Spurensuche
Unterwegs mit Schirm, Charme und Hut

In den Flurnamen von Olten-Gösgen und Thal-Gäu sind immer mal wieder auch Kleiderbezeichnungen zu finden. Wie kam es dazu?

Beatrice Hofmann-Wiggenhauser
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Der Jeppensack in Mahren (Gemeinde Lostorf) ist wohl nach der Grundstücksform benannt worden: Das Wort bezeichnet eine Tasche an einem Frauenrock (Juppe oder Joppe).

Der Jeppensack in Mahren (Gemeinde Lostorf) ist wohl nach der Grundstücksform benannt worden: Das Wort bezeichnet eine Tasche an einem Frauenrock (Juppe oder Joppe).

Remo Fröhlicher

Händsche, Schirm, Juppe und Huet – Kleider machen Leute, das wusste schon Gottfried Keller. Aber ob dies auch auf die Flurnamen zutrifft?

In Mahren an der Grenze zu Winznau liegt in einer engen Mulde die Flur Jeppensack. Das Bestimmungswort Jeppen ist zum Mundartwort Joppe, Juppe oder Jüppe zu stellen. Darunter wird ein eng anliegendes Kleidungsstück verstanden, der früher viel getragene, typische Frauenrock, also ein Jupe.

Der Jeppensack bezeichnet also eine Tasche an einer Juppe. Diese Flur in Lostorf ist wohl nach der Grundstücksform so benannt worden. Das Kleidungsstück hat gleich noch der danebenliegenden Strasse zu ihrem Namen verholfen – der Jeppensackstrasse.
In einen Jeppensack passt auch eine Handvoll Knöpfe.

In Aedermannsdorf ist von 1731 bis 1772 eine Chnöpflimatt belegt, die vermutlich auf den Familiennamen Chnöpfli zurückgeht. Auch in Laupersdorf ist seit 1840 die Knöpflersweid belegt, die sich heute im Gebiet Änerholz befindet. Auch sie geht wohl auf einen Familiennamen, nämlich Knöpfler, zurück.

In Laupersdorf treffen wir noch auf ein weiteres Kleidungsstück – den Lädertschopen, der sich südlich der Knöpflersweid befindet. Dieser Name wird erstmals 1833 in den Inventaren und Teilungen der Herrschaft Falkenstein-Bechburg als Lädertschopenhöfli erwähnt. Im Grundbuch 1840 ist der Name als Lädertschopp überliefert und 1871 erscheint erstmals der heutige Name Ledertschopen.

Dieser Name hat wahrscheinlich nichts mit einem Tschopen, also einer Jacke, einem Kittel aus Leder zu tun, sondern könnte in direktem Zusammenhang mit der Geschichte der Tonwarenherstellung im Thal stehen. Nebst Bohnerz wurde im Thal auch Huppererde gewonnen. 1798 gründete Ludwig von Roll, der spätere Pionier der Solothurner Eisenindustrie, die Fayencemanufaktur Matzendorf.

Im Thal entdeckte er Bohnerz, Huppererde, Schwefelkies und Boluserde. Die Huppererde eignete sich bestens für die Herstellung von Kochgeschirr. Gut möglich, dass hier eine ursprüngliche Form «Lättenschuppen» für einen Ort, an dem die Huppererde zu Lehm verarbeitet worden ist, vorliegt. Lätt ist ein Mundartwort für Lehm.

Ein Leintuch in Kappel

Nebst dem Tschopen finden wir in Oberbuchsiten einen Handschuh. Dieser ist 1824 als Händschebäumlishag belegt. Der Flurname kann entweder die Form eines Handschuhs haben oder aber auch auf die Häntscheblüemli, die mundartliche Ausdrucksweise für Lungenkraut, Schlüsselblume oder auch Wolfsblume genannt, hinweisen. Der Flurname ist heute nicht mehr bekannt – dafür ist das Leintuch beziehungsweise Betttuch in der Flurnamenlandschaft immer noch vertreten.

