NamenDamen

Warum «Konrad» als Name nicht mehr genügte

Urnenwand auf dem Friedhof Schönenwerd: Erst die Kombination von Vorname und Familienname ruft die Erinnerung an einen bestimmten Verstorbenen wach.

Urnenwand auf dem Friedhof Schönenwerd: Erst die Kombination von Vorname und Familienname ruft die Erinnerung an einen bestimmten Verstorbenen wach.

Die NamenDamen stellen die Frage: Woher kommen eigentlich die Familiennamen?

Wir finden sie auf Klingelschildern, auf Ausweisen und auf Grabsteinen. Alle haben wir einen und ein Leben ohne sie scheint schier unmöglich. Zusammen mit dem Ruf- oder Vornamen gibt der Familienname nicht nur uns eine Identität, sondern auch der Verwandt- oder Lebensgemeinschaft, der wir angehören.

Was es mit den Familiennamen auf sich hat, woher sie kommen und was sie bedeuten, stösst deshalb auf grosses Interesse. Es mag daher überraschen, dass es Familiennamen nicht immer gegeben hat. Sie sind nämlich in einer bestimmten Zeit in der heutigen Form und Funktion entstanden.

Im Frühmittelalter war es noch üblich, nur einen Rufnamen zu haben – so zum Beispiel die 924 als Zinser der Zürcher Fraumünsterabtei erwähnte Person namens Alewic in Dulliken. Auf dem Gebiet der heutigen Schweiz begann man aber in der Zeit des Hoch- und Spätmittelalters, dem Rufnamen noch einen beschreibenden, charakterisierenden oder konkretisierenden Zweitnamen respektive Nachnamen anzuhängen. 

Die ältesten Familiennamen

Blicken wir in die historischen Belege im Umfeld der Region Olten, finden wir diese Protofamiliennamen – erste Vorläufer der heutigen Familiennamen – auch hier. Zweitnamen adliger Herren sind ab dem 12. Jahrhundert in den Quellen fassbar. Zu den frühesten Beispielen gehören die urkundlichen Nennungen von Konrad von Bechburg 1101, Adelbero von Froburg 1114, die Brüder Welf und Udalrich von Falkenstein 1145, Reinboto von Hägendorf 1153, Berner von Gossinghofen (= Gösgen) 1161, Rudolf von Thierstein 1184, Hartmann von Kienberg 1185 und Anna von Kienberg 1201.

Alle diese Zweitnamenbeispiele haben gemeinsam, dass sie auf einen Wohn- und Wirtschaftssitz verweisen, sei dies eine Burg mit Gehöft oder ein mehr oder weniger befestigter Wirtschaftskomplex. Die ältesten Zweitnamen sind daher weniger Angaben, dass die Namenträger von einem bestimmten Ort herkommen, sondern dass sie dort eine Herrschaft ausüben, verwalten oder besitzen, mit der Rechte und Pflichten verbunden sind.

Weshalb Familiennamen entstanden

Weil die Herrschaftssitze vererbt werden konnten und die Erben um die Sicherung ihrer Rechte bemüht waren, interessierte sie auch die Weiterführung der Zweitnamen ihrer Vorfahren in den Rechtsdokumenten. Die zunehmende Praxis der schriftlichen Verwaltung war hier der entscheidende Faktor. Denn mit der Zeit entwickelte sich die Idee weiter, dass mit der Nennung des Zweitnamens sichtbar gemacht werden kann, von welchen Eltern Rechte vererbt wurden und welche Kinder davon profitieren würden.

Somit war es schliesslich nicht mehr notwendig, einen Herrschaftssitz mit Namen zu besitzen, an dem alle Rechte hingen, sondern das Konzept wurde in der Schriftpraxis analog auf andere Gesellschaftskreise wie städtische Bürger und auch Bauern ausgeweitet. Der Zweitname konnte so zum Symbol einer Idee werden, nämlich, dass er eine über Verwandtschaft organisierte Rechtsperson repräsentiert, die wir heute Familie nennen.

