Im Jahr 1884 haben sich 70 Männer im Dorf Erlinsbach zusammengefunden. Ihr Anliegen war es, Familien bei krankheits- oder unfallbedingtem Arbeitsausfall des männlichen Ernährers mit der Auszahlung von einem Taggeld finanziell zu unterstützen.

Die Gründung der Männerkrankenkasse Erlinsbach fiel dabei in eine Zeit, als der Arbeiterschutz und das Krankenversicherungswesen noch in den Kinderschuhen steckten. Mit dem eidgenössischen Fabrikgesetz von 1877 wurde erstmals eine Gegenrichtung zu den bis dahin fehlenden regulativen Bestimmungen betreffend Arbeiterschutz eingeschlagen. Ein Normalarbeitstag wurde auf elf Stunden begrenzt und eine Haftpflicht der Unternehmer gegenüber Arbeitnehmenden bei körperlicher Schädigung am Arbeitsplatz eingeführt. Parallel dazu existierten 1880 rund 900 Krankenkassen, die damals allerdings noch keinem eidgenössischen Krankenversicherungsgesetz unterstellt waren.

Eine dieser Kassen war die Männerkrankenkasse Erlinsbach. Mit einem Beitritt und jährlichen Beitrag von 5.40 Franken war jedes männliche Mitglied bei Unfall oder Krankheit mit einem Taggeld von einem Franken während 90 Tagen versichert. Eine solche Versicherung war für viele der Handwerker- und Bauernfamilien im Dorf existenzsichernd.

Kameradschaft statt Taggeld

Heute zählt die 135-jährige Krankenkasse 103 Mitglieder. «Dies macht unsere Krankenkasse zu einem der grösseren Vereine in unserer Talschaft», betont der Präsident Roberto Heller. Dabei stehe im Vordergrund ihrer Tätigkeit längst nicht mehr die Auszahlung von Taggeldern. Die meisten Mitglieder würden auch bei allfälliger Krankheit nicht auf eine Auszahlung des mittlerweile auf vier Franken angelegten Taggelds bestehen. Im Fokus ihrer Arbeit stehe vielmehr der Austausch zwischen Jung und Alt sowie das kameradschaftliche Zusammensein. So versteht man sich gemäss Heller auch nicht mehr als Krankenkasse, sondern vielmehr als Verein. Das Interesse an einem Engagement liege bei den meisten Mitgliedern im Bedürfnis begründet, dass der Verein auch nach 135 Jahren bestehen bleibt. «Es geht uns in erster Linie um den Erhalt eines traditionsreichen und in Erlinsbach verwurzelten Vereins.»

Gelebte Traditionen

Auch wenn die Statuten 2016 neu ausgearbeitet wurden, so bleibt doch einiges von früher bewusst am neuen Anstrich haften. Überreste aus vergangenen Zeiten sind beispielsweise zwei Artikel mit moralischem Grundtenor, die aus Traditionsgründen in die neuen Statuten übernommen wurden. So findet sich etwa die Bestimmung, dass beim Entscheid über Aufnahme oder Nichtaufnahme der «bisherige Lebenswandel» berücksichtigt werden könne oder dass ausgeschlossen werden kann, wer durch einen «liederlichen Lebenswandel seine Gesundheit schädigt».

Dass die Männerkrankenkasse auch heute noch ein reiner Männerverein ist, möchten Heller und Emil Mäder, seit 25 Jahren Aktuar des Vereins, keinesfalls mit Frauenfeindlichkeit verbunden wissen. «Es ist eben Tradition», sagt Mäder. So galt in der Gründerzeit der Ehemann und Vater als Familienernährer. Ein allfälliger Verdienstausfall bei Krankheit oder Unfall konnte eine Familie rasch an den Rand der Existenz drängen. Vor diesem Hintergrund sei die Männerkrankenkasse schliesslich ins Leben gerufen worden, so Mäder.
Auch bei der Mitgliederwerbung setzt der Verein auf Altbewährtes. Auf einen digitalen Auftritt verzichtet der Verein gemäss Heller bewusst. Stattdessen baue man auf Mund-zu-Mund-Propaganda. «Bei uns ist es üblich, dass der Vater bei seinen Söhnen das Interesse für den Verein weckt.»

Ferner ist der Verein auch von der ursprünglich lokalen Ausrichtung der Krankenkasse nur wenig abgerückt. Zwar gilt als Aufnahmebedingung nicht mehr wie früher ein Wohnsitz in den beiden Erlinsbach SO/AG, doch ein Bezug zu den beiden Gemeinde muss gemäss Statuten gegeben sein.

Aufgenommen wird zudem, wer mit folgenden Eigenschaften glänzt: männlich, gesund und zwischen 18- und 55-jährig. Bei einem Jahresbeitrag von 50 Franken steht jedem Mitglied ein Taggeld von vier Franken zu und einmal jährlich erfolgt ein Zusammensein bei einem Abendessen im Rahmen der Generalversammlung.