Niederamt

Weiterkämpfen statt Pensionierung: Endlager-Gegner wehren sich

Die neuen Pläne für die Verpackungsanlage beim Kernkraftwerk Gösgen rütteln den Verein «Niederamt ohne Endlager» auf. Der Vereinspräsident kritisiert das Vorhaben.

«Wir dachten, uns braucht es nicht mehr», sagt Urs Huber zur Begrüssung. «Falsch gedacht», ergänzt er im selben Atemzug. Seit über zehn Jahren präsidiert er den Verein «Niederamt ohne Endlager». Seit über zehn Jahren kämpft er «für seine Heimat». Seit über zehn Jahren beschäftigt er sich mit den komplexen Papieren und Entschlüssen von Kanton, Bund und Nagra (Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle).

Im Dezember 2018 plante der Vereinsvorstand die Auflösung der Gruppierung. «Wir wollten im Juni eigentlich ein Abschlussfest machen, ein sogenanntes Endfest», so Huber. Alle, die sich in den vergangenen Jahren an Protestveranstaltungen oder im Verein engagiert hatten, wären eingeladen gewesen. Aber: «Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt», sagt der SP-Kantonsrat.

«Ich dachte: ‹Das darf nicht wahr sein›»

Denn: Im Mai 2019 wurde mitgeteilt, dass das Areal des Kernkraftwerks Gösgen als Standort für eine Brennelementverpackungsanlage infrage kommt. Der Solothurner Regierungrat reagierte aufgebracht: Baudirektor Roland Fürst warf der Nagra und dem Bundesamt für Energie unprofessionelles Vorgehen vor. Dennoch: Fürst musste die Pläne zur Kenntnis nehmen.

Für Huber war die Mitteilung ein Schock: «Ich dachte: ‹Das darf nicht wahr sein.›» Sofort wendete er sich mit einer Medienmitteilung an die Öffentlichkeit. Das sei ein «hinterhältiger Versuch, die Region und den Kanton Solothurn zu überrumpeln». Der Vereinspräsident stellte sich die Frage: «Wie toppe ich die Empörung des Regierungsrats?» Darum habe er klarstellen wollen: Der Verein werde sich mit aller Kraft dagegen wehren. So wurde aus dem geplanten Abschlussfest eine Generalversammlung des Vereins – die erste nach drei Jahren Funkstille.

Kanton muss mit Bund zusammenarbeiten

13 Vereinsmitglieder – darunter auch die Oltner Stadträtin Iris Schelbert-Widmer (Grüne) – fanden sich am Dienstagabend im ersten Stock des Restaurants Gleis 13 in Olten ein. Vereinspräsident Huber versuchte trotz der stickigen Luft und der Hitze einen kühlen Kopf zu bewahren. Seiner Enttäuschung darüber, welche Wende die Geschichte rund um den Standort Niederamt nun genommen hat, konnte er aber kaum verbergen.

Rolf Glünkin vom kantonalen Amt für Raumplanung versuchte in seinem Referat, den Anwesenden die grösseren Zusammenhänge zu erklären. Er beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit der Thematik – und obwohl er im Herbst 2018 eigentlich in Pension gegangen ist, betreut er das Dossier noch bis Ende Juli weiter. «Zuerst müsst ihr wissen: Der Kanton ist zur Zusammenarbeit mit dem Bund verpflichtet.» Und: Die radioaktiven Abfälle müssen laut Kernenergiegesetz in der Schweiz entsorgt werden.

«Es ist wahnsinnig viel unklar»

Für die Unterbringung im Tiefenlager sei nötig, die Brennelemente neu zu verpacken. Um einen Standort einer solchen Verpackungsanlage auszuwählen, werde nun eben eine Machbarkeitsstudie durchgeführt. Glünkin stellt klar: «Es ist noch wahnsinnig viel unklar.» Ausserdem vermutet er, dass die Idee der Platzierung beim Kernkraftwerk Gösgen von den Kernkraftwerk-Betreibern selbst komme.

Glünkin sieht zwei Optionen: «Entweder muss man eine solche Verpackungsanlage beim Zwischenlager bauen, oder dann bei einem Kernkraftwerk.» Urs Huber widerspricht: «In allen Plänen, die ich bis jetzt gesehen habe, ging man davon aus, dass die Anlage beim Tiefenlager gebaut wird.»

Tatsächlich: Auch auf den Visualisierungen, die Glünkin in seiner Präsentation zeigt, sind Tiefenlager und Verpackungsanlage kombiniert. Glünkin erklärt: «In einem technischen Bericht der Nagra aus dem Jahr 2012 wurde bereits die Frage aufgeworfen, ob die Platzierung bei einem Kernkraftwerk nicht sinnvoller wäre.» Er glaube persönlich jedoch nicht, dass aus der Kombination von Oberflächen- und Verpackungsanlage positive Synergien entstehen. Die Machbarkeitsstudie soll nun aber genau dies aufzeigen. Bis 2020 sollen die Erkenntnisse vorliegen.

Auflösung wäre «falsches Zeichen»

Huber investierte Hunderte Stunden in das komplexe Thema rund um die Entsorgung des atomaren Abfalls. «Manchmal erdrückt mich die ganze Verfahrensgeschichte fast», sagt der Obergösger. Nur zu gerne hätte er den Verein «in die Pension geschickt», wie er sagt. «Es befriedigt mich überhaupt nicht, dass ich weiss, dass ich sterbe, bevor irgendetwas umgesetzt wird», sagt Huber nach der Versammlung.

Dennoch wäre die Auflösung des Vereins laut dem Präsidenten nun aber «ein total falsches Zeichen gewesen». Darum würden sie nun weiter kämpfen. «Mindestens bis die Studie gemacht ist», so Huber. Damit das Niederamt nicht noch mehr zum «Atom-Standort» werde.

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