Amazoonico
Trotz Skorpion-Stich und Schlangen-Angriff: Wie ich Tieren mitten im Urwald half

Sieben Monate verbrachte Gabriela Strähl nach ihrer Matur in dem südamerikanischen Land. Sie engagierte sich als Freiwillige in einer Tierauffangstation im Regenwald. Hier erzählt sie von ihren Erlebnissen.

Gabriela Strähl
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Keine Angst vor spitzigen Schnäbeln: Gabriela Strähl füttert einen Blauflügelara und einen Amazonaspapagei mit allerlei tropischen Früchten.

Keine Angst vor spitzigen Schnäbeln: Gabriela Strähl füttert einen Blauflügelara und einen Amazonaspapagei mit allerlei tropischen Früchten.

ZVG

Mein halbjähriger Aufenthalt im Regenwald in Ecuador begann mit einem schmerzhaften Skorpionstich. Nach einem Bad im Fluss gehe ich in die Dusche. Anschliessend nehme ich das Oberteil meines Bikinis, das ich auf den Boden gelegt habe, und befreie es im Waschbecken vom Sand. Und schon passiert es: Ein gut fünf Zentimeter langer Skorpion sticht mich aus der Deckung des Oberteils in meinen Finger. Gleissender Schmerz und sofortiges Anschwellen. Erst entzündungshemmende Tabletten verschaffen Linderung.

Dies kann passieren, wenn man als Volontär im Amazoonico arbeitet, einer Tierauffangstation in Ecuadors Regenwald. Der Amazoonico nimmt vom Schwarzmarkt beschlagnahmte Tiere wie Affen, Vögel und Raubkatzen auf und versucht, sie im 1750 Hektaren umfassenden Schutzwald des Dachprojekts Selva Viva wieder auszuwildern. Gegründet wurde das Projekt von der Schweizerin Angelika Raimann und dem Kichwa-Indio Remigio Canelos. Nebst Schutzwald und Tierstation zählen auch zwei Öko-Lodges für Touristen sowie eine Schule für die Kichwa-Kinder zum Projekt. Heute leiten zwei ehemalige Volontärinnen die Tierstation, eine Tierärztin ist ebenfalls fester Bestandteil. Zwischen 5 und 15 Volontäre sind täglich damit beschäftigt, die Gehege zu putzen, die rund 150 Tiere zu füttern und die Besucher durch das Zentrum zu führen. Dazu gehört auch, dass von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang gearbeitet wird und für einen Internetanschluss eine zweistündige Reise mit Kanu und Bus in Kauf genommen werden muss.

Skorpione sind nicht die einzigen gefährlichen Tiere im ecuadorianischen Urwald. Die Giftschlange Equis ist noch gefährlicher: Sieben Stunden nach dem Biss ist ihr Gift ohne Gegenmittel tödlich. Bekanntschaft mit der Schlange machte ich, als ich einen Einheimischen und eine Schweizerin durch die Station führte. Die Giftschlange greift aus dem Unterholz am Wegrand die Schweizerin an, die gerade rechtzeitig ihren Arm wegzieht. «Das ist eine Equis», sagt der Einheimische. Ich reiche ihm meinen Stock. Mit einem gezielten Schlag auf den Kopf tötet er sie. Anschliessend vergrabe ich die Schlange, um zu verhindern, dass ein herumlaufendes Tier sie frisst und daran stirbt.

Doch mit der Angst, einer solchen Schlange zu begegnen, kann ich gut leben. Ebenso mit den Riesenheuschrecken, den Fröschen und den Taranteln, die sich in unserem Badezimmer ausbreiten. Mühe bereiten mir vor allem die Kakerlakeninvasionen in der Küche. Sind diese Tiere eher ungewollt, kümmere ich mich immer gerne um diejenigen, die in der Station ein neues Zuhause finden.

