Niederamt

Wegen Corona ohne Prüfungsstress: So erlebten drei Lernende den Lehrabschluss

Naya Kunz, Kauffrau EFZ.

Naya Kunz, Kauffrau EFZ.

Das Coronavirus machte Lernenden aus dem Niederamt keinen Strich durch die Rechnung. Den Abschluss haben sie im Sack.

«Um die Aufgaben der Berufsschule während der Corona-Zeit zu erledigen, brauchte es ziemlich viel Fleiss und Eigeninitiative.» Andreas Nick ist 20-jährig, lebt in Kappel und machte in Schönenwerd seine Lehre. Bei der Firma Zaugg Maschinenbau AG wurde er während vier Jahren zum Automatiker EFZ ausgebildet. Jetzt ist er fertig und hat schon Pläne für die nächsten vier Jahre. Mit seinen Klassenkameraden blieb er während der letzten Monate über Social-Media in Kontakt.

Für Nick hatten die Corona-Massnahmen im Lehrbetrieb wenig spürbare Auswirkungen. Die Schule fand zu Beginn der Krise per Mailaufträge statt, später dann als Videochat. Die Lehrabschlussprüfung verlief ganz anders als Nick erwartete. Bis einen Monat vor der theoretischen Prüfung war unklar, ob diese überhaupt stattfinde. Dann wurde sie abgesagt.

Für die Schlussnote zählten die Prüfungen aus allen vorhergehenden Semestern. In der Firma bewies Nick an der praktischen Prüfung sein Können: «Ich durfte an einem Projekt für die Firma arbeiten. Es ging darum, eine alte Maschinensteuerung zu modernisieren.»

Nick zeichnete für die Prüfung ein Schema. Anschliessend verkabelte er unter Berücksichtigung aller Sicherheitsnormen die umgebaute Anlage. Einem Experten präsentierte er seine Arbeit. Diesem beantwortete er auch fachspezifische Fragen. Seine praktische Prüfung schloss Nick mit der Note 5,3 ab.

Damit sich seine Klasse nach den Wochen im «Home-Learning» voneinander verabschieden konnte, habe die Schule noch ein kleines Treffen organisiert. «So sahen wir uns wenigstens noch einmal.» Bis Ende Jahr bleibt Nick im Lehrbetrieb. «Dann werde ich meinen Militärdienst leisten.» Nach der Armee will er an die Fachhochschule: «Mein Ziel ist es, Systemtechnik-Ingenieur zu werden.»

«Es war lange unklar, ob die Prüfung stattfindet»

Naya Kunz hat Jahrgang 2001. Eben hat sie die Ausbildung zur Kauffrau EFZ im B-Profil abgeschlossen. Drei Jahre dauerte die Lehre. Bei der Gemeindeverwaltung von Niedergösgen erwarb sie sich in den Ressorts Einwohnerkontrolle und Finanzen die Kompetenzen für ihr zukünftiges Berufsleben. Das Ende ihrer Ausbildung hat sich Kunz anders vorgestellt: «Wegen der Corona-Krise musste ich für meinen Abschluss keine schulische und auch keine betriebliche Prüfung absolvieren.»

Naya Kunz

Naya Kunz

Wenn sie daran denke habe sie gemischte Gefühle. Die 19-Jährige aus dem Niederamt wusste im Frühling nicht, wie es mit der Lehre weitergeht. Sie sagt: «Anfang Mai erfuhren wir, dass die schulische Prüfung nicht stattfinden wird.» Die Abschlussnote fürs Zeugnis wurde aus dem Durchschnitt der fünf ersten Semester berechnet. Kunz musste sich keine Sorgen machen: Ihre Noten aus den ersten zweieinhalb Jahren ergaben im Schnitt eine Fünf.

