Niederamt
Stromausfall von letzter Woche ist schuld am verschmutzten Trinkwasser

Die Trinkwasserverschmutzung in drei Niederämter Gemeinden soll etwas mit dem Stromausfall von letzter Woche und Umstellungsarbeiten der Swisscom im Telefoniebereich zu tun haben. In der Bevölkerung herrscht teilweise Verunsicherung.

Myriam Sperisen
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Die ARA in Winznau am Dienstagvormittag. Weil der Alarm am letzten Mittwochabend hier nicht funktionierte, kam es zur Wasserverschmutzung.

Die ARA in Winznau am Dienstagvormittag. Weil der Alarm am letzten Mittwochabend hier nicht funktionierte, kam es zur Wasserverschmutzung.

Markus Müller OT

Der Stromausfall im Niederamt vom vergangenen Mittwochabend ist schuld an der Trinkwasserverschmutzung. Edi Baumgartner, Präsident des zuständigen Zweckverbandes Abwasserregion Olten (ZAO), bestätigt gegenüber dieser Zeitung: «Seither floss dank Regenfällen stark verdünntes Abwasser von der Abwasserreinigungsanlage (ARA) Winznau in die Alte Aare und vermischte sich dort mit dem Aarewasser.»

Möglich sei, dass das verschmutzte Aarewasser in den Untergrund exfiltriert und in das Grundwasser und somit in die Trinkwasserfassung gelangte. Normalerweise ist man bei der ARA für solch ein Szenario gewappnet, so Baumgartner: «Innerhalb von 15 Minuten wäre der Pikettdienst vor Ort gewesen und hätte die Pumpen wieder in Betrieb gesetzt.» Es wäre nichts passiert, versichert Baumgartner. Doch am Mittwochabend lag wegen des Stromausfalls auch die gesamte Informatikanlage darnieder.

Folglich gab es gar keinen Alarm. «Das kann mit der Umstellung auf das digitale Telefoniesystem zusammen hängen», vermutet Baumgartner. Dies dürfe keinesfalls passieren, es sei «ein grosser Mangel«, fährt er fort. Man sei nun daran, das Alarmsystem zu überarbeiten, damit dies nicht mehr passiere. Bei der Swisscom wollte man sich am Dienstag zum aktuellen Fall nicht äussern, da dies «zu kurzfristig» sei. Jedenfalls rät Esther Hüsler vom Swisscom-Mediendienst: «Wir empfehlen, die Telefonie erst umzustellen, wenn alle spezifischen Alarmsysteme umgestellt und überprüft sind.» Generell würden sie den Kunden immer eine sogenannte Zweiweg-Lösung empfehlen, wie dies für Pflichtanlagen vorgeschrieben sei.

Information «zu spät»?

In der Bevölkerung herrscht teilweise Verunsicherung. So äusserte sich eine Bewohnerin von Obergösgen, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte: «Es ist schon ein unappetitliches Gefühl, wenn man bedenkt, kein sauberes Wasser im Haus zu haben. Man fühlt sich irgendwie schmutzig. Aber wir hoffen jetzt auf baldige Besserung.» Wütend äusserte sich indes Kantonsrat Walter Gurtner (SVP, Däniken) bei den Kommentaren zum Artikel auf der Homepage dieser Zeitung. «Es braucht jetzt eine Untersuchung», relativiert er inzwischen, und ergänzt: «Für mich ist es absolut unbegreiflich, wie so etwas passieren kann.» Er komme gerade vom Coiffeur in Däniken.

Zweckverband Abwasserregion Olten

Der Zweckverband Abwasserregion Olten (ZAO) ist für den Betrieb der ARA Winznau zuständig. Zu ihren Verbandsgemeinden gehören die Gemeinden Dulliken, Hägendorf, Hauenstein-Ifenthal, Kappel, Lostorf, Olten, Rickenbach, Rohr, Starrkirch-Wil, Stüsslingen, Trimbach, Wangen und Winznau. Wie der Website des Zweckverbandes zu entnehmen ist, wurde 2013 unter anderem das Zulaufpumpwerk saniert sowie ein neues Muldengebäude erstellt. Dies, weil der Zweckverband Kenntnis davon hatte, dass die Kapazität der ARA Winznau wegen verschärfter Vorschriften nicht mehr ausreichend gewesen war. Im amtlichen Bericht über den Zustand der Solothurner Gewässer von 2015 hiess es: «Einzelne Anlageteile der Kläranlage hatten die technische Lebensdauer erreicht oder überschritten.» Es hiess damals aber auch, dass die Anlage «dank Umbauten und Ergänzungen und dem konsequent durchgeführten Unterhalt in einem guten Zustand war. Inzwischen hat sich technisch eine Menge getan, so sind auch vier neue Bioreaktoren in Betrieb, es handelt sich dabei um Sequencing Batch Reactors (SBR). Laut Angaben, die dieser Zeitung vorliegen, sind die Bauarbeiten bei der ARA Winznau nächstens abgeschlossen. Die Wasserverschmutzung habe nichts mit den Bauarbeiten zu tun, so Leuenberger.

