Serie: Kampf um Gösgen

«So stelle ich mir Krieg vor»: Wie Aktivisten im Sommer 1977 die Anti-AKW-Demo erlebten

Sommer 1977: Polizisten setzen gegen Tränengas gegen Demonstranten ein, nachdem diese die Zufahrt zum Kernkraftwerk Gösgen blockieren wollten.

Sommer 1977: Polizisten setzen gegen Tränengas gegen Demonstranten ein, nachdem diese die Zufahrt zum Kernkraftwerk Gösgen blockieren wollten.

Im Sommer 1977 erschütterten die Ausschreitungen im Zuge der Anti-AKW-Demonstrationen gegen das Kernkraftwerk Gösgen die Schweiz. In unserer Sommerserie lassen wir Aktivisten von damals zu Wort kommen – Teil 2 unserer Sommerserie.

Im Juli 1977 versuchten Aktivisten, die Zufahrt zum Kernkraftwerk Gösgen zu besetzen. Ihnen gegenüber stand ein Polizeiaufgebot mit fast 1000 Mann, ausgerüstet mit Tränengas, Schlagstöcken und Gummischrot und unterstützt von Schützenpanzern und Helikoptern. Es war ein bis dahin einzigartiges Sicherheitsdispositiv an einer Kundgebung in der Schweiz. Das Aufeinandertreffen von Polizei und Demonstranten endete fast in einer Katastrophe. Im kollektiven Gedächtnis sind die Anti-AKW-Demonstrationen noch präsent, ebenso in den Erinnerungen der Teilnehmer von damals.

Die Bewahrung der Schöpfung

«Bei der ersten Demonstration fehlt mir als 15-Jährigem noch die richtige Ausrede, damit ich die Erlaubnis erhielt», sagt John Steggerda. Am 2. Juli 1977, als die AKW-Gegner zu einem neuen Anlauf ansetzten, war dann auch er dabei und marschierte von der Oltner Friedenskirche in Richtung Kraftwerk. Trotz seiner Jugendlichkeit fürchtete Steggerda damals um seine Zukunft und die einer ganzen Generation. «Erstmals machte ich mir Gedanken darüber, dass etwas geschaffen wird, was uns über viele Generationen belasten wird», sagt Steggerda rückblickend. «Ich wollte nicht, dass meine Zukunft und die meiner Kinder so stark mit atomarem Müll belastet wird.» Sogar in der kirchlich geprägten Jugendarbeit in Trimbach, wo Steggerda aktiv war, wurde Atomenergie zum Thema. Schliesslich ging es um nichts Geringeres als die Bewahrung der Schöpfung.

In Kaiseraugst klappte es

Obwohl das Kernkraftwerk im Sommer 1977 weitgehend fertiggestellt war, glaubten viele daran, die Inbetriebnahme noch verhindern zu können. In Kaiseraugst hatten die AKW-Gegner schliesslich durch wochenlange Besetzung den Bau eines neuen Kraftwerks verhindern können. An Pfingsten demonstrierten über 10 000 Menschen im Niederamt. Am 26. Juni waren es 3000, am darauffolgenden Wochenende wiederum 6000. «Ich glaubte daran, dass sich die Schweiz auf den richtigen Weg besinnt», so Steggerda. Womit er nicht gerechnet hatte, war das massive Polizeiaufgebot. «Die Polizei war überall», erinnert er sich. «Schon dieses Bild war für mich als junger Mensch bedrohlich.» Polizisten aus allen Kantonen waren ins Niederamt beordert worden. «Sie waren mit Helmen, Gewehren mit Gummischrot und Wasserwerfern vor Ort», schildert Steggerda. Und aus der Woche zuvor wussten die Demonstranten, dass die Polizei nicht bloss zuschauen würde.

