Interview

Was der Präsident der Stiftung Wartenfels mit Friedrich Nietzsche zu tun hat

Peter André Bloch im Ausstellungsraum zu Nietzsches Leben im Nietzsche-Haus in Sils-Maria. Neben ihm steht eine Nietzsche-Stele von Max Kruse, Marmor, 1899

Peter André Bloch im Ausstellungsraum zu Nietzsches Leben im Nietzsche-Haus in Sils-Maria. Neben ihm steht eine Nietzsche-Stele von Max Kruse, Marmor, 1899

Friedrich Nietzsche (1844–1900) suchte in den Sommermonaten von 1874 und 1878 auf der Froburg ob Trimbach Erholung, später zog es ihn ins Engadin. Peter André Bloch (83) amtet nicht nur als Präsident der Lostorfer Stiftung Wartenfels, sondern kümmert sich als Vizepräsident der Stiftung Nietzsche-Haus Sils-Maria auch um die Dokumentation von Leben und Werk des grossen Philosophen.

Herr Professor Bloch, würden Sie sich als «Nietzscheaner» bezeichnen?

Peter André Bloch: Durch meine jahrelange Beschäftigung mit dem Nietzsche-Museum in Sils-Maria bin ich mit seinem Denken und auch mit seinem tragischen Schicksal sehr verbunden, und ich engagiere mich für die Aufklärung der vielen Fälschungen und Missverständnisse rund um sein Werk. Ursprünglich komme ich eher von Goethe und von Schiller her und von deren Beziehungen zur französischen Klassik; dann aber auch von meinen intensiven Beschäftigungen mit der Gegenwartsliteratur: von Dürrenmatt, Grass, Silja und Otto F. Walter bis Ernst Burren und Alex Capus. Zu Nietzsche bin ich wegen vieler Missverständnisse erst viel später gekommen; ich sehe ihn als tragische Figur, die für das neue Menschenbild bis in unsere Gegenwart hinein sehr wichtig ist. Im Grunde hat er sein Leben kaum gelebt; hatte keine Familie, keine Heimat, war immer auf der Suche nach dem Lebenssinn. Seine Standorte waren sein Denken und sein Dagegen-Denken. Er war ein Kämpfer, ein Satiriker, den man als Prediger gegen das Christentum missverstand. Er kämpfte in der Tat gegen alle Instanzen, die noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts alle freiheitlichen Bewegungen zu verhindern suchten, durch erzieherische, religiöse und auch staatliche Unterdrückung, im Dienste der Macht. Über ihm liegt eine grosse Tragik. Es heisst ja auch am Ende von «Also sprach Zarathustra»: «Ich strebe nicht nach meinem Glücke, ich strebe nach meinem Werke.» Sein Werk ist zum Kompendium geworden, das die Grundlage bildet zur «modernen» Selbstfindung des Individuums. Aber ich stelle Nietzsche wenn immer möglich Maria Montessori zur Seite, die als Philanthropin mitten im Leben stand, Kinder erzog und auch den Selbstwert im Behinderten erkannte. Nietzsche denkt als Mensch des 19. Jahrhunderts eher an die höheren Bildungsschichten, mit welcher er sich auseinandersetzt, vor dem Hintergrund der Antike und der Philosophie seiner Zeit, die ganz dem logisch-abstrakten Denken verpflichtet ist, während er sich selbst zunehmend auch mit den Naturwissenschaften, mit Psychologie und Tiefenpsychologie befasste, mit den Grundlagen des Erkennens, im Kampf gegen die engen kirchlichen und gesellschaftlichen Vorstellungen, welche die Entwicklungen des Menschen zum Individuum behinderten. Er suchte die Grundlagen für den Neuen Menschen freien Geistes zu schaffen, der sich selber bestimmt und seine eigenen Verantwortungen wahrnimmt, um sich ganz selber zu werden, als unabhängiges Individuum. Man weiss, wie sehr er von Jugend an von schweren Erkrankungen heimgesucht wurde, die er mit allen möglichen Mitteln zu beheben suchte, sodass er kaum je ohne Schmerzmittel leben konnte. Sein Pech war es, dass er schliesslich in Turin einen geistigen Zusammenbruch hatte, von dem er sich nicht mehr erholte, sodass er völlig in die Abhängigkeit seiner Schwester Elisabeth geriet.

Landschaftliche Kargheit führt zu höchster Vergeistigung: der Silsersee.

Landschaftliche Kargheit führt zu höchster Vergeistigung: der Silsersee.

Erinnern Sie sich daran, wann Sie zum ersten Mal den Namen «Nietzsche» hörten?