Aus dem illegalen Handel sind die meisten der Tiere im Amazoonico beschlagnahmt worden. Oft wurden sie zuvor als Haustiere oder Touristenattraktionen gehalten und kommen in schlechtem Zustand in der Station an. Viele überleben die ersten Tage nicht. Unter denjenigen, die überleben, können die meisten nicht ausgewildert werden, da sie zu stark an Menschen gewöhnt sind und eine leichte Beute für Jäger wären. Noch immer ist erschreckend, wie viele Tiere gejagt werden, um sie als Haustiere zu verkaufen sowie als Fleisch, Fell oder Federn zu verwenden. Diese Tiere sieht der Besucher auf der einstündigen Führung durch die Station. Einige sind in Käfigen abseits der Touristenwege, um den Kontakt mit Menschen zu vermeiden, da sie ausgewildert werden sollen.

Und dann gibt es Tiere, die sich völlig frei in der Station bewegen, zum Beispiel rund 30 Totenkopfäffchen und 10 Klammeraffen. Letztere sind einer der grössten Erfolge der Station, pflanzen sich doch die vor Jahren ausgewilderten Klammeraffen nun in Freiheit fort. Sie werden zugefüttert, weil sie im Wald nicht genügend Nahrung finden konnten. Die Klammeraffen täglich aus der Nähe zu beobachten, liess mich mehr als einmal die Arbeit für einige Augenblicke vergessen. Dass sie von Zeit zu Zeit in die Küche einbrachen oder nachts auf unserem Dach Bowling mit Steinen spielten und uns nicht schlafen liessen, konnte ich ihnen nicht übel nehmen.

Doch es gibt auch traurige Geschichten von flugunfähigen Vögeln, in kleinen Käfigen in Häusern gehaltenen Grossraubkatzen und lungenkrebskranken Affen, die Haustiere eines Rauchers waren. Manche Besucher zeigen sich ehrlich entsetzt über die Geschichten, die meisten interessieren sich aber ausschliesslich für schöne Erinnerungsfotos. Beispielsweise bat mich einmal eine deutsche Touristin, ich solle die Geschichten der Tiere weglassen. «Solche traurigen Sachen will ich nicht hören, ich bin in den Ferien.»

Wichtig ist aber, dass die Besucher die Regel des Zentrums akzeptieren, die jeglichen Kontakt zwischen Mensch und Tier ausschliesst. Den Tieren in den Käfigen soll ein möglichst natürliches Leben ermöglicht werden, das allerdings verloren geht, wenn sie sich zu stark für Menschen und zu wenig für die eigene Spezies interessieren. Die Chancen für eine Auswilderung sinken. Bei den wilden Klammeraffen ist dies besonders wichtig, da es gefährlich werden kann, wenn sie sich für Menschen interessieren. Zum Beispiel könnte ein wilder Affe einen Touristen anspringen. Klammeraffen sind relativ gross und wiegen bis zu zehn Kilo. Wenn der Besucher in Panik gerät und schreit, springt dies auf den Affen über, der dann zubeissen könnte. Dieses Interesse und das Verhalten wieder abzutrainieren, ist sehr schwierig. Es ist möglich, dass der Affe deshalb, obwohl vielleicht in Freiheit geboren, langfristig eingesperrt werden muss.

Zwei Schweizer wollten mir das nicht glauben. Sie nähern sich Lola an, dem Teenager unter den Klammeraffen, die sich bereits viel zu stark für Menschen interessiert. Sie wollen partout nicht weitergehen, sondern noch Fotos schiessen und Lola mit Worten anlocken. Erst als ich ungehalten werde, folgen sie mir widerwillig, nicht ohne sich noch mal nach ihr umzudrehen. Nun renne ich mit einem Stock auf Lola zu, als würde ich sie schlagen wollen, damit sie sich aus dem Staub macht. Nicht, weil ich den Affen schlagen will. Sondern um zu vermeiden, dass sie zu den Menschen Vertrauen fasst und dadurch ihre Freiheit verspielt.