Die Demonstranten besetzten die Zufahrtswege zum Kraftwerk und liessen ein Ultimatum der Polizei zum Abzug verstreichen. Gegen Abend eskalierte die Situation. Aktivisten sollen die Polizei mit Gegenstände beworfen haben, heisst es später. Diese reagiert prompt. «Um mich herum wurden Leute mit Gummischrot beschossen und sackten vor Schmerz zusammen», beschreibt Steggerda die Szene. «Einige bluteten und alle versuchten sich vor den Geschossen und dem Tränengas zu schützen. So stelle ich mir Krieg vor», sagt Steggerda. Er hatte insofern Glück, als er vor der Aktion von einem älteren Kollegen eine Gasmaske bekommen hatte. Dennoch waren die Demonstranten zum Rückzug gezwungen. Die Polizei drängte sie durch die Unterführung in Däniken zurück. Unter den Demonstranten bricht Panik aus. Im Chaos retteten sich einige über die Bahngeleise – nur Augenblicke vor der Durchfahrt eines Schnellzuges.

1977 besetzten AKW-Gegner die Zufahrt zum Kraftwerk Gösgen

1977 besetzten AKW-Gegner die Zufahrt zum Kraftwerk Gösgen

Das Schweizer Fernsehen widmete sich 1977 in der Sendung «Blickpunkt» den Protesten gegen das Kernkraft Gösgen.

Eine Machtdemonstration

Das Ganze sei eine Machtdemonstration gewesen, resümiert John Steggerda. «Wir wurden einfach so von der Strasse gefegt.» Die Bilder verfolgten ihn während Monaten, vor allem in der Nacht. Das Erlebnis aus seiner Jugendzeit habe ihn zweifelsfrei geprägt. Ich bin seither ein politischer Mensch», sagt er über sich. Es lehrte ihn, wie wichtig es ist, gemeinsam mit Gleichgesinnten für seine Überzeugung einzustehen. Ausserdem führte es dazu, dass sich der Trimbacher bis heute für andere Menschen einsetzt, sei es in der Jugendarbeit, als Sozialarbeiter, früher in der Feuerwehr oder der Kirche. Als Geschäftsleiter von Pro Infirmis Aargau-Solothurn setzt er sicht heute für die Interessen von Menschen mit Behinderung ein. Minderheiten müssen angehört werden, ist Steggerda überzeugt. Demonstrationen könnten dazu ein legitimes Mittel sein. So lange sie friedlich seien. Krawallmacher, die nur die Konfrontation suchen, würden der Botschaft der friedlichen Teilnehmer nur schaden, sagt Steggerda etwa im Hinblick auf die G20-Demonstrationen in Hamburg im vergangenen Monat, wo vor allem die Ausschreitungen von Linksaktivisten für Schlagzeilen sorgten.

Lektion fürs Leben

An seiner Haltung gegenüber der Atomenergie hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten nichts geändert: «Noch heute erachte ich Gösgen und die Atomkraft als falschen Weg», sagt er. Keine Generation habe das Recht, eine solche «Büchse der Pandora» zu öffnen, wie er sagt. Erst recht nicht, wenn sie keine Ahnung habe, wie mit den Folgen umzugehen sei. Der Volksentscheid zur Energiestrategie 2050 stimmt ihn denn auch zuversichtlich. In der Volksabstimmung vom vergangenen Mai hat die Schweiz Ja zum revidierten Energiegesetz und damit gleichzeitig Nein zum Bau neuer Atomkraftwerke gesagt. «Auch wenn wir Schlachten wie in Gösgen verlieren, dürfen wir nun erleben, dass der Kampf gegen die AKW gewonnen werden kann.»

Noch eine Lektion hat er von Gösgen gelernt: «Dass unser System nicht einfach die Schwächeren schützt, sondern auch die Interessen der Starken und Mächtigen vertritt.» Seither sei er politisch aktiv, wenn auch keiner Partei zugehörig. Engagement betrachtet er als seine Pflicht. «Wir sind verantwortlich für diese Welt. Wir können sie verändern und verbessern.»

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