Zoltán Mészáros aus Dulliken
«Wenn mir Schweizer Ungarn erklären …»

Zoltán Mészáros (58), ein Ungare der in Schweden aufwuchs und seit 1990 in der Schweiz lebt, über die Darstellung seiner Heimat im Westen. Ein Interview.

Christian von Arx
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Zoltán Mészáros in seinem Garten in Dulliken, in der 80-jährigen Tracht seines Grossvaters aus Nordwestungarn, mit dem Gulyás-Kessel am Dreibein.

Zoltán Mészáros in seinem Garten in Dulliken, in der 80-jährigen Tracht seines Grossvaters aus Nordwestungarn, mit dem Gulyás-Kessel am Dreibein.

Remo Fröhlicher

Herr Mészáros, nach dem Aufstand von 1956 gegen die kommunistische Diktatur haben sich etwa 200 000 Ungarn ins Ausland abgesetzt: In die Schweiz, nach Westeuropa, Nordamerika oder Australien. Wie ist es den damaligen Flüchtlingen und ihren Familien in den 60 Jahren seither ergangen?

Zoltán Mészáros: Ich kann es so sagen: Von all den Ungarn, die ich kenne, haben es nur die bereut, die nicht weggegangen sind. Die andern nicht!

Sie selbst wuchsen nach ihrer Kindheit in Budapest ab 1967 in Schweden auf und kamen 1990 in die Schweiz. Als was fühlen Sie sich nun: Als Ungar, Schwede oder Schweizer?

Die Schweiz ist mein Zuhause, hier wohne ich. Ungarisch ist meine Seele, weil ich dort geboren bin. In Schweden wäre es für mich am einfachsten zu leben, man spürt dort weniger Wettbewerbsdruck als in der Schweiz.

Sie haben die Staatsbürgerschaft Ungarns und Schwedens und leben seit 26 Jahren in Dulliken. Warum wollten Sie nicht Schweizer werden wie Ihre Familie?

Ich fühle mich hier wohl, und ich respektiere die Schweiz – vielleicht mehr als jedes andere Land. Aber ich fühle mich nicht als Schweizer. Vielleicht hätte ich vom Schweizer Bürgerrecht Vorteile, aber Vorteile zu erlangen soll aus meiner Sicht nicht der Grund sein, um Bürger eines Landes zu werden. Es geht nicht einfach um ein Stück Papier. Manche nehmen die Vorteile des Schweizer Bürgerrechts, passen aber ihr Verhalten nicht an.

Wem drücken Sie die Daumen, wenn die Schweizer Fussballnati gegen Ungarn spielt – so wie letzten Oktober und wieder im Oktober 2017?

Eine heikle Frage, weil ich nicht gross fussballinteressiert bin. Ich würde sagen: Für Ungarn – weil ich meistens den Schwächeren die Daumen drücke. Sie haben die Unterstützung mehr nötig.

Stimmt der Eindruck, dass sich die meisten Ungarn, die 1956 nach Westeuropa geflüchtet sind, erfolgreich integriert haben? Warum ist das so?

Das stimmt absolut. Ein Hauptgrund ist: Die Ungarn verstehen Ungarn bis heute als europäisches Land. Es ist seit 1000 Jahren ein christliches Land. Ungarn hat sich immer Richtung Westeuropa orientiert, nicht Richtung Osten und Balkan. Die Ungarn waren immer die Grenze zum Osten und haben diese Grenzfunktion bewusst wahrgenommen. Sie hatten schon eine westeuropäische Kultur, sie mussten sie nicht erst lernen. Ich denke an Verhaltensweisen wie höflich sein, sich um eine gute Bildung der Kinder bemühen, und so weiter.

Laut den Zeitzeugnissen der 1950er und 1960er Jahre wurden die Ungarn in Westeuropa freundlich aufgenommen. Viele Schweizer nahmen emotional Anteil an ihrem Schicksal. Heute profiliert sich die Regierung Ungarns damit, möglichst keine Flüchtlinge in ihrem Land aufzunehmen. Haben die Ungarn ihre eigene Geschichte vergessen?

