Tage des Denkmals

Vom Design zum Produkt: «Das Abc des Bally-Schuhs» als Kulturgut

Philipp Abegg, Präsident Ballyana-Stiftung (links), und Felix Rauh, stellvertretender Direktor Memoriav am Tag des Denkmals.

Philipp Abegg, Präsident Ballyana-Stiftung (links), und Felix Rauh, stellvertretender Direktor Memoriav am Tag des Denkmals.

Am Europäischen Tag des Denkmals zeigte die Ballyana Schönenwerd alte Filme aus dem Archiv. Bally drehte Optimierungs-Industriefilme für jeden der Arbeitsschritte bei der fragmentierten Herstellung eines Schuhs.

Die Aufgabe ist eigentlich simpel. Die Arbeiterin der Schuhfabrik C.F. Bally soll sechs Mal ein Paar Schuhe möglichst schnell in ein Seidenpapier einwickeln und in die Schuhschachtel verpacken. Dazu muss jeder Handgriff sitzen.

Um zu ermitteln, ob dieser Arbeitsschritt normiert und allenfalls effizienter erledigt werden könnte, liess die Firma Bally fünf geübte Arbeiterinnen beim Einpacken filmen. Diese erledigten ihre Tätigkeit flink. Und nach der gelösten Aufgabe traten sie zur Seite und schenkten dem Filmer ein kurzes verlegenes Lächeln. Dabei war die Kamera unerbittlich. Sie zeigte die feinsten Unterschiede bei ­jeder Handbewegung und ­entlarvte den kleinsten Zeitverlust, etwa beim Ergreifen des Seidenpapiers oder beim Schliessen des Schuhschachteldeckels. Und, wenn auch nicht sichtbar: Die Stoppuhr lief mit. Solche Optimierungs-Industriefilme drehte die Bally für jeden der Arbeitsschritte bei der fragmentierten Herstellung eines Schuhs.

Arbeitsanalyse Nr. 8: Tempo war schon immer gefragt

Dieser Kurzfilm «Arbeitsanalyse Nr. 8» war am Samstag in der Sammlung für Industriekultur «Ballyana» zu sehen. Philipp Abegg, Präsident der Ballyana-­Stiftung, präsentierte und kommentierte im Rahmen des Europäischen Tages des Denkmals eine Auswahl verschiedener Firmenfilme aus dem Bally-Archiv. Das Schuhunternehmen besass die finanziellen Ressourcen, um auch aufwendige Filme zu produzieren.

Geht’s noch effizienter? Ausschnitt des Films zur Arbeitsanalyse Nr. 8.

Geht’s noch effizienter? Ausschnitt des Films zur Arbeitsanalyse Nr. 8.

Generell war Bally offen für neue Techniken und hochprofessionelle Werbung. Die Bally-Filmproduktion erreichte ihren Höhepunkt 1957, als die Firma kurz nach ihrem 100-Jahre-Jubiläum zwei aufwendige Langfilme veröffentlichte: in schwarz-weiss den Werkfilm «Das Abc des Bally-Schuhes» und den farbigen Werbefilm «Die Bally in der Zukunft». Im «Abc» wurde der Werdegang von der Idee des Kreateurs (Design) bis zum fertigen Schuhwerk aufgezeigt samt Vermarktung in den Bally- Arola-Geschäften.

«Die Bally in der Zukunft» dagegen malte das Firmenporträt eines selbstbewussten, Schuhunternehmens. Es zählte 63000 Arbeitsplätze an verschiedenen Standorten in der Schweiz und rühmte sich als sozialen Arbeitgeber mit Kosthaus und Altersvorsorge. Sowohl beim Einkauf der Rohstoffe wie beim Vertrieb der Schuhe pflegte Bally ein Beziehungsnetz in alle Kontinente.

Plakat und Film als Werbeträger

Früh schon setzte Bally neben Plakaten auch den Film als Werbemittel ein. In den 1930-er Jahren engagierte die Firma den Berner Animationsfilm-Pionier Julius Pinschewer für die Produktion eines Reklamefilms «Fuss-Spuren», um mit Heinzelmännchen für den «Vasano» Gesundheitsschuhe für empfindliche Füsse zu werben. Dieser Zeichentrickfilm stammt aus dem Bally Firmenarchiv. Im Ballyana-Archiv lagern Familienfilme, auf denen alltägliche Szenen wie spielende Kinder im Schnee erscheinen.

Solche Filme sind in einem grösseren Zusammenhang zu sehen. Dies zeigte Felix Rauh, der Vizedirektor des Vereins Memoriav zur Erhaltung des audiovisuellen Erbes der Schweiz, in einem anschaulichen Referat. Zwischen 1940 und 1975 wurde im Kino-Vorprogramm jeweils die Schweizer Filmwochenschau (SFW) gezeigt, wöchentliche Berichte über das politische, kulturelle und sportliche Leben. Sie stellen deshalb eine grossartige Chronik der damaligen Zeit dar. Die Erhaltung der SFW ist nur eines der Projekte, die von Memoriav betreut werden. In einem ersten Schritt geht es darum, die Bild-, Film- oder Tondokumente vor dem Entsorgen zu bewahren. Zudem ist das Trägermaterial oft nicht beständig. Die damals üblichen Zelluloidfilme bestehen aus Zellulose­nitrat, das sich nach kurzer Zeit zu zersetzen beginnt. Die Filme können nur durch Digitalisieren überleben. Ein weiteres Problem ist, dass die Abspielgeräte irgendwann nicht mehr verfügbar sind.

Die Memoriav setzt selber keine Projekte um, sondern arbeitet mit den verschiedensten Institutionen wie Bibliotheken oder Archiven zusammen. Sie hilft, die Finanzierung zu sichern und bietet vor allem ein Netzwerk von Spezialisten, die Ihr Know-how zur Verfügung stellen.

Vor und nach den Vorträgen zeigte die Ballyana eine Reihe von Werkfilmen in ganzer Länge, welche sie im museumseigenen «Kino» vorführte. Ständig in der Ausstellung ist zudem der Dokumentarfilm zum Jubiläumsanlass 1951 zu sehen.

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