Ja, das war an Weihnachten 1943 in der Stadtkirche Olten. Der Pfarrer stieg auf die Kanzel und rief «Gott ist tot!». Dann wurde es stockdunkel. «Das sind die Worte Friedrich Nietzsches, der schuld ist an allem, was über Deutschland, die Schweiz und die Welt gekommen ist. Er ist dann auch an Syphilis gestorben. Wir aber – meine gläubigen Mitchristen – wir werden ewig leben.» Ich fragte meinen Vater flüsternd, was Syphilis sei. «Verstehst du nicht», flüsterte mir dieser zu. Als Siebenjähriger habe ich dann zu Hause im Brockhaus nach der Bedeutung des Wortes Syphilis gesucht, aber da ich nicht wusste, wie man es schreibt, habe ich es nicht gefunden. (lacht) Als wir in der Kirche anschliessend «Stille Nacht» sangen, sagte ich zu mir: «Mit diesem Unhold werde ich sicher nie etwas zu tun haben.» Und in der Tat, er wurde nie – weder in der Schule noch an der Universität – besprochen, höchstens im Sinne eines missglückten Künstlers oder als antikirchlicher Polemiker, der im Vatikan auf der Liste der «verbotenen Autoren» stehe.

Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Nietzsche später gestaltet?

Ich hatte ein ganz falsches Bild von ihm. Wegen der Fälschungen seiner Schwester Elisabeth und der Verehrung durch Adolf Hitler wurde er allgemein als präfaschistisch gebrandmarkt, was mich abschreckte. Erst mit etwa 30 Jahren, als Assistent an der Universität Basel, kam ich erstmals wirklich mit seinem Werk konkret in Berührung: Eines Tages erschien ein japanischer Student in meiner Sprechstunde. Er war ganz durcheinander, Tränen liefen ihm übers Gesicht. Er suchte Rat, weil er eine Arbeit über ein Nietzsche-Gedicht schreiben sollte und dieses nicht verstand. Um ihm zu helfen, las ich erstmals den grossartigen Dithyrambus «Die Sonne sinkt», ein unglaublich vollkommenes Werk von grandioser Geschlossenheit und Tiefe! Wir haben dann zusammen während einiger Wochen Strophe für Strophe gelesen und miteinander interpretiert, sodass er mit seiner Arbeit vorwärtskam. Als ich einige Wochen später in Weimar als Schiller-Forscher arbeitete, um für meine Dissertation noch einige Angaben zu finden, habe ich den bedeutenden Nietzsche-Forscher Mazzino Montinari (1928–1986) kennen gelernt. Er arbeitete an der Gesamtausgabe Nietzsches und zeigte mir die Fülle der ihm zur Verfügung stehenden Handschriften, darunter auch Nietzsches letztes Werk «Wille zur Macht», mit den Manipulationen und redaktionellen Fälschungen von Elisabeth Förster-Nietzsche, die versuchte, die Überlegenheit der deutschen Rasse über andere ideologisch zu belegen ...

Wer war Mazzino Montinari?

Montinari war Schüler von Professor Colli, als Sozialdemokrat Gegner des Mussolini-Regimes. Während des Krieges las er mit seinen Studenten in Lucca – in einer kleinen roten Geheimzelle – Nietzsches «Willen zur Macht». Gemeinsam haben sie in ihren Diskussionen denkerische Unstimmigkeiten festgestellt, Argumentationslücken und offensichtliche Widersprüche. Als ein Spitzel die Studentengruppe verraten hat, wurde ein Kollege verhaftet, um eine Liste der Gruppenmitglieder zusammenstellen. Als er sich weigerte, wurde er standrechtlich erschossen. Bei seiner Beerdigung haben die Freunde geschworen, zu seinem Gedenken den «Willen zur Macht» in der Originalfassung nach Nietzsches Handschrift herauszubringen. Zu diesem Zweck ging Montinari, unterstützt von seinen Freunden, nach Weimar, um das gemeinsame Versprechen einzulösen. Was im Grunde in der Folge die ganze Nietzsche-Forschung von Grund auf veränderte. Denn nun ging es auch um Textkritik, Grundlagenforschung, Berücksichtigung von Entwürfen und Textveränderungen, Varianten und eigenen Überarbeitungen. Dabei kamen die schwerwiegenden «redaktionellen» Fälschungen von Nietzsches Schwester in ihrem ganzen Umfang ans Licht der Forschung! Ich war beeindruckt von der Fülle des Materials und von Montinaris Erklärungen, besonders auch durch die dahinterstehenden philosophischen, aber auch politischen Konsequenzen! Und ich beschloss, mit Montinari zusammen der Stiftung Nietzsche-Haus in Sils-Maria beizutreten, um gemeinsam mit Vertretern der wissenschaftlichen Öffentlichkeit Nietzsches Stellung und Bedeutung zu diskutieren. Dies war vor 40 Jahren, als wir zusammen das «Nietzsche-Kolloquium» gründeten, im Sinne der Wahrheit und wissenschaftlichen Verantwortung. Diese öffentliche Zusammenkunft findet jedes Jahr Anfang Oktober statt; wegen des Coronavirus musste leider das diesjährige Programm auf nächstes Jahr verschoben werden.

