Wöschnau
«Wenn diese Möbel reden könnten ... »: Restauration ist seine Liebhaberei

Antiquitäten-Händler Andreas Seiler restauriert seit 40 Jahren antike Bauernmöbel – und ist auch mit 70 nicht müde. Zu Besuch in seiner Werkstatt in Wöschnau.

Isabel Hempen
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Möbel-Restaurator Andreas Seiler aus Wöschnau
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Ausstellung antiker Bauernmöbel
Antiquitäten-Händler und Möbel-Restaurator Andreas Seiler bei der Arbeit
Andreas Seiler hat im Wöschnauer Industriequartier neben seinem Arbeitsplatz auch eine Verkaufsausstellung

Möbel-Restaurator Andreas Seiler aus Wöschnau

Bruno Kissling

Es ist kühl heute Morgen. Herbstbeginn. Andreas Seiler steht im Arbeitskittel vor seiner Holzbaracke, wie immer. «Ich spüre die Kälte gar nicht mehr», sagt er lachend. Er arbeite auch im Winter draussen, das Wetter könne ihm nichts anhaben.

«Aber zwischendurch gehe ich rein und wärme mich bei einem Kaffee.» Das Gebäude ist nicht geheizt, hat auch kein fliessend Wasser. Aber das sei Gewohnheitssache, sagt Seiler. Die Miete sei dafür sehr günstig.

Wer in Wöschnau der Schachenstrasse entlangfährt, kann Andreas Seiler nicht verfehlen. Er restauriert antike Bauernmöbel. Ein grosses Schild macht auf seinen Betrieb aufmerksam, der eine Werkstatt und einen Ausstellungsraum beherbergt. Seit 40 Jahren schon ist der gebürtige Aarauer, der in Niedergösgen wohnt, als Restaurator tätig. 30 Jahre in Wöschnau, zuvor 10 Jahre in Rohr bei Aarau.

Er könnte nicht mehr davon leben

«Schauen Sie diese Bodensee-Barockschränke an, das ist alles Handarbeit.» Seiler deutet auf mehrer dunkle, sehr alt wirkende Schränke. Sie stehen draussen bei der Treppe, die zum Ausstellungsraum führt. Dort oben stehen edle Schränke, Sekretäre, Kommoden, Tische und Gänterli in Reih und Glied. Die Schränke verkauften sich am besten, sagt Seiler.

Am Fuss der Treppe zeigt er auf die Holznägel in den ein- und zweitürigen Barockschränken, auf die Kränze, auf die Sockelleisten. «Wenn diese Möbel reden könnten ... Die haben eine Geschichte hinter sich.» Etwa 300 Jahre alt seien sie. Bei ihm koste so einer um die 2500 Franken.

Alle Möbel, die Seiler ankauft und restauriert, sind zwischen 100- und 300-jährig. Ein Drittel des Originalmaterials dürfe er ersetzen, damit das Möbel noch als antik gilt. Das Fachwissen habe er sich aus Büchern selbst angeeignet. «Ich habe ja früher schon privat antike Möbel restauriert», erzählt er.

Bis im Alter von 30 Jahren übte er nämlich einen ganz anderen Beruf aus: Er war Fotograf. Während er seine fotografischen Aufträge langsam abbaute, baute er das Restaurationsgeschäft auf. «Anfangs restaurierte ich vor allem Kleinantiquitäten: Petrollampen, Bilder, Bügeleisen. Solche Sachen.» Heute allerdings sei das nicht mehr gefragt.

Als Seiler sein Unternehmen vor 30 Jahren von Rohr nach Wöschnau verlegte, hielt er das für eine provisorische Lösung. «Aber ich fand nie etwas Besseres – die Lage an der Strasse und der Mietzins für das Gebäude sind super», sagt er. Und fügt an: «Aber heute könnte ich vom Geschäft nicht mehr leben.»

Die Preise für antike Möbel seien verglichen mit vor 20 Jahren auf ein Drittel zusammengefallen. In den 1970ern und 1980ern sei das Geschäft gut gelaufen. Dann sei irgendwann Shabby Chic aufgekommen. «Das gefällt mir gar nicht», meint er, und rümpft ein wenig die Nase.

Seine Möbel erwirbt er von Obst-, Wein- und Gemüsehändlern, die diese in der ganzen Deutschschweiz zusammenkaufen. Über die Jahre habe er ein grosses Beziehungsnetz aufgebaut. Und ein grosses Glück sei neben der Lage an der Strasse die gute Homepage, die er hat. «Die Leute kommen auch von weiter her zu mir.»

Mit seinen 70 Jahren ist Seiler seit fünf Jahren pensioniert. Früher ging er in der Freizeit gern fischen oder betätigte sich als Hobbyfunker. Heute, sagt er, sei er die meiste Zeit hier. «Meine Arbeit ist mein grosses Hobby.»

So komme er, der alleine lebt, mit Leuten in Kontakt. «Was würde ich sonst machen den ganzen Tag? Ich bin noch überhaupt nicht müde.» Abends sei er jeweils weiss von der «Schleiferei». Ab und zu kämen Bekannte vorbei. Auf einen Kaffee, draussen vor dem Haus. Obschon er offiziell nur samstags und auf Voranmeldung geöffnet hat.