Wir alle haben sie zu Hause: Das eine so hübsch gepunktete Hemd, für das wir bestimmt einen Anlass finden, um es anzuziehen. Oder die zu enge Hose, bei der wir noch immer darauf hoffen, dass sie uns irgendwann wieder passt. Und dann ist da noch das luftige Kleid aus Chiffon in der hintersten Ecke des Schranks, das wir uns für einen sommerlichen Tag aufsparen.

Da kommt uns der weisse Plastiksack mit grüner Aufschrift gelegen: Noch während wir ihn aus dem Briefkasten ziehen, nehmen wir uns vor, unseren Kleiderschrank gründlich auszumisten. Der Sack verspricht uns nicht nur Ordnung im Kleiderwirrwarr, sondern ein gutes Gewissen: Schliesslich könnte das Pünktchen-Hemd, die ehemalige Lieblingshose oder das Sommerkleid von jemand anderem getragen werden. Von jemandem, der sich keine neuen Kleidungsstücke leisten kann und sich unheimlich über unsere ungetragenen Stücke freut.

20'368 Haushalte werden bedient

Die Firma Tell-Tex aus Safenwil AG organisiert ein Mal pro Jahr die Kleider- und Schuhsammlung in der Region Olten. In diesem Jahr wird das Unternehmen bei 20'368 Haushalten im Niederamt vorbeifahren und prall gefüllte Säcke einsammeln. Von Trimbach über den Hauenstein nach Wisen, Obergösgen, Stüsslingen und Rohr bis nach Erlinsbach, Schönenwerd und Gretzenbach. Einzig in den Gemeinden Lostorf, Winznau, Kienberg und Niedergösgen findet laut der Liste von Tell-Tex keine Sammlung statt.

Roland Tegtmeyer, Sprecher von Tell-Tex, erklärt: «Die Gemeinden werden von unserer Koordinationsstelle für Kleidersammlungen kontaktiert, die dann eine Gemeinde-Bewilligung einholt.» Gut erhaltene, saubere und tragbare Kleider und Schuhe können so abgegeben werden. «Nicht gesammelt werden Skistiefel, Schlittschuhe und textilfremde Gegenstände», so Tegtmeyer.

Fünf Prozent bleiben in der Schweiz

Doch was passiert mit den Kleidungsstücken und Schuhen, sobald sie in den Händen der Firma Tell-Tex sind? Laut Tegtmeyer wird ein Teil der gesammelten Ware im firmeneigenen Sortierlager in Safenwil sortiert. Dort arbeiten vorrangig Menschen mit Behinderungen und Personen, die wieder eingegliedert werden in den Arbeitsmarkt.

«Die sortierten Stücke gehen in das Kleiderlager der Schweizerischen Berghilfe, wo sie gratis an Bedürftige in Schweizer Bergregionen abgegeben werden», erklärt Tegtmeyer den Kreislauf. Dieser Teil umfasst laut früherer Medienberichte allerdings lediglich fünf Prozent.

Ein lukratives Geschäft für Tell-Tex und Texaid

Der grosse Rest der gesammelten Kleidungsstücke und Schuhe wird ins Ausland transportiert. «Der grösste Teil wird ins osteuropäische Ausland verkauft. Die Kleiderhändler dort verkaufen die Ware wiederum zu günstigen Preisen der Bevölkerung», sagt Tegtmeyer. Das bedeutet: Mit den Kleiderspenden wird ein lukratives Geschäft angekurbelt.

Die Firma Tell-Tex teilt sich den Altkleidermarkt in der Schweiz mit Texaid. Das Unternehmen kontrolliert rund 70 Prozent des Schweizer Markts. Tell-Tex überweist 20 Rappen pro Kilogramm Altkleider an gemeinnützige Organisationen. Darunter sind die Schweizer Berghilfe, die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi, der Schweizerische Blindenbund sowie diverse Spitex- und Samaritervereine.

Auf dem internationalen Markt kann das Unternehmen derzeit zwischen 90 und 100 Rappen pro Kilogramm einnehmen. Laut einem Tagesanzeiger-Artikel ist besonders Schweizer Ware sehr begehrt, da die Qualität hochstehend ist.

3,7 Millionen Franken gehen an Schweizer Hilfswerke

Der Umsatz von Tell-Tex bewegt sich in den vergangenen Jahren bei rund 14 Millionen Franken. «Die Kosten der Kleider- und Schuhsammlungen müssen ebenfalls von den Erlösen finanziert werden», erklärt Tegtmeyer. Dazu gehörten die Löhne der Mitarbeitenden, der Fahrzeugaufwand, die Bewilligungen für die Sammlungen sowie der Betrieb der Kleidercontainer — 59 solche Altkleidersammelstellen gibt es in der Region Olten. 2018 spendete das Unternehmen 3,7 Millionen Franken an Schweizer Hilfswerke.

Das gepunktete Hemd, die zu enge Hose und das Chiffon-Kleid haben also einen weiten Weg vor sich: Vermutlich werden sie für den Auslandverkauf aussortiert, wie 95 Prozent der gesammelten Kleidungsstücke. Vermutlich verkauft ein Händler die Teile zu günstigen Preisen in Osteuropa oder Nordafrika. Oder aber die Stücke werden zu Putzlappen weiterverarbeitet.