Gretzenbach

Wer will sich für sein Dorf einsetzen?

Die letzten 10 Jahre verbrachte Daniel Cartier auch im Hochsommer viel Zeit in seinem Büro im Gemeindehaus in Gretzenbach.

Die letzten 10 Jahre verbrachte Daniel Cartier auch im Hochsommer viel Zeit in seinem Büro im Gemeindehaus in Gretzenbach.

Der Gretzenbacher Gemeindepräsident Daniel Cartier tritt 2021 ab. Bis dann hat er noch einiges vor.

Eigentlich wäre Daniel Cartier, der Bezirksschullehrer, jetzt in den Sommerferien. Er sitzt aber braun gebrannt vor seinem Computer im Gemeindehaus. Denn er ist nicht nur Lehrer, sondern auch Gemeindepräsident von Gretzenbach. Jetzt ist er schon in seiner dritten Legislaturperiode, und wenn er 2021 sein Amt niederlegen wird, dann wird er zwölf Jahre Präsident der 2800-Seelen-Gemeinde gewesen sein.

In einem öffentlichen Brief im Mitteilungsblatt der Gemeinde, wendet sich der 53-Jährige an die Einwohner und fordert sie auf, sich ehrenamtlich zu engagieren. Denn bis jetzt ist keine Nachfolge für sein Amt in Sicht.

Momentan ist kein Nachfolger in Sicht

Als er 2009 Gemeindepräsident wurde, war er schon vier Jahre im Gemeinderat. Vorher ist er in verschiedenen Kommissionen tätig gewesen. «Das ist der übliche Weg, um Gemeindepräsident zu werden», erklärt Cartier. Momentan will keines der Gemeinderatsmitglieder Präsident werden.

Er selber will nicht mehr antreten. «Die Gemeinde braucht jetzt jemanden, der neue Impulse bringt und anders denkt als ich», sagt Cartier. Während seiner langen Präsidialzeit sei ein eingespieltes Team entstanden. «Es ist fast zu gemütlich geworden, zu politisieren», sagt er.

Lange politische Karriere im Niederamt

Cartier ist, wie seine Eltern und Grosseltern, Mitglied der FDP. «Dank meinen Eltern wusste ich, was mich erwartet, wenn ich ein öffentliches Amt annehme.» Er habe aber nie geplant, eine politische Karriere zu machen: «Mein Ehrgeiz ist an einem kleinen Ort zu Hause», meint er schmunzelnd.

In den 1990er-Jahren habe die FDP ihn gefragt, ob er sich engagieren wolle. So habe seine politische Laufbahn noch in Niedergösgen, wo er aufgewachsen ist, seinen Anfang genommen. Als er nach Gretzenbach zog, sei das eine gute Gelegenheit gewesen, schnell Teil der Gemeinde zu werden. Sich dann als Präsident zur Verfügung zu stellen, sei ein Schritt gewesen, den er lange mit seiner Frau habe besprechen müssen. «Mich hat der Job als Gemeindepräsident gereizt und ich habe mich deswegen aufstellen lassen. Es ist ein spannender und vielseitiger Job. Für mich persönlich war es auch eine Lebensschule», bilanziert er diese Zeit.

Fehlendes Interesse an Gemeindepolitik

Er sieht das fehlende Interesse, ein politisches Amt auf Gemeindeebene anzunehmen, als Symptom eines grösseren Problems: Heute seien die Leute nicht mehr neugierig, was auf Gemeindeebene passiert. «Die Leute interessiert es auch nicht, wie ein Fernseher funktioniert, solange er läuft», meint er lapidar.

Dieses Desinteresse würde man der Bundespolitik weniger entgegenbringen. Er habe die Beobachtung gemacht, dass viele Menschen auf nationaler Ebene eine Meinung zu politischen Geschäften hätten, nicht so aber auf Gemeindeebene. «Das ist sehr schade, weil man gerade hier einen direkten Einfluss nehmen kann. Auch sind die Themen auf kommunaler Ebene einfacher und verständlicher. Die komplizierten Angelegenheiten werden je länger, je mehr professionalisiert, wie dies zum Beispiel in der Sozialhilfe der Fall ist», sagt Cartier.

«Ich vermisse das Gstürm an den Versammlungen»

Auch an den Gemeindeversammlungen würde man merken, dass die Leute sich weniger mit den Geschäften auseinandersetzten. «Ich vermisse manchmal das Gstürm an den Versammlungen, bei denen man merkt, dass die Leute für eine Sache einstehen», sagt er. Gleichzeitig räumt er ein, dass auch die Verwaltung professioneller geworden sei und die Geschäfte akribisch vorbereitet werden. Auch daher würden weniger Diskussionen entstehen. Diese Professionalisierung sei unausweichlich.

Das Schweizer Milizsystem sei auf Gemeindeebene besonders wertvoll: Denn ein Gemeindepräsident, der auch im Berufsleben steht, politisiere anders. Er wisse, was die Leute beschäftigt, und könne seine Arbeit auch besser der Gemeinde erklären. «Hier in der Schweiz haben wir eine demokratische Tradition, die darauf beruht, dass sich die Bürger engagieren», sagt er.

Engagement für eine grosse unbekannte Mehrheit

Das schwindende Interesse sei verschiedenen Faktoren zu Schulden. Ein zentraler Grund sei, dass das Dorf wächst. «Das Engagement empfindet man nicht mehr als etwas, was man für seine Nachbarschaft macht, sondern für eine grosse unbekannte Mehrheit», sagt er.


Cartier kennt auch viele Leute, die kein Selbstbewusstsein und keinen Ehrgeiz haben, sich auf Gemeindeebene zu engagieren. Er habe das Gefühl, dass die Leute sich eher darauf beschränken, zu kritisieren, sich aber nicht aktiv einbringen.

Professionalisierung der Gemeindepolitik 

«Die Konsequenz, wenn sich niemand mehr engagieren will, ist eine Professionalisierung der Gemeindepolitik», sagt Cartier. Dabei bestehe die Gefahr, dass an den Menschen vorbeipolitisiert wird.

Neben dem offenen Brief will er aber keine weiteren Massnahmen treffen, um die Gretzenbacher zu mobilisieren: «Solche Aktionen wirken schnell bevormundend», sagt er. Cartier betont abschliessend, dass er sich neben der verpflichtenden Präsenzzeit viel Arbeit auch selber einteilen könne und dieses Amt auch nebenberuflich zumutbar sei: «Der Job ist machbar und die Vielfalt der Aufgaben gibt einem persönlich viel.»

Autorin

Judith Frei

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