#AllesAngers
Vive la Kompliziertheit

Rahel Bühler aus Walterswil ist freie OT-Mitarbeiterin und absolviert derzeit ein Austauschsemester in Angers, Frankreich. In ihrer Kolumne #AllesAngers schildert sie ihre Erfahrungen und Beobachtungen. Heute: Von den kleinen, aber feinen kulturellen Unterschieden

Rahel Bühler
Rahel Bühler
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Screenshot Google Maps

«Wenn Franzosen zwischen dem leichten und dem komplizierten Weg auswählen können, entscheiden wir uns für Letzteren», erklärt mir ein französischer Student in einem der vielen Pubs in Angers. Sich an die Französ’sche Kompliziertheit zu gewöhnen ist eine Qual, vor allem als gut organisierte Schweizerin: Einen Stundenplan gibt es an der Uni nicht.

Sowohl Zeit als auch Ort der Kurse ändern ständig. Manche finden jede Woche statt, die meisten nicht. Andere beginnen mitten im Semester. Die Uni hat elf Gebäude, durchnummeriert von A bis K und mit klingenden Namen wie «Bazin» oder «Jeanneteau».

In der Namensgebung der Gebäude und der Räumlichkeiten herrscht keinerlei Logik. Das Gebäude «Bazin» trägt nicht den Buchstaben «B», wäre ja auch viel zu simpel», sondern den Buchstaben «E». Wenigstens die Räume beginnen auch mit «E», aber auch dies ist nicht immer gewiss.

So ist es nur logisch, dass sich folgende Begebenheit bereits in meiner zweiten Semester-Woche abspielte: Ich fand mich mich zur richtigen Zeit im richtigen Zimmer für meinen Geschichtskurs wieder. Bloss: Ausser mir und einem mir unbekannten Professor war niemand da. Kurzentschlossen ging ich zu ihm und fragte nach meinem Kurs. Da er selbst auch keine Ahnung hat, geht er ins Sekretariat und fragt nach.

Unterdessen finde ich heraus, dass mein Kurs heute gar nicht stattfindet. Wieso weiss niemand. Randbemerkung: Als der Professor zurück ins Zimmer kommt, hat er festgestellt, dass auch er im falschen Raum war und bemerkt kleinlaut, dass die Franzosen halt schon etwas weniger gut organisiert seien als die Schweizer.

Auch ausserhalb des Studiums gestaltet sich das Leben kompliziert. Zumindest was administrative Angelegenheiten betrifft. Um ein Velo ausleihen zu können, braucht man eine Wohnsitzbestätigung und ein französisches Bankkonto. Um eine französische SIM-Karte fürs Handy zu kaufen, ebenfalls. Bar bezahlen geht nämlich nicht und fremdländische Bankkarten funktionieren nicht.

Etwas unkomplizierter halten’s die «Angevins» im Strassenverkehr. Es gibt zwar Ampeln, die die Farbe wechseln und Strassenschilder, die an Tempolimiten oder Fahrverbote erinnern. Das alles ist dem gemeinen Angeviner aber recht egal. Da wird schnurstracks ein ganzer Kreisel überfahren oder eine rote Ampel missachtet.

Noch unkomplizierter ist es in der Bar: Man bestellt und bezahlt sein Pinte (ausgesprochen Päänt) an der Bar, Trinkgeld ist verpönt. Und man duzt sich. Wenigstens das.