Die Autofahrt von der Innenstadt in Olten bis in den Wald oberhalb von Wisen dauert nur 20 Minuten. Trotzdem hat man das Gefühl, mitten in der Wildnis zu sein: Bewaldete Juraketten so weit das Auge reicht. Nur das Bauernhaus des Kräuterhofs ArsNaturalis ist von Weitem zu sehen.

Am anderen Ende des Feldes steht, ein weisses Zelt. Wenige Meter davon entfernt sitzt eine Gruppe im Kreis. Die Kinder schnitzen Holz, einige Erwachsene lesen, ein Mann bemalt mit einem kleinen Jungen ein Tuch, das zwischen den Bäumen gespannt ist. Unter der grossen Blache, die zwischen den Bäumen hängt, raucht ein fast erloschenes Feuer.

«Feuervogel» ist Pionier in der Naturpädagogik

Nadja Hillgruber und Christoph Lang haben dieses Lager organisiert. Sie sind Vorstandsmitglieder der Genossenschaft «Feuervogel», welche Pioniere in der Naturpädagogik sind. Sie haben unter dem Namen «Dusse Verusse» die ersten Waldspielgruppen in der Schweiz gegründet. Im Sommer organisieren sie Kinderlager, damit die Kinder «spielerisch in der Natur lernen können», erklärt die diplomierte Ingenieurin Hillgruber.

Das Waldstück in Wisen, wo die 15-köpfige Gruppe das Lager aufgeschlagen haben, stellte der Kräuterhof zur Verfügung. Auch letztes Jahr war eine Gruppe Feuervögel für eine Woche an diesem Ort.

Besuch aus China campiert zum ersten Mal in der Natur

In diesem Lager können die Teilnehmer Naturfarben kennenlernen und damit Bilder malen. Aussergewöhnlich ist, dass überwiegend chinesische Kinder dabei sind. Sie kommen aus Chang Chun, eine Stadt mit sieben Millionen Einwohner im Nordosten Chinas. «Die meisten Lagerteilnehmer haben noch nie in der Natur übernachtet», sagt die Übersetzerin Han Yan. Sie ist ebenfalls in dieser Stadt aufgewachsen und wohnt heute in Bern. Dort arbeitet sie als Übersetzerin.

Die Frauen aus China sind Pädagoginnen und an neuen Lernformen interessiert. So kam der Kontakt mit «Feuervogel» zustande. Die Kinder sollten in dieser Woche Erfahrungen in der Natur sammeln und Berührungsängste mit dem Wald abbauen. Diese Erfahrungen werden ohne strengen Rahmen und Vorgaben gemacht. Anfänglich hatten die zwei Frauen Bedenken, dass sich die Gäste, die in einer strengen Leistungsgesellschaft zu Hause sind, auf diese Umgebung einstellen können. «Mit der Freiheit kommt auch grosse Verantwortung», sagt Hillgruber. Sie habe das Lager so gestaltet, dass möglichst viele Freiräume entstehen. Doch fühlt sie sich dafür verantwortlich, dass sich alle wohlfühlen. Hillgruber und Yan betrachteten es als ein Experiment.

Ein aussergewöhnliches Ferienlager

Yan erklärt, dass chinesische Touristen normalerweise in der Schweiz den Luxus und Komfort suchen. So seien Interlaken und die Bahnhofstrasse in Zürich klassische Stationen. Die Europaferien in einem Wald in Wisen zu verbringen, stünde auf keinem Programm. «Das Experiment hat sich bewährt und die Kinder haben sich sofort wohlgefühlt», sagt Yan zufrieden.

Von Dienstag bis Freitag hat die chinesische Gruppe mitten in der Natur gelebt. Am Sonntag werden sie in ihre Millionenstadt zurückkehren.