Kolumne

Systemrelevant

Die Postboten sind im Kleinen und auch im Grossen systemrelevant. (Symbolbild)

Die Postboten sind im Kleinen und auch im Grossen systemrelevant. (Symbolbild)

Er hatte braun gewelltes Haar unter der blaugrauen, gefütterten Mütze. Zumindest im Winter. Man erkannte ihn aber am gelben Töffli mit Gepäckauflage hinten und manchmal mit Anhänger. Wobei nur erkennen untertrieben ist, nein man hörte und roch das Töffli von weitem.

Anfahren, kurz fahren, anhalten, wieder anfahren, wieder halten und so weiter durchs ganze Quartier. Er hiess «Herr Süüberli» und brachte meist früh am Morgen die Post. Meistens er. Ob er je von jemandem vertreten wurde oder ob er mal ferien- oder krankheitshalber abwesend war, was er ganz sicher hin und wieder war, entzieht sich meiner Erinnerung an den «Pöstler» meiner Kindheit.

Zu Weihnachten oder aufs Jahresende war es Brauch, dass man ihm eine gute Flasche Wein und ein Trinkgeld überreichte und sich gegenseitig alles Gute wünschte. Nicht nur zu Weihnachten unterhielt man sich ab und zu und fragte nach, wie es einem wohl gehe. Das mit dem Trinkgeld war selbstverständlich, auch der Milchmann, der damals noch Rohmilch und andere Milchprodukte brachte, freute sich immer über die Geste. Es ging um Wertschätzung und eben auch um Systemrelevanz.

Damals auch schon. Denn wer hätte die tägliche Briefpost und die Pakete ausgeliefert? Die Express-Paketlieferdienste gab es noch nicht. Nur kannte hier niemand das aus dem Englischen stammende Wort. Seit März dieses Jahres ist das Wort wie Pandemie, Maskentragepflicht, Desinfektionsmittel eines der Schlagwörter. Für systemrelevante Berufe wird sogar geklatscht.

Die Logistiker Postzustellung von heute sind leise, ihre Gefährte sind umweltfreundlich und meist vorne, hinten und auf dem Anhänger schwer beladen. In unserem Quartier kommen sie um den Mittag. Dies, obwohl sie ihre Schichten zwischen morgens um fünf bis sechs Uhr beginnen und sie teilweise bis 18 Uhr abends unterwegs sind oder bei der Paketzustellung mithelfen.

Lange Tage, bei Wind und Wetter draussen. Die unverkennbar gelben Kleintransporter fahren zusätzlich täglich mehrmals und bis spät abends durch, weil sie Pakete ausliefern müssen. Zu Beginn des Lockdowns mussten wir die Kinder ermahnen, Abstand zu halten. Noch hatten sie nicht verstanden, was Social Distancing heisst. Als sie realisierten, dass das auch bedeutet, dass sie ihre Freunde aus Kindergarten und Schule gerade nicht treffen dürfen, die Grosseltern auch nicht besuchen können, kam den Frauen und Männern, welche die Post brachten, plötzlich eine grosse Bedeutung zu.

Zunächst warteten die Kinder am Fenster, bis der Elektroroller angefahren kam. Tage später getrauten sie sich bis zum Briefkasten. Der «Pöstler» wusste nicht recht wie reagieren. Er sagte ihnen dann, er lege die Post fortan auf den Briefkasten, da man ja auf den Abstand achten solle. Bei einem nächsten Mal fragten sie ihn im Chor, wann denn endlich ihr (abonniertes) Heftchen käme. Er verstand sofort und sagte, es tue ihm leid, er wisse nicht, wann die Heftli kämen, und was es denn für welche seien, damit er sie dann erkenne. So warteten sie jeden Mittag auf den «Pöstler». Auch die andern diensthabenden Postzusteller und -innen wurden gefragt, immer in sicherer Distanz zum Briefkasten.

Eines Tages, Ende April läutete der Postbote. «Ist das eines der Heftli, auf welches ihr wartet?» Die kindliche Freude war gross und der «Pöstler» schien sich fast noch mehr zu freuen. Seither plaudern die Postangestellten immer wieder mal mit unseren Kindern und freuen sich mit ihnen, wenn sie von Zeit zu Zeit ein an sie adressiertes Heft oder Paket persönlich ausliefern dürfen. Sie waren für uns im Kleinen systemrelevant und sind es auch im Grossen. Vielleicht sollten wir ihnen wieder ein kleines Geschenk machen zum Jahresende und mit ihnen ein paar nette Worte wechseln, anstatt uns nur über die späte Zustellung zu nerven.

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