Schönenwerd
Wie der «Alte Storchen» seine Bedeutung verlor und Carl Franz Bally das Gebäude durch eine «List» kaufte

Im «Alten Storchen» beriet die Schönenwerder Elite allabendlich Geschäftliches und Politisches. Heute steht das Gebäude teilweise leer.

Judith Frei
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Der alte Storchen im Schönenwerdner Dorfzentrum sucht Mieter.
7 Bilder
Früher spielte sich das Dorfleben hier ab.
Nur noch das Schild lässt vermuten, dass in diesem Gebäude früher eine Gastwirtschaft war.
Alter Storchen
Der alte Storchen diente bis 1972 als Firmenhotel für Bally.
Carl Franz Bally erweiterte das Gebäude 1866 um drei Fensterachsen.
Erst seit 1920 hat das Gebäude seine heutige Gestalt.

Der alte Storchen im Schönenwerdner Dorfzentrum sucht Mieter.

Bruno Kissling

Die Bilder von Google Street View zeigen eine Momentaufnahme einer Ortschaft. Eine Baustelle bleibt für einige Zeit digital erhalten, während in der analogen Welt das Haus schon fertig gebaut ist. So wirken einige Aufnahmen schnell veraltet. Nicht so in Schönenwerd: Eine Tour durch Schönenwerd mit dem Onlinekartendienst führt durch die Aufnahmen vom August 2013. Die Sonne scheint, die Autos stauen sich im Dorfkern vor den Verkehrsampeln.

Dabei fällt das grosse Plakat auf, das über die Fassade des «Alten Storchen» gespannt ist. Angepriesen wird Gewerbefläche im «Edelrohbau». Auch heute sucht der Besitzer Mieter für seine Büroräumlichkeiten, wie man einem Online-Inserat entnehmen kann. Ist das elegante Bürogebäude, mit den zwei vornehmen Säulen bei der Eingangstüre, aus der Mode gekommen?

Treffpunkt für die Bevölkerung und Durchreisende

Dieses Gebäude war früher das pulsierende Herz von Schönenwerd. Schon im 17. Jahrhundert wird es in Quellen erwähnt. Denn das Gebäude lag strategisch gut. Im Mittelalter führte der gesamte Fuhrverkehr zwischen Basel, Bern und Zürich durch Schönenwerd. Die Güter wurden, bevor die Eisenbahn existierte, in mit Blachen bedeckten Wagen transportiert. Der «Alte Storchen» war ein Gasthof für diese Fuhrmänner. Das gegenüberliegende Hotel «Krone» diente den Pilgerreisenden, die die Stiftskirche besuchten, als Übernachtungsmöglichkeit. Neben dem Storchen standen damals grosse Scheunen, wo die Reisenden die Pferde und Wagen unterstellen konnten.

Doch spätestens als die Eisenbahnstrecke zwischen Olten und Baden Ende der 1850er-Jahre fertiggestellt wurde, verlor das Hotel an Bedeutung für Durchreisende. Dies könnte der Anfang des Bedeutungsverlusts für das Gebäude darstellen.

Stützpunkt für die Schönenwerder Elite

Doch das Gebäude war nicht nur für die Durchreisenden ein wichtiger Stützpunkt, sondern auch das Dorfleben spielte sich dort ab. Im Tagebuch des Gründers der Schuhmarke «Bally», Carl Franz Bally, steht, dass der «Storchen der Zentralpunkt der Politik war». So traf sich die Spitze der Schönenwerder Gesellschaft fast allabendlich in diesem Wirtshaus. Ausser der Familie Bally werden regelässig Victor Brun, Ludwig Baldenweg oder Benedikt von Arx erwähnt. Sie widmeten sich ihren «Schoppen», tauschte Geschäftsideen aus und politisierte.

Dort besprach der Schuhhersteller 1859 seine Idee, eine Brücke über die Aare zu bauen, um so Niedergösgen mit Schönenwerd zu verbinden. Die «Storchen-Gesellschaft», wie Bally die Männer nannte, hätten diese Idee verworfen, weil es wegen «den kleinlichen Ortsverhältnissen unausführbar sei». Dabei hätten sie den Geschäftsmann «gehörig ausgelacht.» Jedoch schon ein paar Monate später sollte der Brückenbau im Gasthaus wieder bei der Talglicht-Beleuchtung Thema gewesen sein. Dabei wurde nicht mehr gelacht, sondern besprochen, wie das Projekt am besten realisiert werden könnte. Die Brücke wurde 1864 schlussendlich gebaut.

