässt eine auf fachmännischer Praxis erstellte genaue Kostenberechnung anfertigen, gibt Bericht über die Herbeischaffung der bei einer eventuellen Ausführung notwendig werdenden Anleihen, über Betrieb, Rendite und Amortisation. Der hiefür nötige Kredit von ca. 50 Franken wird bewilligt. Nach Fertigstellung und Kenntnisnahme dieser Akten wird eine spätere Gemeindeversammlung weiter beschliessen.› Dieser Antrag wird ohne Opposition zum Beschluss erhoben.»

Netzknoten im Niederamt

Bis heute übernimmt das Solothurner Niederamt eine dominante Rolle in der nationalen Stromproduktion und -verteilung ein. Die Schaltanlage in Gösgen ist ein zentraler Netzknoten für die Versorgungssicherheit der Nordwestschweiz. Dieser Knoten war eines der Themen einer überparteilichen Veranstaltung der Däniker Ortsparteien. Zahlreiche Dänikerinnen und Däniker jeglicher politischen Couleur besuchten bei strömendem Regen das Unterwerk Gösgen.

Kompetent präsentierte eine Führercrew der Alpiq die Schaltanlage, erklärte das schweizerische Netzebenenmodell sowie die fragmentierten Zuständigkeiten von der Produktion über die nationale, regionale und lokale Verteilung der Elektrizität. Die lokale Verteilung in Däniken verantwortet die Elektra Däniken unter der Leitung des Geschäftsführers und Verwaltungsratspräsidenten Heiner Schranz.

Stolz aufs Tafelsilber

Heiner Schranz, ein ausgewiesener Profi der Elektrizitätsbranche, zeigte die Herausforderungen, die Erfolge sowie die Geschichte des «Däniker Tafelsilbers». Die Elektra Däniken AG wurde im Jahr 2007 gegründet und befindet sich zu 100 Prozent im Besitz der Einwohnergemeinde Däniken. In der Eigenschaft als gemeindeeigene Netzgesellschaft hat sie im gleichen Jahr das Niederspannungsnetz und die Transformatorenstationen von der Alpiq Versorgungs AG (Avag) erworben.

Die Elektra Däniken AG hat ihr Netz bis Ende 2019 an die Avag zu vertraglich festgelegten Konditionen verpachtet. Die Avag stellt auf diese Weise die Stromversorgung, das Abrechnungswesen, den Betrieb und den Unterhalt des Däniker Stromnetzes sicher. Die Elektra Däniken AG ihrerseits verpflichtet sich, das Netz gemäss dem Stand der Technik auszubauen und zu erneuern, sodass ein effizienter und sicherer Netzbetrieb gewährleistet werden kann. Die Elektra übernimmt die Finanzierung der damit zusammenhängenden Investitionen auf eigene Rechnung und zu ihrem Eigentum.

Beim Apéro auf Einladung des Kernkraftwerks Gösgen und der Elektra Däniken wurde den Dänikerinnen und Dänikern bewusst, wie herausfordernd und vielschichtig sich die Zukunft der Energiebranche abzeichnen wird. Der Anlass animierte die Bevölkerung, sich aktiv mit der Energiepolitik auseinanderzusetzen.