Sollen Klassenfotos im Internet publiziert werden? Diese Frage beschäftigt gegenwärtig Schulleiter, Eltern und Politiker. Auslöser der Diskussion war der Prozess zum Vierfachmord in Rupperswil AG. Im Zuge des Prozesses wurde nämlich bekannt, dass Thomas N. weitere, ähnlich gelagerte Taten geplant hatte, auch im Kanton Solothurn. Zu diesem Zweck hatte er bereits Informationen zu elf Knaben zusammengetragen. Darunter befanden sich Angaben zu Alter, Schule und Wohnort. Als Informationsquelle diente ihm das Internet. In Medienberichten wurde daraufhin der sorglose Umgang mit Fotos und Daten von Schülern im Internet angeprangert. Vor allem von Schulen im Kanton Aargau wo diesbezüglich noch keine kantonalen Datenschutzrichtlinien vorliegen.

Die Berichterstattung zum Rupperswil-Prozess ist an den Schulen in der Region nicht spurlos vorbeigegangen. Auf Anfrage erklärten die vier Niederämter Sekundarschulen, der Fall Rupperswil habe zu internen Diskussionen über die Veröffentlichung von Fotos und Schulinformationen geführt.

Anders als im Aargau existiert im Kanton Solothurn ein Merkblatt, in dem festgehalten ist, wie Schulen auf ihren Websites mit Fotos umgehen sollten. Zusammengestellt wurde es von Judith Petermann Büttler, der kantonalen Datenschutzbeauftragten. Allen angefragten Schulleitern ist dieses Merkblatt bekannt. Allerdings werden die Empfehlungen der Datenschutzbeauftragten unterschiedlich streng umgesetzt, wie die Nachfrage bei den betreffenden Schulleitern und eine Sichtung der Schulwebsites ergaben.

So hält das Merkblatt als wichtigsten Grundsatz fest, dass Fotos nur mit der Einwilligung der Betroffenen publiziert werden dürfen. Im Fall von Minderjährigen muss diese Einwilligung durch den gesetzlichen Vertreter – in der Regel also durch einen sorgeberechtigten Elternteil – erfolgen. Wie diese Einwilligung eingeholt wird, wird von den Schulen verschieden gehandhabt. Im Fall der Kreisschule Mittelgösgen (KSMG) werden die Schüler und Schülerinnen selbst angefragt, ob sie mit der Publikation einverstanden sind. Die Schulen Dulliken und Trimbach dagegen lassen die Eltern beim erstmaligen Schuleintritt ihrer Kinder eine Einverständniserklärung unterschreiben, die pauschal für die gesamte Schulzeit gilt. An der Sekundarschule Unteres Niederamt (SUN) wiederum müssen sich die Eltern von sich aus bei der Schule melden, wenn sie nicht möchten, dass Bilder ihrer Kinder publiziert werden. Alle Schulleiter betonten, dass Fotos unverzüglich von der Website entfernt würden, sollten die abgebildeten Schüler oder deren Eltern dies wünschen – unabhängig davon, ob ursprünglich eine Einwilligung vorgelegen hat.

Fotos vorsorglich entfernt

Während alle vier Sekundarschulen Fotos von Abschlussfeiern, Schullagern und Projektwochen auf ihrer Website zeigen, finden sich die klassischen Klassenfotos nur noch auf der Website von Dulliken. Die Kreisschule Mittelgösgen und die Sekundarschule Unteres Niederamt haben die Klassenfotos im Anschluss an die Berichterstattung zum Fall Rupperswil vorsorglich entfernt, wie die Schulleiter auf Anfrage erklären. Und die Trimbacher Schulen würden generell keine Klassenfotos publizieren, so Schulleiter Philippe Fehr.

Egal ob mit oder ohne Klassenfoto: Auf keiner Schulwebsite werden die Namen der Schülerinnen und Schüler bekannt gegeben. Es gibt auch keine Telefon- oder Adresslisten. Einzig die Stundenpläne finden sich online, und dies auch nur im Fall der beiden Sekundarschulen Trimbach und Dulliken.