Die seltsame Geschichte, wie Bally das Gasthaus kaufte

Carl Franz Bally verbracht selber viel Zeit mit seinem «Schoppen» im «Alten Storchen», wie seinem Tagebuch zu entnehmen ist. So erklärte Joseph Walser — der Besitzer des Gasthauses — im Frühjahr 1863, dass er die Wirtschaft «altershalber gerne verkaufen würde». Das liess den Geschäftsmann aufhorchen. Aus dem Tagebuch wird nicht abschliessend ersichtlich, warum er dem Wirt nicht direkt ein Angebot macht. Bally beschreibt den Mann als einen «so unentschiedener Menschen (...). Ich konnte direkt mit ihm nicht unterhandeln, das hätte nie zu einem Abschluss geführt; er wäre sogar nicht gestorben und heute, den 25. Juli 1885, wo ich das in St. Moritz niederschreibe, noch ‹Storchen›-Wirt.»

Wie Bally in seinem Tagebuch festhält, kaufte er das Wirtshaus mithilfe einer «List»: Er engagierte einen Aarauer Notar als Strohmann, der den Kaufvertrag aushandeln sollte. Der Coup gelang und Walser war «natürlich ganz erstaunt», als er in seiner Gaststube erfuhr, wer der geheime Käufer war. Bally drängte den alten Mann, dass der Verkauf sofort in der Oltner Amtschreiberei beglaubigen werden sollte. Schon am nächsten Tag, als der neue Besitzer in sein Gasthaus trat, eröffnete ihm der «unentschlossene Mensch», dass er den Vertrag nicht halten könne. Denn seine Verwandten erachteten die Verkaufssumme von 40'000 Franken als zu wenig. «Was er denn eigentlich noch wolle», fragte ihn Bally. «Eine Handschrift einer Schuld von 2000 Franken», antwortete Walser. Bally versprach ihm sofort diese Summe am nächsten Tag bar auszuzahlen. So ging der Verkauf des einst bedeutenden Gebäudes eher seltsam über die Bühne.

Das Gebäude im Lauf der Zeit

Der «Alte Storchen» wurde im 17. Jahrhundert errichtet, nach einem Brand aber vollständig zerstört. 1759 wurde es neu aufgebaut und im 19. sowie 20. Jahrhundert derart umgebaut, dass es nur noch wenig mit dem ursprünglichen Gebäude gemein hat.

Bally investierte viel in das Wirtshaus. So legte er Gasleitungen, entfernte die Stallungen und baute das Gasthaus zu einem Magazin um, «in welchem nun Vorräte von Fussbekleidungen der Völker der Erde ausgelagert sind», wie seinem Tagebuch zu entnehmen ist. Für die Wirtschaft stand im Winter ein kleiner Saal zur Verfügung. Im Sommer traf man sich beim heutigen Casino.

1866 wurden drei Fensterachsen angebaut und 1920 die Lukarnen auf das Dach gesetzt. In dieser Zeit erhielt das Gebäude seine spätklassizistische Gestalt. Ende der 1880er-Jahre verlegte Bally sein Lager. Die freigewordenen Zimmer wurden zu Logierzimmer umgebaut. Das Geschäft wuchs und immer mehr Vertreter von auswärtigen angegliederten Unternehmen kamen nach Schönenwerd. Da die gegenüber gelegene «Krone» das Aufkommen der Eisenbahn nicht überlebte, logierten die Geschäftsmänner im Storchen. Dabei wurde das Hotel mit der Zeit repräsentativer. 1972 liess die «Bally Schuhfabriken» das heutige Hotel Storchen bauen. Der moderne Bau stiess den alten Storchen — der bis dann als Firmenhotel diente — vollends in die Bedeutungslosigkeit. Im Gebäude wurden dann Büro- und Konferenzräume untergebracht.

Heute gehört das Gebäude dem Felsegarten Konsortium. Auf Anfrage bestätigt die Firma, dass Büroräumlichkeiten freistehen, aber Interessenten sollen zu Genüge vorhanden sein. (jfr)