In Kappel ist 1826 der Leilachenacker oder Lilacheracker, wie die Namensform 1824 lautete, belegt. Bis heute überliefert ist der Leilacher, der sich östlich des Dorfes im Gebiet Hobelmatt am Mittelgäubach befindet. Der Name Leilach(en) ist zum schweizerdeutschen Wort Lilach(e) zu stellen und leitet sich vom althochdeutschen Wort «lilahhan» (auch lihlahhan oder linlahhan) ab, das Laken aus Leinen, Leinentuch bedeutet. In der Landschaft verweisen diese Flurnamen auf die geringe Grösse eines Grundstücks oder auf die rechtwinklige und somit «betttuchähnliche» Form eines Flurstücks.

Mit Schirm, Charme und Hut – tatsächlich finden wir sowohl den Schirm, also auch einen Hut in der Flurnamenlandschaft. In Mümliswil-Ramiswil finden wir östlich des Gassbergs einen Hof mit Umschwung, der 1741 bis 1799 als Schirmboden in den Urkunden verzeichnet ist. Ab 1840 ist dann der heutige Name Schinboden überliefert. Regnete es dort besonders oft? Der Erstbeleg kann das Rätsel lösen – 1598 steht im Aktenprotokoll Balsthal der Herrschaft Falkenstein-Bechburg «Schirmisboden».

Der ursprüngliche Name Schirmisboden wurde also zu Schirmiboden, Schirmboden und schliesslich zu Schinboden verändert. Der Name hat jedoch nichts mit Regenwetter zu tun, sondern geht auf den mittelhochdeutschen Familiennamen Schirmer zurück. Der Kurzname Schirmi zeigt also ein Besitzerverhältnis an und geht wiederum auf das mittelhochdeutsche Wort schirmaere, schirmen, das schützen oder verteidigen bedeutet, zurück.

Fehlanzeige bei den Hüten

Auch mit viel Charme können wir hier leider keinen Schirm nachweisen – aber vielleicht klappt es ja beim Hutacker in Niederbuchsiten. Dieser befindet sich an der Gemeindegrenze zu Kestenholz. Auch hier hat der Name nichts mit der Kopfbedeckung zu tun, sondern geht auf das schweizerdeutsche Wort Huet zurück, das Obhut, Wachtplatz, Hüterdienst eines Hirten, Schutz, Aufsicht bedeutet.

Huet-Namen verweisen somit auf Landstücke, die unter Aufsicht eines Feldhüters gestellt waren beziehungsweise auf beaufsichtigte und geschützte Fluren.
Wer nun von den Kleidungsstücken genug hat, kann diese alle in den «Chaschte» in Balsthal packen. Dieser befindet sich auf einem Plateau auf der Anhöhe im Gebiet Haulen. Damit könnte ein schroffer Felsen oder «schrankförmiges» Gelände gemeint sein.

Wahrscheinlicher ist aber, dass dieses Gebiet im Besitz einer Kastvogtei war. In diesem Fall käme die Zugehörigkeit zu einem Kloster in Frage, allenfalls auch ein Besitz der Grafen von Thierstein oder später der Stadt Solothurn.

In Lostorf finden wir den ähnlich lautenden Namen Chastel. Das Wort stammt aus der lateinischen Sprache (castellum) und bedeutet Festung. In Flurnamen verweist das Wort auf heute verschwundene befestigte Gebäude, insbesondere aus der Römerzeit. Tatsächlich gibt es im Gebiet Chastel in Lostorf römische Funde bzw. eine prähistorische Wehranlage.

Mit nur gerade einem Jeppensack und einem Leilachen können die Amteien Olten-Gösgen und Thal-Gäu also in Sachen Garderobe nicht gross auftrumpfen. Ihrem Charme kann aber auch eine ärmliche Bekleidung nichts anhaben.

Dr. des. Beatrice Hofmann- Wiggenhauser ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch in Olten. E-Mail: info@namenbuch-solothurn.ch

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