Ende April erfuhr Kunz, dass sie auch im Betrieb keine praktische Prüfung ablegen muss. Eine betriebliche Note wurde aus verschiedenen Arbeits- und Lernsituationen und Prozesseinheiten ermittelt. Dieser Entscheid wurde vom kantonalen Berufsverband kommuniziert. «Es fühlt sich irgendwie merkwürdig an. Einerseits fiel sicher der Druck, welcher eine solche Prüfung auslösen kann, weg.» Doch kenne sie nun die Situation einer ernsten Prüfungssituation nicht. Kunz hält sogar Nachteile für möglich: «Einer späteren Arbeitgeberin fehlt einst vielleicht die verpasste Prüfung.» Kunz hat aber bereits eine neue Stelle. «Als sich das Corona-Virus verbreitete, begann ich sofort mit bewerben.»

Nach einer Absage der Verwaltung in Solothurn, klappte es bei der Arbeitslosenkasse des Kantons Aargau. Schon am 1. August tritt Kunz ihre neue Stelle an Eine Diplomfeier für die Klasse von Kunz hat nicht stattgefunden. Das Abschlusszeugnis wurde auf dem Postweg in den Lehr­betrieb gesendet. Die Lernenden wurden am letzten Schultag von Schulleitung und Lehrpersonen verabschiedet. Doch die Klasse will selbst ein Abschiedsessen organisieren. Am 17. Juli hat Kunz in ihrem Lehrbetrieb den letzten Arbeitstag. «Ich freue mich auf die neue Stelle», sagt sie. Zuerst hat sie noch zwei Wochen Ferien: «Die verbringe ich dieses Jahr in der Schweiz.»

«Bei Kunden tragen wir manchmal eine Maske»

«In meinem Handwerk sehe ich immer wieder Neues. Und beim Resultat weiss ich; das habe ich mit meinen Händen geschaffen.» Das sagt Claudio Renggli aus Lostof. Bei der Schreinerei Coray in Däniken schliesst er gerade seine zweijährige Lehre als Schreiner EBA ab. Der 19-Jährige musste wegen des Lockdowns keine schulische Prüfung ablegen. Sein Können stellte er im Lehrbetrieb unter Beweis.

Claudio Renggli aus Lostorf schliesst seine Lehre als Schreiner EBA trotz Corona ab.

Claudio Renggli aus Lostorf schliesst seine Lehre als Schreiner EBA trotz Corona ab.

Als Abschlussarbeit schuf er ein Regal. «Anlässlich der Prüfung durfte ich etwas für mich machen. Das fertige Regal schenke ich meiner Mutter.» Während des Arbeitens an seinem Abschlussprojekt, schaute ihm ein Experte zu. Anschliessend musste Renggli mit ihm ein Gespräch führen: «Wir sprachen etwa 40 Minuten. Ich erklärte meine Vorgehensweise und beantwortete allgemeine Fragen zum Schreinerberuf.»

Renggli war sich ziemlich sicher, dass er die Prüfung bestehen würde. Fünf Wochen später hielt er den Beleg in den Händen: Das Zeugnis. Eigentlich hätte Rengglis Abschluss in einer grossen Halle in Lenzburg stattfinden sollen. Dort besuchte er während der letzten zwei Jahre die Berufsschule. Auch in seinem Arbeitsalltag spürte Renggli die Auswirkungen der Massnahmen gegen Corona: «Zum einen verbrachte das Team Pausen weiter voneinander entfernt. Zudem mussten wir bei Montage-Einsätzen vorgängig abklären, zu wem wir fahren.

Bei Kunden tragen wir manchmal eine Maske. Seine Klasse bestand aus 11 Schreinern, alle bestanden ihre Prüfung. Gemeinsam mit zwei Lehrern feierten sie in einer kleinen Runde ihren Abschluss. Zu den Mitschülern will Renggli weiterhin Kontakt halten. Nun macht er sich Gedanken über seine Zukunft. Gefragt, wo er am liebsten arbeiten würde, sagt er: «Ich nehme es, wie es kommt.» Bis Ende Jahr bleibt er noch in seinem Lehrbetrieb. Zusammen mit seinem Chef will er ein Portfolio gestalten, um sich damit für eine Stelle ab 2021 zu bewerben. «Ich will auf jeden Fall weiterhin in diesem Beruf arbeiten.»

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