Obergösgen

Solothurner als Kanu-Guide auf dem Hallwilersee: «In meinem Herzen wohnt ein kleiner Indianer»

Matthias Näf aus Obergösgen verbringt viel Zeit in seinem Kanu auf dem Hallwilersee. Ob er den berüchtigten Kaiman schon gesehen hat?

Eine «Kanu-Croco-Tour auf dem Hallwilersee» konnte man während den Sommerferien auf der Website von Matthias Näf buchen. Der 50-jährige Obergösger ist Kanuguide. Der Hallwilersee ist so was wie seine Homebase. Er bietet seit acht Jahren Touren auf dem Aargauer See an und kennt ihn wie seine Westentasche. «Das Ufer vom Hallwilersee ist nicht bebaut und im Schilf am Seeufer kann sich schon ein Kaiman verstecken», sagt Näf augenzwinkernd. Er war eben erst auf dem Hallwilersee und hat eine Tour begleitet. Leider habe er ausser Schwemmholz nichts Krokodilartiges im Wasser gesehen. «Wenn ich ihn hätte fangen können, wäre ich jetzt der ‹Crocodile Dundee› vom Hallwilersee», sagt er und lacht schallend.

«In meinem Herzen wohnt ein kleiner Indianer»

Matthias Näf sitzt an seinem Küchentisch und dreht während dem Reden ein Plastikkanu, mit dem er schon als kleiner Bub gespielt hat, in den Händen. «Ich bin eindeutig ein Winnetou-Kind. In meinem Herzen wohnt ein kleiner Indianer», sagt er grinsend. Vielleicht komme daher seine Faszination für das Kanufahren. Woher diese aber genau kommt, scheint der 50-Jährige nicht wichtig zu finden. Es macht den Anschein, dass er sich nur ungern mit grossen Theorien aufhält und sein Leben intuitiv gestaltet.

«Als ich in der sozialen Arbeit im Aargau tätig war, habe ich bemerkt, dass ich nur noch im Büro sitze», sagt er. Das habe ihn unglücklich gemacht. Draussen in der Natur sportlich aktiv zu sein, fehlte ihm. So habe er sich 2008 einen Ruck geben müssen und eine Ausbildung zum Outdoorguide gemacht. Ein Jahr darauf hat er die Kanuguide-Spezialisierung gemacht. Nach diesen Kursen konnte er den Natursport mit Erlebnispädagogik verbinden: Er begleitete Schüler und Schülerinnen, die ein sogenanntes «Time-Out» von der Schule verordnet bekommen haben.

Ein «Time-Out» kann bis zu drei Monate dauern und wird gesprochen, wenn die Schüler im Unterricht nicht mehr tragbar sind. Näf meint, dass es meist ein Manko an Sozialkompetenz sei. Um dieses aufzubauen, habe er mit den Schülern viel Zeit draussen in der Natur verbracht. «Es hat wirklich gut funktioniert, aber ich habe einfach zu wenig Angebote bekommen.»

Ein anderes Vorwärtskommen

Heute unterrichtet er an der höheren Fachschule für Sozialpädagogik und Kindererziehung in Bern unter anderem Erlebnispädagogik. «Meine Outdoor-Ausbildungen haben mir schlussendlich geholfen, diesen Job zu bekommen, obwohl ich das damals noch nicht ahnen konnte», sagt Näf.

Neben seinem Lehrerberuf organisiert er Kanutouren mit seiner Firma «Kanuzyt», die er 2011 gegründet hatte. Bei diesen Touren können sich alle anmelden, die schwimmen können. Wie man paddelt, wird vor Ort erklärt. «Mir geht es darum, dass die Teilnehmer eine gute Zeit haben und runterfahren können», meint er. «Das finde ich schon wertvoll genug. Ich muss das nicht noch als Erlebnispädagogik verkaufen.»

Näf bietet auch Kurse für Schulklassen an. «Man sitzt wortwörtlich im gleichen Boot», sagt er, «und wenn sich dann zwei zanken und meinen, der andere sei Schuld, dass das Boot nicht vorwärtskommt, dann ist das ein Kommunikationsproblem und kein technisches.» Da würde er auch bei den kleinen Touren als Pädagoge intervenieren und nicht nur als Kanuguide. «Aber das ist kaum nachhaltig, da muss man länger als ein paar Stunden miteinander arbeiten», erklärt er.

Er leitet auch mehrtägige Touren – auf allen Gewässern in der Schweiz. So zum Beispiel eine dreitägige Tour vom Bodensee Richtung Basel. «Auch wenn die Schweiz dicht besiedelt ist, hat man von den Flüssen aus eine andere Perspektive und scheint fernab vom bebauten Gebiet zu sein», sagt er. «Es ist ein anderes Vorwärtskommen auf dem Wasser.»

«Man muss das Ruder in eigenen Händen halten»

Seine Hauptmotivation für diese Touren käme daher, dass er gerne mit Leuten in der Natur unterwegs sei. Pädagogische Absichten hat er dann trotzdem noch: Er will, dass die Menschen einen guten Umgang mit dem Wasser lernen. Das sei besonders in der Schweiz mit den vielen Gewässern wichtig. Entweder hätten die Leute Angst vor Wasser oder sie würden die Gefahren unterschätzen.

Ausserdem sei die Zeit in der Natur in der heutigen digitalisierten und technisierten Welt besonders wichtig. Ursache und Wirkung seien in dieser Welt nicht immer sichtbar. Wenn man aber im Kanu sitzte, würde man merken, dass jede gefällte Entscheidung eine unmittelbare Wirkung hat: «Man muss das Ruder — bei einem Kanu das Paddel — in den eigenen Händen halten, um den Kurs zu bestimmen.»

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Autorin

Judith Frei

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