Schönenwerd
Sie ist das Gotti des Eppenbergtunnels

«Mich hat das Tunnelfieber gepackt», erzählt Karin Imbimbo. Die Schönenwerderin, die als Gemeindeschreiberin von Eppenberg-Wöschnau arbeitet, erzählt von ihren Aufgaben als Tunnelpatin und wie sie dazu gekommen ist.

Rahel Bühler
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Die Tunnelpatin Karin Imbimbo.

Die Tunnelpatin Karin Imbimbo.

Remo Fröhlicher

Mineur gilt seit je als Männerberuf. Eine weibliche Form des Tunnelbauers, Mineurin etwa, gibt es gar nicht. Doch mindestens eine Frau ist auf jeder Tunnelbaustelle dabei: die heilige Barbara, die Schutzpatronin der Mineure.

Gemäss christlicher Legende starb sie im Jahr 306 nach Christus als Märtyrerin und seit dem Mittelalter ist sie die Schutzpatronin der Mineure. Der Glaube an sie soll dafür sorgen, dass bei der gefährlichen Arbeit in den Tunneln nichts Schlimmes geschieht. Das ist ein jahrhundertealter Brauch. Auf jeder Tunnelbaustelle wird sie deshalb als Statue nahe einem Felsen dargestellt. Auch auf der Eppenbergtunnel-Baustelle: Dort blickt sie vom Tunneleingang auf die Arbeiter herab.

Während der Bauphase eines Tunnels wird die heilige Barbara zudem von einer Sterblichen verkörpert. Als «irdische Vertreterin der Schutzpatronin» quasi. Beim Eppenbergtunnel ist dies die Schönenwerderin Karin Imbimbo.

Wie sie zu diesem Amt gekommen ist, weiss die zweifache Mutter noch ganz genau: «Im März hat mich der verantwortliche Abschnittsleiter der SBB angefragt.» Damals habe sie sich gefragt, was eine Tunnelpatin sei. Nach entsprechender Internetsuche war sie informiert.

«Ich habe spontan zugesagt.» Wieso die SBB schlussendlich sie auserwählt haben, ist ihr nicht bekannt. Gemeinsamkeiten zur heiligen Barbara vermutlich nicht, fügt sie schmunzelnd hinzu.

Repräsentative Aufgaben

Als Gotti oder Götti eines Kindes hat Mann oder Frau klar festgelegte Aufgaben: Geschenke kaufen, mindestens zum Geburtstag, Ostern und Weihnachten, Hütedienst leisten, Ausflüge unternehmen. Und: Gotti ist man auf Lebzeiten. Etwas anders gestaltet sich der Alltag als Tunnelpatin: «Ich habe vor allem repräsentative Aufgaben», erzählt Karin Imbimbo.

Viele waren dies bislang nicht. Seit sie im Frühling zur Tunnelpatin erkoren wurde, war sie beim sogenannten Anstich im April dabei. Weitere werden noch folgen: Im Oktober wird beispielsweise der Bohrkopf eingehoben, voraussichtlich Ende Jahr erfolgt der Start der Tunnelbohrmaschine. «Ein weiterer Meilenstein wird der Durchstich in Gretzenbach Ende 2017 oder Anfang 2018 sein», schaut die Schönenwerderin voraus.

Apropos Bohrkopf: In der Branche wird dieser üblicherweise nach dem Namen der Tunnelpatin benannt. Derjenige des Gotthard-Tunnels hiess zum Beispiel Gabi. Nach der Urnerin Gabi Huber, die damals FDP-Nationalrätin war und die Patenschaft für den Gotthard-Tunnel übernommen hat. «Mir hat man davon auch schon erzählt, aber ich habe abgewinkt», meint Imbimbo.Also kein Bohrkopf namens Karin, der sich in den Stein fressen wird.

Am Mittwoch wurde der Bohrkopf an die Tunnelbohrmaschine montiert. Bis Ende Jahr sollte die komplettiert sein.
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.Der Eppenbergtunnel wird Ende 2020 in Betrieb genommen.
Der Bohrkopf hat einen Durchmesser von 12.75 Metern...
... und ein Gewicht von 234 Tonnen.
Bis Ende Jahr soll die Tunnelbohrmaschine komplettiert werden.

Am Mittwoch wurde der Bohrkopf an die Tunnelbohrmaschine montiert. Bis Ende Jahr sollte die komplettiert sein.

Remo Fröhlicher

Doch zurück zum Gotthard: «Meine schönste Erinnerung an den Gotthard ist der Moment, als im Juni 2009 der Hauptdurchbruch stattfand und ich als Erste durch das schmale Loch auf der anderen Seite schlüpfen durfte», sagte Huber an der Gotthard-Eröffnung am 1. Juni 2016.

Auch wenn Karin Imbimbo nie durch ein schmales Loch in den Eppenbergtunnel schlüpfen wird, verbindet sie so einiges mit dem Eppenbergtunnel, auch wenn dieser de facto noch gar nicht erbaut ist: Zum einen hatte die 49-Jährige als Gemeindeschreiberin von Eppenberg-Wöschnau in der Vergangenheit viel Kontakt mit den SBB: «Unendlich viele Pläne und Dossiers für das gesamte Projekt lagen bei uns auf der Gemeindeverwaltung im Rahmen des Plangenehmigungsverfahrens auf», berichtet sie.

«Zu Beginn habe ich allerdings nur weniges davon verstanden», fügt sie lachend hinzu. Zum anderen ist sie als Bewohnerin von Schönenwerd direkt betroffen: 70 Meter unter ihrem Haus führt der Tunnel hindurch. Das seien wohl die Beweggründe der SBB gewesen, sie als Tunnelpatin auszuwählen, meint Imbimbo. Bedenken wegen Schallemissionen seien vorhanden, aber nicht in grossem Ausmasse: «Unser Haus steht ja gut 70 Meter über dem Tunnel.»

Mit dem Tunnelfieber infiziert

«Mich hat das Tunnelfieber gepackt», erzählt Karin Imbimbo während des Interviews. Tunnelfieber? «Es hat mich ergriffen, als ich im vergangenen Frühling zum ersten Mal auf der Baustelle stand und das riesige Projekt betrachtete. Definitiv infiziert wurde ich schliesslich dann, als ich nach den Detailausführungen des Sprengmeisters mit einem Knopfdruck eine Sprengung auslösen durfte», erzählt die Schönenwerderin mit einem Leuchten in den Augen. Auch um die Bedeutung der Baustelle für die Region ist sich Karin Imbimbo bewusst: «Es ist eine der grössten Baustellen und ich finde es extrem spannend, so nahe am Geschehen dabei zu sein.»