«Weder Kurt Bieber noch ich hatten das vorher je erlebt», sagt Dominik Frauchiger. Für ihn, den 32-jährigen Ressortleiter Wasserwerke, der seit sechs Jahren im Gemeinderat ist, will das vielleicht noch nicht so viel heissen. Aber Kurt Bieber (67) ist schon seit 44 Jahren mit dem Stüsslinger Wasser verbunden: Von 1973 bis 1977 war er erstmals Mitglied der Wasserkommission, von 1987 bis 1995 als Gemeinderat fürs Wasser zuständig. Jetzt ist er seit 2001 Präsident der Stüsslinger Wasserkommission.

Im letzten Spätherbst sahen sich Bieber und Frauchiger mit einer bakteriellen Verschmutzung in der Stüsslinger Wasserversorgung konfrontiert. Am 25. November – es war just der Abend mit der Turnerunterhaltung, einem der grössten Dorfanlässe im Jahreslauf – mussten sie an einer Krisensitzung das Notfallkonzept in Kraft setzen.

Zum Schutz der Gesundheit wurden die Haushalte und Geschäfte zum Abkochen des Trinkwassers aufgefordert. Es folgten drei hektische Wochen, bis am 15. Dezember die Abkochvorschrift wieder aufgehoben werden konnte. 

Es klingt immer noch Erleichterung mit, wenn Kurt Bieber heute erklärt: «Seit dem 12. Dezember sind alle Proben negativ, es gibt keinen Befund einer Verschmutzung mehr.» Vom 8. Dezember an war das Trinkwasser chloriert worden. Die Dosierung konnte danach zurückgefahren werden, und seit dem 22. Dezember trinken die Stüsslinger wieder unchloriertes Quellwasser.

Für die fünfköpfige Wasserkommission der Gemeinde, den Brunnenmeister und seinen Stellvertreter ist damit Entspannung eingetreten, ebenso für den Ressortleiter im Gemeinderat. Dies auch deshalb, weil ihnen aus der Bevölkerung keine Fälle von anhaltenden gesundheitlichen Folgen der Verschmutzung bekannt sind.

«Konstruktiv und verständnisvoll»

«Die Stüsslinger Bevölkerung schätzt und unterstützt die Anstrengungen der Behörden», zieht Kurt Bieber eine positive Bilanz. «Es gibt noch ein Miteinander in unserer Gemeinde.» Die Reaktionen seien konstruktiv und verständnisvoll ausgefallen. «Mit einzelnen Einwohnern haben wir etwas länger gesprochen, und die eine oder andere fachliche Frage mussten wir direkt an die Kantonale Lebensmittelkontrolle weiterleiten.» Überhaupt, anerkennt Bieber, sei die Gemeinde vom Kanton sehr gut und konstruktiv unterstützt worden – «und zwar in einer Sprache, die wir auch verstehen konnten». Auch mit der Gemeindeverwaltung sei die Zusammenarbeit in den Krisenwochen sehr gut gewesen.

Die Wasserkommission erhielt viele Anfragen per Telefon und Mail, zuerst zum Abkochen, nach Aufhebung der Massnahme dann zur Spülung der Filter und Endstücke im Haushalt. Wenn nötig, ging Kurt Bieber persönlich vorbei und zeigte, wie’s geht.

Vorschläge zur Alarmierung

Ein grosses Thema im Dorf war die Alarmierung. Für die Bekanntmachung der Notmassnahmen hatte die Wasserkommission folgende Mittel eingesetzt:

  • Aufschaltung auf der Gemeinde-Homepage www.stuesslingen.ch;
  • Aushang in den zwei Gemeinde-Anschlagskasten;
  • Druck eines Flugblatts und Verteilung durch die Wächterin an alle Haushaltungen, was in etwa 4 bis 5 Stunden geschafft war;
  • Persönliche Information ausgewählter Punkte mit Publikumsverkehr: Dorfladen, Restaurant Kreuz, Golfclub-Restaurant, Bäckerei Landbeck.

Vom Einsatz eines Lautsprecherwagens der Kantonspolizei wurde abgesehen: «Wer nicht daheim war, hätte es so auch nicht mitbekommen», erklärt Frauchiger.

«Es gab nur eine Rückmeldung, es habe sich kein Flugblatt im Briefkasten befunden», berichtet Kurt Bieber. Zu dieser guten Bilanz habe die Nachbarschaftshilfe beigetragen: «Die Leute wissen zum Teil genau, wie sich ihre Nachbarn verhalten, ob sie zum Beispiel den Briefkasten nicht so rasch leeren.» In solchen Fällen hätten Nachbarn selber für die Mitteilung gesorgt.

Allerdings bemerkten einzelne Bewohner das am Freitagabend verteilte Flugblatt erst am Montag. Deshalb sei häufig der Vorschlag gemacht worden, zukünftig bei der Verteilung des Flugblatts an der Haustür zu läuten oder den Zettel nicht ganz in den Briefkasten hinein zu legen, sodass er sichtbar herausschaue.

Notfallkonzept wird verfeinert

«Wir sind daran, unser Notfallkonzept zu verfeinern und anzupassen», verspricht Bieber. Nicht nur bei der Alarmierung: Angepasst wird auch die Anweisung zur Spülung der Hydranten, die Qualitätssicherung, die Stellen, wo Wasserproben entnommen werden. Künftig werden an weniger Standorten Proben genommen, dafür öfter im Jahr. Auch die Traktandenliste für die Notfallsitzung wird überarbeitet. 

«Was machbar ist, machen wir. Wir sind keine Dorfkönige.» Dominik Frauchiger, der auch Gemeindevizepräsident ist, ergänzt: «Es ist wichtig, dass wir ein offenes Ohr für die Bürger haben. Die Trinkwasserverschmutzung war für alle unangenehm. Der Gemeinderat muss in einem solchen Fall hinstehen und sich der Bevölkerung stellen.»

Doch eines bleibt unbefriedigend: Die genaue Herkunft der Verschmutzung – der Herd oder das Nest – konnte bisher nicht gefunden werden: «Eine grosse Unbekannte bleibt», sagt Bieber. Sicher ist, dass es ein internes Problem der Stüsslinger Wasserversorgung war und dass die Verschmutzung nicht aus dem von Niedergösgen bezogenen Grundwasser stammte.

120-jähriges Reservoir wird ersetzt

Priorität hat für Frauchiger und Bieber jetzt der Ersatz des mehr als 120-jährigen Reservoirs Ängi. Die Kredite für den Neubau und für die Anlage einer neuen Leitung von der Hauptstrasse 72 bis zum Reservoir hat die Gemeindeversammlung schon im April 2015 bewilligt. «Das Baugesuch wird in den nächsten vier bis fünf Wochen aufgelegt», kündigt Bieber an.

Der Spatenstich soll im Sommer erfolgen, die Bauzeit wird anderthalb bis zwei Jahre dauern. Das neue Reservoir in Betrieb zu nehmen, bezeichnet Kurt Bieber als sein letztes Ziel, wenn er dieses Jahr seine fünfte und letzte Amtsperiode als Präsident der Wasserkommission antritt.