Dieser habe ihm aufgrund des Debakels nicht einmal Kaffee anbieten können: «Weil er sich trotz Wasser Abkochen Sorgen macht.» Gurtner bezeichnet die Gewässerverschmutzung genervt als «Riesensache, die einfach nicht passieren darf». Ein Leser, der sich als «Roger» vernehmen lässt, zeigt sich ebenfalls empört: «Wir erfahren erst jetzt, dass das Trinkwasser verschmutzt ist? Es gibt auch Aareschwimmer und Aarebesucher die es schön finden würden, wenn sie diese Info vorher erhalten hätten.» Aber so einfach ist es nicht, wie der Solothurner Kantonschemiker Martin Kohler vom Amt für Umwelt erklärt.

Er weist darauf hin, dass ein Wassertest mehrere Tage in Anspruch nimmt, bevor ein Resultat vorliegt: «Es gibt kein schnelleres Verfahren.» So seien die schlechten Werte bei von den Gemeinden im Rahmen der Selbstkontrolle vorgenommenen Laboruntersuchungen aufgefallen. Wegen der gesetzlichen Nulltoleranz bei Fäkalbakterien, müsse man bei einem entsprechenden Resultat unverzüglich handeln. Für den Kantonschemiker ist klar: «Die betroffenen Gemeinden haben rasch und professionell reagiert.»

Flugblatt per Feuerwehr

Sofort hatten die zuständigen Gemeindebehörden mithilfe des Kantons sowie der Feuerwehrkorps ein Flugblatt an die betroffene Bevölkerung verteilt. Versehen mit der Warnung: «Beobachten Sie sich, sollte innert 48 Stunden hohes Fieber, Durchfall und/oder Erbrechen auftreten, konsultieren Sie einen Arzt.»Eine kleine Umfrage bei Ärzten der Region brachte bis am Dienstag keinen akuten Fall zutage.

Walter Rhiner, Gemeindepräsident Dulliken, schrieb auch im Namen der Gemeinden Obergösgen und Lostorf in einem Communiqué: «Das Altersheim sowie Lebensmittelbetriebe wurden separat informiert», und: «Aufgrund der Massnahmen kann das Wasser leicht nach Chlor riechen. Wir werden die Bevölkerung auf den Websites der Gemeinde auf dem Laufenden halten.» In jeder der drei Gemeinden war sofort eine Hotline eingerichtet worden. In Lostorf ist Baukommissionspräsident Heinz Marti dafür zuständig und beantwortet die Fragen von besorgten Einwohnerinnen und Einwohnern. «Es werden eher allgemeine Fragen gestellt», so Marti.

Wie läuft es jetzt weiter?

Laut Kantonschemiker Kohler werden in jeder der drei Gemeinden laufend Proben genommen. Damit wird , wie er erklärt, die Wirksamkeit der getroffenen Massnahmen überprüft. Wichtig seien unter anderem die Notchlorierung und die Spülung der Leitungsnetze. Die Dosierung des Chlors wird laut Kohler so gewählt, dass es für die Konsumentinnen und Konsumenten keine Gefahr darstellt, jedoch die Fäkalbakterien abgetötet werden.

Die Reinigung der Leitungen und des Wassers werden laut Kohler noch mehrere Tage in Anspruch nehmen. Dem Solothurner Amt für Umwelt obliegt die Funktion der behördlichen Aufsicht. Es sind die Gemeinden, die zuständig sind für die Reinigung der Leitungen und die Verteilung des Wasserbezuges. Im Winter 2016 war es in Stüsslingen zu einer ähnlichen Verschmutzung gekommen. Nach der Notchlorierung waren die gefährlichen Bakterien beseitigt, und bei den zuständigen Verantwortlichen läpperten sich zahlreiche Überstunden zusammen. Die ARA hatte damals laut Leuenberger nichts mit dem Vorfall zu tun.

Kommentar von Beat Nützi

Wie in einem Katastrophenfilm

Wer hätte gedacht, dass die Trinkwasserverschmutzung in drei Niederämter Gemeinden etwas mit dem Stromunterbruch im Niederamt vor einer Woche zu tun haben könnte. Doch: Ein Unglück kommt selten allein.

Im Grunde genommen lief alles wie nach dem Drehbuch eines Katastrophenfilmes ab: Ein Stromausfall setzt eine wichtige Anlage ausser Kraft und wegen eines zufälligen Unterbruchs der Telefonleitung wird der Pikettdienst nicht alarmiert. Zum Glück handelt es sich beim Kettenereignis im Niederamt nicht um eine Katastrophe. Doch für die betroffene Bevölkerung ist unangenehm zu wissen, mit Fäkalien verseuchtes Wasser konsumiert oder etwa an kleine Kinder abgegeben zu haben. Schliesslich scheint die Wasserkontamination nicht ganz unbedenklich zu sein, wird doch die betroffene Bevölkerung aufgefordert, bei hohem Fieber, Durchfall oder Erbrechen einen Arzt zu konsultieren.

Wie dem auch sei, auf jeden Fall zeigt dieses Ereignis, auch wenn die Folgen nicht gravierend sind, wie anfällig und verletzbar unsere stark vernetzte Infrastruktur ist. Immer mehr wird das an Komplexität wachsende Netzwerk, das ohne Strom nicht funktionieren kann, elektronisch gesteuert und kontrolliert. Bereits spricht man vom «Allesnetz», dem Internet der Dinge, das es ermöglichen soll, physische und virtuelle Gegenstände miteinander zu vernetzen und sie durch ausgeklügelte Informations- und Kommunikationstechniken zusammenarbeiten zu lassen. Doch die besten Systeme nützen nichts, wenn sie im Ernstfall versagen.

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