Fünf Arten von Zweitnamen

Die Verbreitung der Zweinamigkeit war im deutschsprachigen Raum bis zum Ende des 15. Jahrhunderts mehrheitlich abgeschlossen. Die Namenforschung konnte diesbezüglich zeigen, dass man im Wesentlichen alle Familiennamen auf fünf Zweitnamenarten zurückführen kann: Angabe der Wohnstätte, des Vaters, des Berufs oder Amts, der Herkunft oder einer Eigenschaft.

Der Typus des Wohnstättennamens, zu dem auch Hof- oder Hausnamen gehören, ist im ländlichen Raum weit verbreitet. So finden wir in den mittelalterlichen Dokumenten um Olten zum Beispiel Eintragungen für Mechtild an der Flue 1294, H. Velwer (=Weidenbaum) 1294, Peter vom Hennenbuel 1299, Albrecht zur Schmitten 1317, Wernli hinder Burg 1322 oder Bürgi von Rohr 1323. Durch Verkürzung entstanden aus solchen Zweitnamen heutige Familiennamen wie beispielsweise Zumstein, Imhof oder Amberg.

Mit dem Bezug auf den Vater konnte das Erbverhältnis auf einfachste Weise offengelegt werden, wodurch patronymische Zweitnamen (Vaternamen) entstanden. Frühe Beispiele aus der Region um Olten sind hier Rudolf Ludwigs (= Sohn des Ludwig) 1294, Ulrich genannt Peters 1294, Ueli Buesso (= Sohn des Buoso) 1308, Wernli Dietschi (= Werner, Sohn des Dietrich) 1308, Rudolf Wolf (= Sohn des Wolf) 1322, Hans Albrecht 1350 oder Jeni Arnold (= Johannes, Sohn des Arnold) 1382.

Der Angabe des ausgeübten Berufs oder Amtes können folgende frühen Beispiele zugeordnet werden: R. genannt Reber 1294, Burkart Sutter (=Näher) 1294, Nicolaus genannt Vogler 1294, Walter Wollmacher 1294, Johannes Kupfer (= Kupferschmied) 1294, Ulrich Pfister (= Bäcker) 1308, Johannes Vogt 1308, Berchtold Köli
(= Köhler oder Kohlenmacher) 1322 oder Johannes Glaser 1380. Wenn solche Berufszweitnamen von den Erben weitergeführt wurden, war seit dem 14. Jahrhundert nicht mehr in jedem Fall klar, dass der Namenträger den genannten Beruf auch tatsächlich ausübte, sondern er konnte diesen bereits im Sinne eines Familiennamens führen.

Das Gleiche gilt für die Zweitnamen nach der geografischen Herkunft. Noch eine direkte Herkunftsangabe dürfen wir uns aber bei Konrad von Lostorf 1280, Dietmar von Olten 1247, Mechtild von Halderwank (= von Holderbank) 1297 und Konrad von Wolfwil 1282 vorstellen. Auch Claus Peyer, der 1294 in Stüsslingen wohnte, ist wohl tatsächlich aus Bayern zugezogen. Als seine Nachkommen Rudi und Nikolaus den Namen weiterführten, stimmte dann die Angabe für diese Personen aber schon nicht mehr.

Die letzte Art der Zweitnamen wird als Übernamen bezeichnet. Sie verweisen auf eine besondere Charakter- oder Körpereigenschaft des Namenträgers. Zu den wenigen frühen Beispielen in der Region Olten gehören: Johannes Fuchs (= gerissener Mensch) 1294, Richi Strub (= steifer Mensch, oder Mensch mit ungeordneten Haaren) 1308 oder eine Person, von der nur der Initialbuchstabe des Rufnamens notiert wurde: H. der Schön 1308.

Woher kommen also Familiennamen? Sie sind das Resultat einer pragmatischen, das heisst auf praktische Bedürfnisse ausgerichteten Schriftlichkeit und der Verbesserung der persönlichen Rechtssicherheit – eine Erfindung des Mittelalters, die aber noch bis in die moderne Entwicklungszeit benötigte, um sich ganz durchzusetzen.

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