Stüsslingen

Trinkwasser seit eineinhalb Wochen verunreinigt – Einwohner werden ungeduldig

In Stüsslingen hat es noch keine Entwarnung gegeben: Das Wasser ist nach wie vor verunreinigt und muss seit eineinhalb Wochen abgekocht werden. Kritik gibts von den Einwohnern: Die Stüsslinger erwarten von der Gemeinde eine bessere Informationspolitik.

Die Stimmung in Stüsslingen schwankt derzeit zwischen schicksalsergeben und ironisch-heiter – je nachdem, wen man fragt. Laut letzten Informationen ist das Trinkwasser im Dorf immer noch verschmutzt.

Am 25. November informierte die Gemeinde die Bevölkerung, dass das Wasser im Dorf verunreinigt sei. Ab sofort sei das Wasser zum Trinken, für die Mundhygiene, für die Nahrungsmittelzubereitung und für die Reinigung von Küchengeräten abzukochen.

Die Ursache, obschon bereits vorher bekannt, wurde vonseiten der Gemeinde erst am 2. Dezember genannt: Fäkalbakterien.

Im Dorfladen

Am Dienstagmorgen um neun vor dem Dorfladen stehen die 6er-Packs Mineralwasser im Regal. Filialleiterin Katharina Strähl bestätigt, dass mehr Mineralwasser über den Ladentisch geht: «Zwischen sechs und zehn Pack verkaufe ich täglich.»

Das Wasser, das sie zum Reinigen der Aufschnittmaschine und weiterer Geräte brauche, koche sie laufend ab. Ihren Kaffee bereite sie mit Mineralwasser vor, zum Zähneputzen gebrauche sie das Wasser aber direkt ab Hahn. «In den Ferien im Ausland hat man ja jeweils auch nicht besseres Wasser», meint sie achselzuckend.

Judith Hauri bezahlt ihren Einkauf, Wasser hat sie aber keines im Einkaufskorb. «Ich habe noch zehn oder zwölf Liter zu Hause», sagt die 68-jährige lachend. Das Wasser koche sie zuweilen ab. «Aber manchmal lasse ich auch welches raus und trinke es einfach», sagt sie.

So tragisch sieht sie die Sache nicht – man gewöhne sich eben dran. Der Gemeinde möchte sie keine Vorhalte machen, aber etwas stört sie schon: «Ich will einfach wissen, woran es liegt. Man sollte offenlegen, was los ist.»

Hinter dem Haus ist Heinz Flury dabei, leere PET-Flaschen in die Sammelstelle zu werfen. Darunter viele Wasserflaschen. «Ich nehme Mineralwasser zum Suppe- und Teekochen, zum Zähneputzen und zum Geschirrspülen», sagt der 64-Jährige. Sogar für die Suppe? Er nickt.

Das verunreinigte Wasser sei ihm suspekt, auch wenn die Bakterien durch Abkochen abgetötet würden. Seit zwei Wochen habe er das Gefühl, er habe einen komischen Magen, sagt er. Das könne aber auch am Wetter liegen. Er findet die derzeitige Situation sehr ungewöhnlich für Schweizer Verhältnisse.

«Eigentlich müsste es eine Lösung geben, und das sehr bald», findet er. Und sollte das nicht der Fall sein? «Man hat nicht gross eine Alternative.» Er klingt resigniert. «Das ist das Unangenehme daran, man kann keinen Einfluss nehmen.»

Beim Beck

Ein paar Häuser weiter, beim Dorfbeck. Der Bäcker, der seit halb zwölf Uhr in der Nacht Grittibänzen hergestellt hat, ist bereits im Bett. Konditorei-Lehrling Dominic Kunz macht sich auch gerade auf den Heimweg. «Wenn wir von Hand abwaschen, desinfizieren wir danach alles mit einem Mittel», erzählt der 16-Jährige.

Grosse Einschränkungen verursache das verunreinigte Wasser nicht. «Wir machen eine kalte Laugenbutter, wo Wasser reinkommt. Dafür kauft der Chef Mineralwasser.» Und das Wähenblech, das nach dem Durchlauf in der Geschirrspülmaschine noch mit einem feuchten Lappen gesäubert wurde, werde jetzt einfach schon vor dem Spülen gereinigt. Sonst: «Alles wie gehabt.»

Bäckerei-Verkäuferin Monika Frey wohnt in Erlinsbach SO. Keine der verkauften Backwaren würden kalt angerührt, alles sei gekocht, lässt sie wissen. «Nur für meinen Kaffee nehme ich Leitungswasser aus Erlinsbach zur Arbeit mit», meint sie gut gelaunt.

Was sie aber schon mitkriege: Die Leute im Dorf würden langsam ungeduldig ob der Wasser-Abkocherei. Einwohnerin Esther Blokzijl bestätigt diese Einschätzung. «Weil das Wasser fünf Minuten abgekocht werden muss, reicht der Wasserkocher nicht aus, weil der vorher abstellt», machte die Mutter von drei Kleinkindern die Erfahrung.

Sie koche pro Tag mehrmals eine Pfanne Wasser auf. Zum Trinken kauft die fünfköpfige Familie Wasserflaschen, alles andere sei zu aufwendig, so Blokzijl.

Im Restaurant Kreuz

Einen Abstecher ins Restaurant Kreuz. Es ist 10 Uhr morgens und der Stammtisch bereits voll besetzt. Neun Herren um die 70 trinken hier ihre Stange, ihr Gläslein Rotwein oder ihr Mineral. Sie sind aus Nieder- und Obergösgen, Däniken, Stüsslingen.

Der Stüsslinger, er möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, fühlt sich durch die Umstände nicht eingeschränkt. «Ich führe einen kleinen Haushalt, das macht mir nicht viel aus.» Er kaufe einfach Mineral.

Was hingegen auch ihn beschäftigt: «Ich würde gerne wissen, woher die Verschmutzung kommt.» Er sei enttäuscht gewesen, wie von der Gemeinde informiert worden sei. Man habe anfangs um den heissen Brei herum geredet.

Die «Kreuz»-Chefin habe gerade keine Zeit, gibt Service-Angestellte Silvia Leuzinger zu verstehen. Soweit sie das mitbekomme, sei der Mehraufwand in der Küche erheblich. Am Abend vorher oder morgens früh werde Wasser abgekocht.

«Das brauchen wir für alles, was gewaschen werden muss, Salat zum Beispiel», erklärt sie. Auch auf der Toilette stehe neuerdings ein Hand-Desinfektionsmittel. Und auch ihr fehle es an weiteren Informationen, sagt sie.

Das letzte Wort kommt vom Stammtisch: «Wer verstopft ist, muss Stüsslinger Wasser trinken – das putzt durch!» , ruft Ruedi Siegrist in die Runde. Der 68-Jährige hat gut spassen – er ist Däniker.

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