Dulliken
Wenn Asylsuchende mit ihrem Farsi am Ende sind

Ladan Keivan Shokouh aus Dulliken leistet als Dolmetscherin Volontärarbeit für Asylsuchende.

Kelly Spielmann
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Ladan Keivan Shokouh und Pilippe Meier setzen sich für Asylsuchende ein.

Ladan Keivan Shokouh und Pilippe Meier setzen sich für Asylsuchende ein.

Kelly Spielmann

Arztbesuche, Einkäufe, Telefongespräche: Dinge des Alltags, die wir innert kurzer Zeit und meist ohne grössere Probleme erledigen können. Doch müssten wir diese Aufgaben des Lebens in einem fremden Land ausführen, in dem niemand unsere Sprache spricht, sähe die Situation wohl anders aus.

Bereits das Abmachen eines Termins würde zu Schwierigkeiten führen, und erklären, was wehtut, wäre ohne eine gemeinsame Sprache ein Ding der Unmöglichkeit. Dieser Problematik widmet sich die 25-jährige Ladan Keivan Shokouh aus Dulliken.

Es ist zwei Jahre her, seit Wirtschaftsstudent Philippe Meier sich in seinem Zivildienst um die Betreuung von Flüchtlingsfamilien kümmerte. Dabei baute der 25-Jährige eine besondere Beziehung zu einer Familie, welche aus dem Iran fliehen musste, auf.

Die Mutter ist Iranerin, der Vater Afghane. Da ihre Ehe nicht anerkannt wird, weil sie aus verschiedenen Ländern stammen, gilt ihre zehn Jahre alte Tochter als uneheliches Kind. Die Strafe für uneheliche Kinder im Iran? «Steinigung», antwortet Philippe Meier.

Dolmetscherin der Emotionen

Ladan Keivan Shokouh kam ins Spiel, als die Mutter einen Arzt besuchen musste. Da niemand die Iranerin verstand und Meier kein Farsi spricht, musste er sich auf eine andere Art zu Helfen wissen. Über eine Bekannte gelangte er an die Dullikerin Keivan Shokouh, welche sich sofort bereit erklärte, die Asylsuchende zu ihrem Arzttermin zu begleiten und dort als Dolmetscherin zu fungieren. «Die persische Sprache wurde mir gegeben, ohne dass ich dafür arbeiten musste. Doch ich kann die Sprache fast nie anwenden», so die Dullikerin. «Endlich konnte ich diese Gabe einsetzen, um etwas zu bewirken», fügt sie lächelnd an. Doch die Arbeit, welche die junge Frau leistet, geht weit über das Übersetzen von sprachlichen Elementen hinaus. Schnell hat sie festgestellt, dass sie nicht nur als linguistische Dolmetscherin mitwirkte – sondern auch als kulturelle und emotionale.

«Es ist schwierig, einer muslimischen Frau zu erklären, dass es in Ordnung ist, ihre Hose vor einem fremden Mann auszuziehen», erklärt die Dullikerin eine der Schwierigkeiten, welche ihr begegneten. Beim Erzählen der Geschichte sei es auch wichtig, die Emotionen der Familie miteinzubeziehen, ohne sich davon zu stark beeinflussen zu lassen. «Dass die meisten Leute hier Flüchtlingen mit wenig Geduld entgegentreten, macht es nicht einfacher», fügt sie an.

Helfen als Selbstverständlichkeit

Bei einem Arztbesuch blieb es danach nicht. Philippe Meier hat die Familie durch das gesamte Prozedere der Asylbeantragung begleitet. Stets mit dabei: Ladan Keivan Shokouh als Übersetzerin. Ob Interviews beim Migrationsamt, Termine oder Briefe, die beiden unterstützen die Familie auf jedem Schritt. «Und nun wird ihr Antrag endlich geprüft. In einigen Wochen werden sie Bescheid erhalten», berichtet Meier mit viel Hoffnung und einem kleinen Schimmer Stolz in seinen Augen.

Meier absolviert zurzeit ein Vollzeitstudium der Wirtschaft in Zürich und arbeitet nebenbei 60 Prozent. Keivan Shokouh ist im kaufmännischen Bereich tätig und studiert daneben Betriebsökonomie. Woher nehmen die 25-Jährigen den Ansporn, in ihrer dünn gesäten Freizeit so viel Zeit in die wohltätige Arbeit zu investieren? Die beiden blicken sich einen kurzen Moment an, bevor sie praktisch im Chor antworten: «Das ist selbstverständlich.»

Dass sie über eine stark soziale Ader verfügen, ist spürbar. «Ich würde es auch sofort wieder tun, wenn jemand meine Hilfe braucht», erklärt Ladan Keivan Shokouh. Während es für beide natürlich ist, ihr Können und ihre Zeit einzusetzen, um anderen zu helfen, spielen bei Meier noch zwei weitere Aspekte mit: Er helfe Asylsuchenden auch aus wirtschaftlichen Gründen, besonders bei der Arbeitssuche.

Für ihn sei es unverständlich, dass Asylsuchenden mit Status «vorläufig aufgenommen» Steine in den Weg gelegt werden. Die Rede ist von der Sonderabgabepflicht von asylsuchenden, vorläufig aufgenommenen sowie schutzbedürftigen Personen, welche besagt, dass diese Menschen zehn Prozent ihres Lohns an das Migrationsamt abgeben müssen.

«Viele hatten in ihrer Heimat eine gute Arbeit, hatten studiert und haben ein unglaubliches Know-how, das wir hier einsetzen und fördern könnten. Stattdessen erstellen wir zusätzliche Hürden», so Meier. «Das ist ja das, was wir wollen. Dass sie arbeiten, sich integrieren», fügt er an.

Ein weiterer Grund für seine Mithilfe: Die Beziehungen, die er zu den Familien aufgebaut hat, welche er im Zivildienst betreute. Auch heute besucht er diese noch oft in seiner Freizeit und leitet ein Fussballtraining für Flüchtlingskinder. Er greift in die Hosentasche nach seinem Handy. «Letzte Woche wurde sie zehn. Wir gingen gemeinsam in die Stadt und sie durfte sich etwas aussuchen», sagt Meier.

Auf dem Bild, welches er zeigt, ist das iranisch-afghanische Mädchen auf einem neuen Kickboard zu sehen, ein grosses Strahlen in ihrem Gesicht. Fast so gross wie dasjenige, welches sich auf Meiers Gesicht zeigt, als er weitere Anekdoten der Familie erzählt, deren Zukunft noch in den Händen des Migrationsamts liegt.

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