Galerie mit 35 000 Fotos

Im kantonalen Merkblatt der Datenschutzbeauftragten werden die Schulen dazu aufgefordert, die regelmässige Löschung der publizierten Fotos einzuplanen. Denn schliesslich solle nicht «der falsche Eindruck entstehen, die Schule führe für die Schülerinnen und Schüler ein Fotoalbum oder sogar ein Fotoarchiv», wie es im Merkblatt heisst. Besonders vorbildlich verhält sich diesbezüglich die Sekundarschule Unteres Niederamt. Sie zeigt auf ihrer Website nur Bilder aus dem aktuellen und dem letzten Schuljahr. Schulleiter Hans Ulrich Tanner bestätigt, dass ältere Beiträge laufend gelöscht würden. Die Sekundarschule Trimbach und die Kreisschule Mittelgösgen hingegen kennen keine internen Richtlinien, die die Löschung der Bilder regelten. Bei beiden Schulen finden sich Beiträge, die bis ins Jahr 2013 zurückreichen. Die Anzahl der veröffentlichten Fotos ist aber bei diesen Schulen eher gering.

Ganz anders die Situation in Dulliken: Hier sind zwar nur wenige Bilder direkt in die Website eingebettet. Klickt man aber auf den Menüpunkt «Fotos», so wird man auf das Online-Fotoportal Flickr weitergeleitet. Hier befindet sich eine riesige Fotogalerie mit über 35 000 Bildern der Schulen Dulliken. Die ältesten Beiträge stammen aus dem Jahr 2001. Dokumentiert sind hier Veranstaltungen wie Sporttage, Schulschlussfeier, Klassenlager, Projektwoche, Klassenausflüge und vieles mehr. Eine Löschung sei nicht vorgesehen, wie Gesamtschulleiter Frank Müller auf Anfrage erklärt. Dies werde den Eltern im Rahmen der Einverständniserklärung auch so mitgeteilt.

Vorerst kein Handlungsbedarf

Der Fall Rupperswil hat dazu geführt, dass die Schulen ihren Umgang mit Fotos und Daten überdenken. Wie Andreas Basler, Schulleiter der Kreisschule Mittelgösgen, festhält, werde nun eine Überprüfung «in aller Ruhe und Sachlichkeit» durchgeführt. Erst nach Abschluss dieser Überprüfung werde man gegebenenfalls die bisherige Praxis anpassen. Auch der Trimbacher Schulleiter Fehr kann einer überhasteten Reaktion nichts abgewinnen: Die Schule Trimbach sei ohnehin gerade damit beschäftigt, ein Konzept zum Umgang mit den modernen Informations- und Kommunikationstechnologien zu erarbeiten. In diesem Konzept werde auch die Verwendung von Bildern und anderen Daten detailliert geregelt. Und Schulleiter Müller aus Dulliken meint, man wolle erst abwarten, ob der Kanton verbindliche Richtlinien erlasse, bevor grundlegende Änderungen an der Website vorgenommen würden.

Anlässlich des Falls Rupperswil beabsichtigt nämlich das Bildungsdepartement die Einsetzung einer interdisziplinären Arbeitsgruppe, wie Andreas Walter, Vorsteher des zuständigen Amtes für Volksschule und Kindergarten, auf Anfrage erklärt. Die Arbeitsgruppe werde den Fall aufarbeiten und die Problematik analysieren, sodass die Beratung der Schulen optimiert werden könne. In die Gruppe sollen sowohl Datenschutzbeauftragte als auch die Strafverfolgungsbehörde Einsitz nehmen. Allfällige Ergebnisse würden den Schulen auf Beginn des neuen Schuljahres hin kommuniziert werden.

Attraktive Homepage

Gänzlich auf die Publikation von Fotos möchte keine der Schulen verzichten. In der heutigen Zeit erwarte man einfach, dass Berichte über Schulaktivitäten mit Bildern angereichert würden, so der Trimbacher Schulleiter Fehr. Eine «lebendige» Website sei auf Fotos angewiesen, meint auch SUN-Schulleiter Tanner. Für den Dulliker Schulleiter Frank Müller handelt es sich bei der Schulwebsite ganz klar um ein PR-Instrument, das man entsprechend nutzen müsse: Für die Rekrutierung von Lehrpersonen sei es wichtig, die Schulaktivitäten attraktiv zu präsentieren, und hierzu sei gutes Bildmaterial nun mal unerlässlich. Der Schulleiter der KSMG appelliert an die Verhältnismässigkeit: Die Schule pflege einen sorgsam restriktiven Umgang mit Bildern und Informationen. Dieser Umgang stehe nicht selten in grossem Widerspruch zu den privat genutzten Social-Media-Plattformen von Schülerinnen und Schülern, so Basler.