Ich verstehe, dass man das als Aussenstehender so interpretieren kann. Aber ich drehe die Frage um: Ist es nicht so, dass Europa seine Geschichte vergessen hat? Was sich heute abspielt, erinnert die Ungarn eher an das, wovor sie Europa damals bewahrt haben – die Ankunft der Tataren und der Türken. Die Antwort auf Ihre Frage hängt also davon ab, wie lange man die geschichtliche Perspektive wählt.

Inwieweit lässt sich die Situation der Menschen, die 1956 aus Ungarn flüchteten, mit derjenigen von Menschen vergleichen, die 2016 aus Syrien, Irak oder Afghanistan nach Europa kommen?

Überhaupt nicht. Ich nenne vier Gründe. Der erste ist ihre unsichere Identität. Ich kenne keinen Ungarn, der sich nicht als Ungar zu erkennen gegeben hätte. Von den heutigen Asylbewerbern sind aber viele nicht bereit, ihre Herkunft und Zugehörigkeit zu belegen, sie weisen sich nicht aus. So besteht Unsicherheit, wer sie sind und woher sie kommen.

Zweitens, ihre Kultur – die Ungarn haben eine europäische und christliche Kultur. Drittens, die Ausbildung, da bestehen riesige Unterschiede. Viertens, ihre Einstellung: Manche kommen mit einer irritierenden Anspruchshaltung («ich habe hier Anspruch auf dies und jenes ...»), die den 1956er Ungarn fremd war. Das sind fundamentale Unterschiede.

Gemeinsamkeiten erkennen Sie keine?

Doch. Auch die heutigen Flüchtlinge waren gezwungen in Ländern zu leben, wo die Lebensverhältnisse – wegen Krieg und Elend – absolut inakzeptabel sind. Ich verstehe alle, die das Leben dort unerträglich finden. Darum finde ich die Haltung «alle sollen zu uns kommen» ebenso falsch wie die Haltung «niemand soll zu uns kommen».

Einfach diejenigen hier zu behalten, die bereits hier sind, ist wohl auch keine Lösung. Die europäischen Länder kommen nicht darum herum, im Einzelfall zu prüfen und zu beurteilen, welche Asylbewerber die richtigen sind, um hier zu bleiben.

Seit 1990 können die Ungarn ihre Regierungen frei wählen. Haben sich Ihre Hoffnungen für das Land erfüllt, oder gab es Enttäuschungen?

Nach den ersten freien Wahlen von 1990 hatten die Ungarn viel zu hohe, total unrealistische Erwartungen. Die unvermeidliche Enttäuschung brachte schon bei den nächsten Wahlen wieder die Sozialisten an die Macht, die mit der Nostalgie für die «guten alten Zeiten» operierten. Ständige Wechsel der Mehrheiten zeigten die Unzufriedenheit der Wähler.

Erst 2010 erzielte die Koalition des heutigen Ministerpräsidenten Viktor Orbán mit 67 Prozent der Stimmen einen überwältigenden Wahlsieg und damit eine stabile Mehrheit, die er 2014 bestätigen konnte. Seit 2010 sind in Ungarn ganz klare Verbesserungen erreicht worden: In der Infrastruktur, in der Schule, in der Kultur. Mit strengeren Gesetzen entstand mehr Klarheit und Ordnung.

Zuvor herrschte Chaos, etwa mit riesigen Mehrwertsteuerhinterziehungen durch die Milchmafia. Die Regierung Orbán hat auch auf den ungesunden Lebensstil der Jugendlichen reagiert: Jetzt gibt es täglich eine Stunde Turnen an den Schulen, und den Grossküchen wurde die Verwendung von weniger Salz, Zucker und Fett vorgeschrieben.

Viele westliche Medien und auch die EU-Kommission haben die Regierung von Viktor Orbán wiederholt scharf kritisiert, etwa betreffend die Pressefreiheit. Verabschiedet sich Ungarn von den europäischen Werten, ist das Land auf dem Weg zu einer Diktatur?

