Schönenwerd
Verdirbt der Eppenberg-Tunnelbau den Schlittelspass?

Anwohner aus Schönenwerd wehren sich gegen die Auffüllung eines Hangs mit Material aus dem Ebbenberg-Bau. Sie fürchten weitreichende Folgen für die angrenzenden Liegenschaften.

Christoph Zehnder
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Bruno Kissling

Ab 2020 sollen Züge zwischen Olten und Aarau durch den Eppenbergtunnel rollen. Zum Tunnelsystem gehören drei Notausstiege. Mitte August wurde in Schönenwerd mit dem Bau eines 62 Meter langen Schachts für den Lochbächli-Notausstieg begonnen. Der Schacht wird von oben her in Richtung Tunnel getrieben.

Ein Teil des dabei entstehenden Ausbruchmaterials wird für die Baustelle beim Ausstieg verwendet, weitere 2000 m2 kommen beim Bau des geplanten Reservoirs Föhren zum Einsatz.

Um die Zahl der Lastwagenfahrten durch das Dorf möglichst gering zu halten, soll zudem auch der Hang neben der Baustelle mit Ausbruch aufgeschüttet werden. Das Landstück ist im Besitz der Erbengemeinschaft Bally. Diese hat der Auffüllung zugestimmt.

Was, wenn das Wasser kommt?

Unterhalb des aufzuschüttenden Geländes stehen im Gebiet Rotenhof mehrere Einfamilienhäuser. Unter deren Bewohnern regt sich Widerstand. «Man füllt direkt neben einem Wohngebiet eine Geländemulde auf. Das ist mit Gefahren verbunden», sagt André Rötheli.

Der Eingriff in das Gelände könnte weitreichende Folgen für den Hang und die angrenzenden Liegenschaften haben, befürchtet der Anwohner: Der Ausbruch bestehe aus festem Gesteinsmaterial und könne trotz professionellem Einbau bei heftigem Regen und Unwettern in Bewegung geraten.

Der kleine Bach könnte sich dann auf dem neuen Terrain trotz neuem Bachbett andere Wege in Richtung Wohnhäuser suchen, so die Befürchtung. Das Rotenhofbächlein, das vom Wald her über das Gelände fliesst, werde im steilen Hang zu Erosion führen und drohe im flacheren oberen Teil zu verlanden, wie das heute schon der Fall sei.

Weiter befürchtet Rötheli, dass durch den Hangdruck Wasser auf die Liegenschaften treten könnte. Gebäudeschäden durch Feuchtigkeit wären die Folge. Der Hausbesitzer zitiert die kantonale Gebäudeversicherung, die Hangaufschüttungen in Verbindung mit Wasser sehr kritisch beurteilt: «Das Gelände will immer in seine ursprüngliche Form zurück.»

Der Anwohner findet es besorgniserregend, dass das Terrain um bis zu drei Meter aufgeschüttet werden soll. Rötheli hat sich dazu erkundigt: Laut Bauverordnung des Kantons Solothurn darf eine Aufschüttung an Hanglage 1,5 Meter nicht überschreiten.

Beliebter Schlittelhang

Nicht zuletzt handle es sich beim Rotenhof-Hang um einen beliebten Schlittelhang, den einzigen in der Nähe der Schulen und des Dorfkerns. «Im oberen Teil könnte man weiterhin schlitteln, wenn auch bei weitem nicht mehr über eine so lange und attraktive Strecke wie bisher», erklärt Rötheli.

Mit dem starken Gefälle im unteren Bereich in Richtung der geplanten Wasserfassung steige zudem die Unfallgefahr. Die Schlittenfahrt könne abrupt an einer Gartenmauer enden. Die Zerstörung des natürlichen Schlittelhanges würden nicht nur die Kinder bedauern, ist sich André Rötheli sicher.

Der Katalog der Kritikpunkte ist lang. Doch der Schönenwerder ist nicht der Einzige im Quartier, der mit der Aufschüttung nicht einverstanden ist. «Wir haben uns in der Nachbarschaft untereinander abgesprochen», sagt Rötheli.

Er will gegen das Bauvorhaben Einsprache erheben und wird damit wohl nicht alleine sein. «Ich möchte nicht unnötig Probleme verursachen», betont er. «Aber ich finde, es muss alles rechtmässig geprüft werden.» Die Massnahme müsste zum Beispiel aus landwirtschaftlicher Sicht zwingend notwendig sein. «Das ist sie nicht, es ging bisher auch so.»

Für Gemeinde eine Verbesserung

Bauherrin ist die Einwohnergemeinde Schönenwerd. Gemeindepräsident Peter Hodel kennt die Argumente der Gegner und versucht diese zu entkräften. Zunächst ende die Böschung ja nicht direkt vor den angrenzenden Liegenschaften, sondern laufe etwa drei bis vier Meter vorher flach aus. Das Material zur Aufschüttung bestehe zudem nicht etwa nur aus losem Gestein, sondern werde sich in verdichteter Form nahtlos in das Terrain einfügen.

Auch was den neuen Bachverlauf betrifft, hat Hodel keine Bedenken. Dieser führe zwar nach dem Eingriff näher an den angrenzenden Liegenschaften vorbei, jedoch auf tieferem Niveau als bisher. «Das Wasser kann unmöglich die Häuser erreichen», sagt er und verweist auf den geplanten Verlauf: Der Bach tritt nach der Aufschüttung am gleichen Punkt wie bisher aus dem Wald und fliesst danach auf gerader Linie zur Wasserfassung – ohne die Windungen des heutigen Verlaufs. «Aus meiner Sicht ist das eine Verbesserung», sagt Hodel.

Aussprache ohne Wirkung

Natürlich könne auf dem Hang auch weiterhin geschlittelt werden, so der Gemeindepräsident. Was wegfalle, sei die kleine Krete im unteren Teil des Geländes. «Dann muss man halt eine Schanze aus Schnee bauen», findet er. Sicher werde die Veränderung im Gelände sichtbar sein. «Mit der Zeit wird man sich aber daran gewöhnen», ist sich Hodel sicher.

Der Gemeindepräsident hat Verständnis für die Sorgen der Liegenschaftsbesitzer. Im direkten Gespräch hat er versucht, ihre Bedenken zu zerstreuen. Gelungen ist das nicht ganz. Peter Hodel hat aber auch Vertrauen in die Bauleitung und die Fachleute vom Kanton, die das Projekt begleiten. «Die Verantwortlichen machen das ja nicht zum ersten Mal.»

Gemeindepräsident ist Pächter

Peter Hodel kennt den Hang am Rotenhof gut. Er betreibt darauf Landwirtschaft. Die Frage nach einem Interessenkonflikt drängt sich auf. «Ich habe dort bisher maschinell gearbeitet und werde das nachher genauso tun. Für mich ergibt sich nicht der geringste Vorteil» betont er.

Zudem sei die Idee zur Aufschüttung am Rotenhof-Hang von der Firma Marti aus gekommen, die im Auftrag der SBB den Eppenbergtunnel bohrt. Aus der Aufschüttung könne er als Pächter ohnehin keinen persönlichen Nutzen ziehen. Profitieren würden hingegen die Bewohner von Schönenwerd, indem weniger Lastwagen mit Ausbruchmaterial aus dem Schachtbau durch das Dorf fahren.

Auf der Einwohnergemeinde wartet man nun zunächst die Einsprachefrist ab. Diese endet am kommenden Donnerstag.