Wie entwickelte sich ihre Freundschaft zu Mazzino Montinari?

So kam es, dass ich mit Montinari über Jahre hinweg in Freundschaft zusammenarbeitete und ihn – zur Erstellung eines neuen Kolloquiumsprogramms – immer wieder traf. So auch im Frühjahr 1985 in Paris, wo er in der Bibliothèque Nationale nach den Autoren suchte, mit denen sich Nietzsche auseinandersetzte. Diesmal waren für ihn die katholisch-konservativen Autoren und Publizisten an der Reihe, von denen er vermutete, dass Nietzsche sie in seinen Arbeiten kritisch zitierte. Wir wollten uns am Abend im Bistro Les Deux Magots, Place St. Germain-des-Prés, treffen, doch Montinari – sonst die Pünktlichkeit selbst – erschien erst nach einer stündigen Verspätung. Er hatte kursorisch die geplanten Werke durchgesehen und deren Argumentationen und Stichwörter geprüft, als ihm auffiel, dass er durch einen älteren Herrn beobachtet wurde. Als er seine Arbeit beendet hatte, sprach ihn dieser an, mit der Frage, ob er Priester sei. Montinari kam tatsächlich aus ganz katholischem Haus, war als Junge Chorknabe gewesen, hatte sich aber während seines Studiums mit den Ideen des Marxismus-Leninismus auseinandergesetzt, auch mit den Werken der französischen Moralisten. Er erklärte nun dem ihm unbekannten Gesprächspartner von seinen Beschäftigungen mit Nietzsche; er sei kein Theologe, sondern Literaturforscher. Ich wartete derweil eine Stunde auf ihn, und als er endlich erschien, rief er in heiterer Stimmung: «Peter Bloch, wir müssen zusammen unbedingt einen Schluck Champagner trinken, auf meine reine Seele!» Er berichtete, was ihm passiert war: Der Gesprächspartner in der Bibliothèque Nationale entpuppte sich als Jesuit, der sich von Montinaris Arbeit sehr beeindruckt zeigte; er fand, Montinari habe ihm im Grunde mit seinem Bericht eine Art Lebensbeichte ablegt. Wenn er bereue, sagte er, könne er ihm die Generalabsolution von seinen Sünden erteilen … Voller Erstaunen lehnte Montinari ab; er habe doch immer nur nach den eigenen Überzeugungen gelebt, verstehe sich als wahrheitsverpflichteter Forscher, sei Familienvater, habe vier Kinder und eine Kommunistin als Frau, verstehe sich selber als Kommunist, wisse nicht, was er zu bereuen hätte. Nach langem freundlichem Drängen des Priesters lenkte er schliesslich – wie er mir humorvoll schilderte – ein, indem er an seine Mutter dachte, die jeden Tag als gläubige Katholikin einen Rosenkranz für ihn bete, weil sie unglücklich sei, dass ihr Sohn auf «politische Abwege» gekommen sei. Das tue ihm wirklich leid, weil er deswegen zu ihr in ständiger Spannung stehe. Und da bekam er die Absolution; und wir tranken zusammen auf sein Seelenheil ein Glas Champagner. Und drei Wochen später ist er beim Aufräumen seiner Bibliothek gestorben!

Was geschah dann?