Im Gegenteil. Im Gegensatz etwa zu Marine Le Pen in Frankreich hat sich Orbán immer wieder sehr deutlich für Europa ausgesprochen. Er will, dass Ungarn zum christlichen Europa gehört. Europa hat nur mit einem gesunden Nationalismus überlebt, es muss auch in Zukunft die nationalen Unterschiede anerkennen. Ich habe in Ungarn bis jetzt nicht festgestellt, wo die Pressefreiheit tatsächlich eingeschränkt worden sein soll.

Wie erklären Sie sich die schlechte Presse Orbáns in Westeuropa?

Das frage ich mich auch. Es kann doch nicht sein, dass die ungarischen und die westeuropäischen Medien die gleiche Situation so unterschiedlich darstellen. Ich sehe bei den westlichen Medien geradezu eine Besessenheit, Orbán schlecht zu machen. Liegt es vielleicht daran, dass nur wenige westliche Journalisten Ungarisch verstehen und dass viele sich deshalb gar nicht ein eigenes Bild von den Vorgängen und Personen im Land machen, sondern nur das weiterverbreiten, was sie aus zweiter oder dritter Hand aufnehmen? – Nahezu alle Schweizer, mit denen ich über Ungarn rede, wollen mir erklären, wie schlecht Orbán sei. Wenn ich sie frage, woher sie das alles wissen, verweisen sie auf die Berichte in den westlichen Medien.

Was raten Sie denn den Schweizern, die die Entwicklung in Ungarn verstehen möchten?

Sie sollen als Touristen nach Budapest oder in andere Regionen gehen. Sie werden feststellen: Ungarn ist ein sehr schönes Land, die Leute sind freundlich, es gibt viel Kultur, die Preise sind günstig. Es gibt heute eine gut ausgebildete Polizei mit respektvollen Umgangsformen. Wenn im Westen etwa vom Antisemitismus und Rassismus in Ungarn die Rede ist, dann antworte ich: Man soll selber dorthin gehen und schauen, welche Spuren davon festzustellen sind.

Wie kann man als Schweizer ohne ungarische Sprachkenntnisse mit der Bevölkerung in Kontakt kommen?

Es stimmt schon: Nur die ganz alte Generation, die jetzt ausstirbt, konnte noch Deutsch. Meine eigene Generation musste in der Jugend gezwungenermassen Russisch lernen, nur wenige konnten später noch Englisch dazu lernen. Aber die jetzige Jugend in Ungarn bemüht sich, als erste Fremdsprache Englisch zu lernen. Ich bin überzeugt: Ungarn ist als Touristenland noch unterschätzt, aber es wird kommen. Freunde, die ich aus der Schweiz oder Schweden nach Ungarn mitnehme, sind begeistert.

Zur Person

Zoltán Mészáros wurde 1958 in Budapest geboren und besuchte dort die ersten zwei Schuljahre. Mit 9 Jahren kam er mit seiner Mutter nach Schweden und besuchte die weiteren Schulen in Stockholm, bis zum Abschluss des Chemiestudiums an der Technischen Hochschule. Dort lernte er auch seine Frau Ulrika kennen.

Nach einer ersten Berufstätigkeit für die Papierindustrie in Nordschweden fand Zoltán Mészáros eine Arbeit in Olten, und das Paar übersiedelte 1990 mit dem ältesten Sohn nach Dulliken. Hier kamen zwei weitere Söhne und eine Tochter zur Welt.

Heute ist er selbstständig als Vertreter von technischen Produkten für die Papierindustrie und arbeitet teilzeitlich für das Paketpostzentrum in Härkingen. Mit Ungarn blieb er durch Freunde und Bekannte verbunden und besucht das Land seit der Jugend in Schweden privat und beruflich regelmässig.

Seine Frau und die Kinder wurden 2011 Schweizer Bürger, er selbst besitzt die Staatsbürgerschaft Ungarns und Schwedens.

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