Ich konnte wegen der Besprechung der Seminararbeiten meiner Studenten am Semesterende leider nicht an der Beerdigung teilnehmen. Was ich heute noch bedaure. Ich rief seine Frau Siegrid an, erzählte ihr die Geschichte von dem französischen Jesuiten. Da sagte sie zu mir: «Peter, könntest du mir einen Dienst erweisen und dies alles meiner Schwiegermutter erzählen?» Diese sei in Trauer aufgelöst, weil ihr der Sohn fern von der Kirche gestorben sei. Ich rief sie an, hörte am Telefon anfänglich nur stilles Schluchzen, das unversehens aufhörte, indem mir die alte Dame voll Freude dankte: «Das ändert alles!», sagte sie. «Jetzt bekommt mein Sohn doch noch eine kirchliche Bestattung, und wie es sich gehört: ein Requiem!» Mit der Witwe von Montinari blieben wir im Kontakt, sie hatte vier Kinder und musste arbeiten, damit sie diese durchbrachte, unter anderem in der amerikanischen Bibliothek der Universität Florenz. Und wir trafen uns jahrelang zu Ostern im Nietzsche-Haus in Sils-Maria, und nach ihrem Tod treffen wir uns hier immer wieder mit ihren Kindern. Montinari war einer der gescheitesten und treusten Menschen, den ich je gekannt habe. Er gab uns allen die Überzeugung, dass man auch über politische Unterschiede hinweg gemeinsame literarische, philosophische und editorische Prinzipien entwickeln kann, im Dienste der Wissenschaft und der Wahrheit, die keiner Partei gehört. In der Tat, die editorischen Leistungen von Montinari und seinem Lehrer Colli sind bis heute beeindruckend und haben die ganze Editionspraxis revolutioniert. Vergessen wir nicht: Damals gab es noch keine Computers und keine Speichergeräte; alles musste von Hand notiert und ganze Textreihen im Gedächtnis behalten werden! Leider konnten sie beide ihr Werk nicht beenden, haben aber ihren Mitarbeitern den Weg gewiesen, in der unbedingten Verpflichtung zu wissenschaftlicher Methodik mit den entsprechenden transparenten Dokumentationsprinzipien und der unbedingten editorischen Treue zum Text.

Die Literatur zu Nietzsche ist schier unüberblickbar und wächst jährlich weiter.

Die Literatur zu Nietzsche ist schier unüberblickbar und wächst jährlich weiter.

Bleibt Nietzsche weiterhin aktuell?

Aufgrund der seherischen Tiefe seiner Philosophie und seiner ausserordentlichen Sprachkunst und auch der von ihm entwickelten «revolutionären» Vision des «Neuen Menschen freien Geistes» bleibt er eine grosse literarische und denkerische Gestalt. Und er spricht mit seinem unabhängigen Wirken die heutigen Menschen an, ob Jung oder Alt. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele unser Museum besuchen und sich mit der Originalität seiner Persönlichkeit befassen, die wir unter verschiedenen Aspekten in den verschiedenen Entwicklungsphasen darzustellen suchen. Vorerst besassen wir praktisch fast kein Ausstellungsmaterial, was sich aber im Laufe der Jahre stark veränderte. Besonders in der Begegnung mit den Museumsbesuchern sind meine Frau und ich sowie unsere Mitarbeiter zu eigentlichen Sammlern geworden, und es ist uns gelungen, bedeutende Originaldokumente zusammen zu tragen, in Zusammenarbeit mit Spezialisten und Nietzsche-Freunden. So kam das Nietzsche-Haus in den Besitz der originalen Erstausgaben von Nietzsches Werken, dann auch von einer grossen Anzahl von Originalbriefen und persönlichen Dokumenten, sogar von Nietzsches Totenmasken! Es gelang uns auch, die Möbel von Nietzsches Basler Professorenstube nach Sils zu bringen, mit vielen Dokumenten aus der Basler Zeit. Ich habe die musikalische Sammlung von Curt Paul Janz und viele seiner Forschungsunterlagen dem Hausarchiv übergeben können. Und es sind durch Schenkungen viele Ausgaben und Erinnerungsstücke an uns gelangt. Auch die Übersetzung seiner Werke in alle wichtigen Weltsprachen ist in unserer Bibliothek dokumentiert und wächst, und wächst, sodass wir anbauen mussten und sie mit allen neuen Techniken versehen konnten, damit die vielen jugendlichen Forscher bei uns arbeiten können!

Zurück zur Schwester Nietzsches: Kann man sie begreifen?

Sie war eine Machtdenkerin, gleichzeitig aber auch eine hochbegabte Frau, die ihren Bruder liebte und betreute, aber vor allem auch das Licht der Öffentlichkeit suchte. Sie heiratete den Antisemiten Förster, und gemeinsam haben sie in ihrem Rassenwahn in Paraguay bekanntlich eine Kolonie reinen deutschen Blutes und reiner Sprache gegründet, das Neue Germanien. Bekanntlich hat sich Nietzsche geweigert, an der Hochzeit teilzunehmen, und er blieb gegenüber ihren südamerikanischen Plänen sehr zurückhaltend. Nach dem konkursiten Zusammenbruch der Pläne und dem Tod ihres Gründers, ist die Förster-Nietzsche nach Deutschland zurückgekehrt, just nach Nietzsches Zusammenbruch. Und nach dem Tod der Mutter übernahm sie die Vormundschaft über ihren Bruder und dessen Nachlass. Sie hatte zweifellos eine gewisse Begabung im Vermarkten seiner Werke, unter denen sie für Hitler auch eine «Feldausgabe» zusammenstellte, mit Botschaften an das «siegreiche deutsche Heer»! Später begann sie – wie erwähnt – seine nachgelassenen Schriften zu überarbeiten und auch seine Briefe zu veröffentlichen, indem sie einige Briefe, die Nietzsche an besonders bevorzugte Freundinnen richtete, an sich umadressierte, um ihre eigene Bedeutung zu unterstreichen.

Dass heute in Röcken Bruder und Schwester nebeneinander im Grab liegen, ist eigentlich brutal.

Ja, das ist ganz brutal. Aber sie hatte ja einen anderen, noch verrückteren Traum. Sie kam hieher nach Sils, um auf der Halbinsel Chastè einen ägyptischen Pilgerweg zu errichten. Wo heute der Stein mit der Inschrift «Oh Mensch, gib acht» steht, hätte man eine Art Mausoleum errichtet, umgeben von Kränzen seiner Verehrer …

Inschrift auf der Halbinsel Chastè, aus dem Buch «Also sprach Zarathustra».

Inschrift auf der Halbinsel Chastè, aus dem Buch «Also sprach Zarathustra».

Also ein kultisches Gebaren?

Absolut. Da, wo heute noch das alte Wetterhäuschen steht, gegenüber dem Nietzsche-Haus auf der anderen Strassenseite, hätte sie gerne mit Freunden Nietzsches eine 7 Meter hohe Statue des Übermenschen aufstellen lassen. Das Vorhaben kam aber nicht zu Stande. Als der Gemeinderat den Entwurf sah, bedankte er sich für das grosszügige Geschenk, wies jedoch darauf hin, dass sich die Gäste von Sils mehr für das Wetter als für Nietzsche interessieren würden. Unter sich sagten sie: «Eine nackte Frau wäre ja noch gegangen, aber ein nackter Mann, nein, das geht nicht.» Die Figur ist heute jedoch verschollen, und das Wetterhäuschen steht den Interessierten immer noch zur Verfügung.

Wie wurden Sie Mitglied der Stiftung des Nietzsche-Hauses?

Über Professor Pestalozzi wurde ich Sekretär der Nietzsche-Stiftung in Sils- Maria, deren Präsident Herr Martin Bodmer war. Ich schrieb Protokolle. Im Stiftungsrat sassen Wissenschafter, Unternehmer, Idealisten. Ursprünglich war das Haus nur im Sommer während sechs Wochen geöffnet. Nun ging es darum, das Haus auch im Winter offen zu halten und die Ausstellung zu erweitern. Wir bauten eine Ölheizung ein, haben den Keller saniert und eine Wohnung mit sieben Betten eingebaut. Dann wurde der Estrich ausgebaut, mit der Unterstützung von Bundesrat Otto Stich, der sehr oft in Sils weilte und Präsident der Bundesfeierstiftung war. Es wurde sozusagen zu meinem Ferienhobby, das Haus zu hüten und es langsam zu einem richtigen Ausstellungsort zu machen.

Nietzsches Kammer im ersten Stock des Nietzsche-Hauses in Sils-Maria.

Nietzsches Kammer im ersten Stock des Nietzsche-Hauses in Sils-Maria.

Wo steht Nietzsche für Sie persönlich?

Es ist vor allem sein lyrisches Werk, das mich anspricht, auch seine Argumentationen zur Befreiung des Menschen von Vorurteilen und Glaubenszwängen. Ich lasse mich immer wieder treffen, setze mich bei meinen Führungen für seine Bedeutung als Dichter und Philosoph ein, auch für das Verständnis für das Unrecht, das ihm mit den Fälschungen angetan wurde. Meine Nietzsche-Lektüre wird immer von Dürrenmatt begleitet, der Nietzsches Hang zum Individualismus oft parodiert, weil auch er begriffen hat, dass es eine absolute Wahrheit nicht gibt. Ich kann Dürrenmatt nicht ohne Nietzsche lesen und Nietzsche nicht ohne Dürrenmatt. Ich finde, diese Spannung muss man in sich tragen. Dann wird es interessant, befreiend, gleichzeitig aber auch verpflichtend, in der Auseinandersetzung mit den Ideologien unserer Gegenwart, als Lehrer und Forscher, der ich im Grunde immer noch ein bisschen bin.

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